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Sonntag, 04.12.2016
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Rollenspiele senken die Urteilskraft

Hineinversetzen in eine virtuelle Figur senkt das Vertrauen in eigene Entscheidungen

Blindes Vertrauen in die Maschine? Wer ein Rollenspiel am Computer spielt, folgt anschließend eher dem Urteil eines Computers in Entscheidungsfragen – auch wenn dieser objektiv falsch liegt. Das zeigt ein Experiment eines internationalen Forscherteams. Demnach ist beim Eintauchen in eine virtuelle Welt die Identifikation mit dem Computer stark genug, unser Verhalten und Urteilsvermögen nachhaltig zu beeinflussen. Die Psychologen warnen darum vor möglichen Folgen für das Sozialverhalten.
Eingetaucht in die virtuelle Welt - abgeschottet von der wirklichen?

Eingetaucht in die virtuelle Welt - abgeschottet von der wirklichen?

Computer übernehmen immer mehr Funktionen in unserem Alltag, von Arbeit bis Freizeit. Vielfach diskutiert wird darum, wie sich das auf unser Verhalten auswirkt. Im Zentrum solcher Diskussionen stehen oft Computerspiele: Einerseits scheinen sie zum Beispiel die Koordinations- und Entscheidungsfähigkeit zu fördern. Andererseits flammt auch immer wieder der Streit auf, inwiefern Gewalt in Computerspielen aggressiv macht.

Zustimmung mit virtuellem Assistenten?


Wissenschaftler um Ulrich Weger von der Universität Witten/Herdecke haben untersucht, ob sich das Hineinversetzen in einen Avatar, also eine virtuelle Person in einem Computerspiel, auf die Urteilskraft eines Menschen auswirkt. Dazu ließen sie einen Teil ihrer Versuchspersonen zunächst sieben Minuten lang ein Rollenspiel am Computer spielen. Die Probanden der Kontrollgruppe schauten den Spielern dabei einfach nur über die Schulter.

Anschließend präsentierten die Wissenschaftler den Studienteilnehmern zwei verschiedene Kandidaten für eine bestimmte Berufstätigkeit. Einer von beiden war dabei nach beschriebener Motivation und Fähigkeit jeweils besser geeignet. Bevor die Versuchsteilnehmer ihre Meinung abgaben, beurteilten zwei virtuelle Assistenten im Computer die Kandidaten. In manchen Fällen waren deren Urteile richtig, in anderen Fällen falsch. Dann sollten die Probanden ihr Urteil abgeben.


Identifikation mit dem Computer


"Von besonderem Interesse waren für die Studie die Fälle, in denen die virtuellen Assistenten falsche Urteile abgaben", erläutert Psychologe Weger. Dann nämlich gerieten die Versuchspersonen in einen Konflikt, wenn sie selbst anderer Ansicht waren: Sollten sie ihre eigene Meinung vertreten, oder dem Urteil des Computers folgen? "In diesen Fällen zeigte sich, dass Personen, die vorab ein virtuelles Rollenspiel gespielt hatten, eher geneigt waren, sozusagen blind den Einschätzungen der virtuellen Assistenten zu folgen - sie gaben dann auch ihrerseits gehäuft das falsche Urteil ab."

Dies sei aus psychologischer Sicht wenig verwunderlich, so Weger. Frühere Studien haben ein ähnliches Verhalten bereits in anderen Situationen gezeigt: Wenn wir uns einer Mehrheit mit anderer Meinung, einem Experten oder auch nur einem vermeintlichen Experten gegenübersehen, neigen wir dazu, uns anzupassen – selbst wenn wir überzeugt sind, dass wir eigentlich Recht haben.

Langfristige Folgen


Der aktuellen Studie zufolge ist die Identifikation mit dem Computer und dem Avatar beim Rollenspiel so stark, dass der Computer diese Expertenfunktion übernimmt. Wir vertrauen ihm mehr als unserer eigenen Urteilskraft und folgen geradezu blind seinen Vorgaben. Diese Identifikation mit dem Computer tritt allerdings nur beim Spielen so stark auf, nicht beim Zuschauen, wie Tests mit der Kontrollgruppe zeigten.

Weger mahnt wegen solcher Einflüsse auf das Verhalten zur Vorsicht: "Eltern, Pädagogen und Spieler müssen die Konsequenzen dieses Spielverhaltens im Auge behalten und entsprechende Maßnahmen ergreifen." Das Eintauchen in eine virtuelle Realität könne langfristige Folgen haben, bis hin zur Entfremdung von realen zwischenmenschlichen Begegnungen. "Vor dem Hintergrund dieser Studien sollten wir uns fragen, was solche Spiele mit uns machen und wie wir damit umgehen wollen." (Psychonomic Bulletin & Review, 2015; doi: 10.3758/s13423-014-0778-z)
(Universität Witten/Herdecke / Springer Link, 16.01.2015 - AKR)
 
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