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Montag, 26.09.2016
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Unsere Ökosysteme ersticken am Stickstoff

Gutachten bestätigt übermäßigen Eintrag von Stickstoff aus Dünger und Abgasen

Unterschätztes Umweltproblem: Fast die Hälfte der natürlichen Ökosysteme in Deutschland sind inzwischen mit Stickstoff überdüngt. Hauptgrund dafür ist die Landwirtschaft. Das bestätigt nun ein neues Gutachten des Sachverständigenrats für Umweltfragen. Er warnt vor den Gefahren dieser Stickstoff-Schwemme und empfiehlt Gegenmaßnahmen. Umweltschützer mahnen zur Eile: Ihnen gehen die Empfehlungen nicht weit genug, sie fordern rasches und wirksames Handeln.
Gülle aus der Tierhaltung dient vielfach als stickstoffhaltiger Dünger - in viel zu großer Menge.

Gülle aus der Tierhaltung dient vielfach als stickstoffhaltiger Dünger - in viel zu großer Menge.

Stickstoff ist überlebenswichtig für alle Organismen. Aus diesem Grund sind Stickstoffverbindungen wie Ammoniak und Nitrat wichtige Bestandteile vieler Düngemittel. In der Landwirtschaft liefert dieser Stickstoffdünger den angebauten Pflanzen die Nährstoffe, um schneller, größer und ertragreicher zu wachsen. In der Massentierhaltung fallen große Mengen an stickstoffhaltiger Gülle an, die zum Teil ebenfalls als Dünger dient.

Algenblüten und Klimawandel


Die Schattenseite davon: Seit Jahren gelangen aus Landwirtschaft und Tierhaltung gefährlich viel Stickstoff in Wasser, Luft und Böden. Nitrat kann so das Trinkwasser erheblich belasten. Durch die Überdüngung vermehren sich außerdem stickstoffliebende Arten von Mikroorganismen, es kommt zu Algenblüten und einem Verlust der Artenvielfalt.

Nicht zuletzt tragen Stickstoffverbindungen zum Klimawandel bei: Das Distickstoffmonoxid Lachgas entsteht zwar in vergleichsweise geringen Mengen, ist jedoch ein rund 300 Mal stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid. Es tritt ebenfalls aus Düngemitteln aus, entsteht jedoch auch in Verkehrs- und Industrieabgasen.


Effizienter Einsatz an Dünger könnte große Mengen einsparen.

Effizienter Einsatz an Dünger könnte große Mengen einsparen.

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) hat zu dieser Problematik das Sondergutachten "Stickstoff – Lösungsstrategien für ein drängendes Umweltproblem" veröffentlicht. Laut diesem Bericht war 2009 fast die Hälfte der natürlichen und naturnahen Ökosysteme von Überdüngung betroffen. Etwa 27 Prozent des Grundwassers seien wegen eines zu hohen Nitratgehaltes in schlechtem Zustand.

Diese Probleme sind zwar mittlerweile bekannt, wirksam bekämpft werden sie jedoch bislang kaum: "Der Eintrag von Stickstoff in die Umwelt ist nach wie vor zu hoch", sagt Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. "Um Gesundheit und Natur besser und nachhaltig zu schützen, sind erhebliche Anstrengungen erforderlich, um zum Beispiel die Einträge aus der landwirtschaftlichen Düngung maßgeblich zu reduzieren."

Effizienterer Umgang mit Stickstoffdünger notwendig


Der Sachverständigenrat empfiehlt, eine neue Strategie zu entwickeln, die sowohl Ziele für gesenkte Stickstoffemissionen als auch effiziente Maßnahmen zum Erreichen dieser Ziele enthalten solle. Neben Emissionen insbesondere aus der Verbrennung fossiler Energieträger in den Sektoren Verkehr und Energiewirtschaft spiele die Landwirtschaft darin eine Schlüsselrolle. Als besondere Prioritäten nennt der SRU eine Überarbeitung der Düngeverordnung, die die Ausbringung von Gülle regeln soll, sowie die Weiterentwicklung der europäischen Luftreinhaltepolitik und eine Umweltabgabe auf Stickstoffüberschüsse.

Kohlekraftwerke ruinieren die Klimabilanz Deutschlands (hier das Kraftwerk Niederaußem).

Kohlekraftwerke ruinieren die Klimabilanz Deutschlands (hier das Kraftwerk Niederaußem).

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) begrüßt das Gutachten und betont die Notwendigkeit, effizienter mit Dünger umzugehen: "Nur etwa 60 Prozent der gedüngten Stickstoffmengen finden sich in Deutschland später auch in den geernteten Produkten wieder, weltweit sind es noch weniger", sagt Werner Wahmhoff von der DBU. "Deshalb ist die Effizienz der Stickstoffdüngung aus Umweltschutzgründen stark verbesserungsbedürftig."

Klare Vorgaben nötig


Auch der Verein "Deutsche Umwelthilfe" (DUH) stimmt dem Gutachten grundsätzlich zu. Die DUH mahnt gleichzeitig zur Eile und bezichtigt die Bundesregierung, die Umweltprobleme zu verschleppen: "Die Bundesregierung soll dieses Jahr einen Vorschlag zur dringend notwendigen Reform der Düngeverordnung machen. Einen konkreten Zeitplan bleibt sie aber schuldig", so Sascha Müller-Kraenner von der DUH. Nötig seien zum Beispiel klare und anspruchsvolle Vorgaben für Tierhaltungsanlagen. Auch die Verursacher der Stickstoffeinträge sollten mehr zur Verantwortung gezogen werden.

Senken ließe sich die Menge der Stickstoffemissionen auf mehreren Wegen: In moderneren Düngeverfahren etwa lässt sich der Zustand der Pflanzen zunächst überprüfen, so dass anschließend nur so viel Dünger ausgebracht wird, wie wirklich nötig ist. Auch lässt sich der Dünger so in den Boden injizieren, dass weniger Stickstoffverbindungen in die Atmosphäre ausgasen können. Die DUH fordert außerdem, alte Kohlekraftwerke abzuschalten und höhere Anforderungen an die Automobilindustrie zu stellen, um Stickoxid-Emissionen drastisch und wirkungsvoll zu senken. Nur so könnten sich Stickoxide in Städten reduzieren und die EU-Grenzwerte einhalten lassen.

Eine Kurzfassung des Gutachtens stellt der SRU auch zum Download zur Verfügung.
(BMUB / SRU / DBU / Deutsche Umwelthilfe e.V., 15.01.2015 - AKR)
 
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