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Samstag, 01.10.2016
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Geier: Doppelter Schutz gegen giftiges Aas

Forscher finden heraus, warum Geier bakterienverseuchtes Aas vertragen

Geier mögen es giftig: Das Aas, das die Geier fressen, wäre für die meisten anderen Tiere tödlich. Denn es wimmelt nur so von bakteriellen Krankheitserregern und ihren giftigen Ausscheidungen. Warum die Geier trotzdem nicht krank werden, haben dänische Forscher nun untersucht. Demnach schützen sich die Aasfresser auf gleich doppelte Weise: Sie töten die meisten Keime radikal ab und gehen mit dem Rest eine für beide Seiten profitable Beziehung ein, so die Forscher im Fachmagazin "Nature Communications".
Ein Truthahngeier frisst an einem toten Vogel

Ein Truthahngeier frisst an einem toten Vogel

Wenn Geier speisen, geht es nicht gerade manierlich zu: Mit ihren scharfen Schnäbeln reißen sie Löcher in die halbverwesten Kadaver und rupfen Eingeweide und Fleisch heraus. Blut spritzt umher und es stinkt gewaltig. Denn längst hat im Inneren des Kadavers der Verwesungsprozess eingesetzt: Bakterien zersetzen das Fleisch und die Körpersäfte und setzen dabei Gase und giftige Abfallprodukte frei. Mit jedem Biss nehmen die Geier daher eine gehörige Portion gefährliche Krankheitserreger und ihre Toxine auf.

Kopf im After


Und nicht nur das: "Um an das Innere von Kadavern mit sehr zähen Häuten zu kommen, stecken die Geier ihre Köpfe oft in natürliche Körperöffnungen der toten Tiere – vor allem in den After", erklären Michael Roggenbuck von der Universität von Kopenhagen. Dadurch kommen sie mit besonders vielen gesundheitsschädlichen Mikroben in Kontakt, darunter Chlostridien, die das Gift Botulinumtoxin produzieren.

Doch das, was andere Tiere umbringen würde, scheint den Geiern nichts auszumachen. Selbst Anthrax, das Gift des Milzbranderregers, vertragen sie ohne Probleme. Um herauszufinden, warum die Geier diesen giftigen Mikrobencocktail überleben, untersuchten Roggenbuck und seine Kollegen die Mikrobenflora am Kopf und im Enddarm von 50 in den USA vorkommenden Geiern. Dadurch konnten sie unter anderem feststellen, wie viele und welche Verwesungsbakterien überhaupt bis in den Verdauungstrakt der Geier gelangen.


Radikale Säurekur


Das Ergebnis: Auf der Kopfhaut der Geier tummelten sich 528 verschiedenen Arten von Bakterien, im Darm dagegen nur 76 – beim Menschen oder anderen Tieren ist es eher umgekehrt. Dieser deutliche Unterschied spricht nach Ansicht der Forscher dafür, dass die über den Schnabel und die Nahrung aufgenommenen Mikroben schon stark dezimiert werden, bevor sie überhaupt den Enddarm der Vögel erreichen.

Meist fressen Geier das Aas sogar lieber, wenn es schon etwas "angegangen" ist.

Meist fressen Geier das Aas sogar lieber, wenn es schon etwas "angegangen" ist.

"Offensichtlich passiert mit den Bakterien etwas ziemlich Radikales", sagt Koautor Lars Hestbjerg von der Universität Aarhus. Im Verdauungssystem der Geier herrschen so extreme chemische Bedingungen und vor allem ein so saures Milieu, dass das Aas fast komplett sterilisiert wird. Nur Bakterien, die sich an diese Extrembedingungen angepasst haben, überleben daher die Darmpassage.

Eine klassische Win-Win-Beziehung


Doch das ist noch nicht alles. Denn unter den Bakterien, die den Ritt durch die Geier-Innereien offensichtlich problemlos überleben, sind ausgerechnet die fleischfressenden Fusobakterien und Chlostridien, wie die DNA-Analysen zeigten. "Die Geier haben eine Toleranz gegen diese gefährlichen Bakterien entwickelt", sagt Roggenbuck. Im Laufe der Zeit sind die Aasfresser offensichtlich gegen das von den Chlostridien abgegebene Gift immun geworden.

Die Forscher vermuten aber mehr dahinter als eine einseitige Duldung. Weil die Mikroben Enzyme absondern, die Fleisch zersetzen, könnten sie den Geiern sogar als mikrobielle Helfer dienen. In dieser mutualistischen Beziehung profitieren damit beide Partner: Die Bakterien bekommen eine für angenehm anaerobe, geschützte Umgebung und regelmäßig Fleischnachschub. Die Geier wiederum lassen die Bakterien für sich arbeiten und können dadurch das verschlungene Aas effektiver verdauen. (Nature Communications, 2014; doi: 10.1038/ncomms6498)
(Nature, 26.11.2014 - NPO)
 
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