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Sonntag, 22.01.2017
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Ostdeutschland: Oasen in "Schrumpfungslandschaft" entdeckt

Räumliches Nebeneinander von "Stabilitätsinseln" und Abwanderungsgebieten

Während die Bevölkerung in den meisten Regionen der alten Bundesländer im zurückliegenden Jahrzehnt weiter gestiegen ist, hat in Ostdeutschland in den letzten Jahren ein fast flächendeckender Schrumpfungsprozess eingesetzt. Dies zeigen laufende Forschungen des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL) in Leipzig. Danach beginnen selbst die suburbanen Räume um die großen Städte, die Mitte der 1990er-Jahre noch einen deutlichen Bevölkerungszuwachs erlebt hatten, wieder zu schrumpfen. Doch es gibt auch Oasen des Wachstums in dieser demographischen Schrumpfungslandschaft.
Für ihre Analyse der Wanderungsbewegungen in Ostdeutschland haben die IfL-Wissenschaftler umfangreiches statistisches Material ausgewertet und kartographisch dargestellt. Um neue Erkenntnisse über kleinräumige Migrationsprozesse zu gewinnen, beziehen die Leipziger Experten die Gemeindeebene in ihre Analyse ein. Bisherige Studien zur demographischen Entwicklung stützen sich meist auf die statistische Untersuchung von Raumordnungsregionen oder Landkreisen.

Schrumpfung keine Einbahnstraße


Wie die Karte der Bevölkerungsentwicklung der Gemeinden in Ostdeutschland für den Zeitraum 2000 bis 2002 zeigt, ist das Phänomen der demographischen Schrumpfung keine Einbahnstraße, sondern durch ein räumliches Nebeneinander unterschiedlicher Entwicklungen gekennzeichnet: wenigen "Stabilitätsinseln" stehen große Bereiche mit starken Bevölkerungsverlusten gegenüber. Die wenigen Stabilitätsinseln sind die Stadtregionen Berlin, Dresden, Leipzig und die thüringische Städtereihe, ergänzt durch kleinere Räume entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze und der Ostseeküste. Das negative Pendant dazu bilden Bänder von altindustriellen Regionen, etwa von Dessau bis Gera, von zu DDR-Zeiten industrialisierten ländlichen Regionen entlang der Grenze zu Polen und von ländlichen peripheren Räumen wie zum Beispiel in Vorpommern. Hier sehen die Experten des Leibniz-Instituts für Länderkunde die Problemräume der Zukunft.

Die in den neuen Ländern insgesamt niedrigen Geburtenraten spielen für die regionale Polarisierung der demographischen Entwicklung eine eher geringe Rolle. Diese sind nach dem massiven Rückgang nach der Wende wieder leicht angestiegen, ohne jedoch bis heute das Vorwendeniveau erreicht zu haben.


Reduktion um die Hälfte prognostiziert


Als Gründe für die aktuellen Polarisierungstendenzen haben die Wissenschaftler vielmehr die regional differenzierten Abwanderungsströme in die alten Länder ausgemacht. Während die Stabilitätsinseln aufgrund ihres positiven Images und ihres vergleichsweise attraktiven Angebots an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen nur geringe Wanderungsverluste an die alten Länder und somit stabile bis leicht ansteigende Bewohnerzahlen aufweisen, verlieren Städte wie Cottbus, Halle und Dessau allein durch die Westwanderung jährlich mehr als zwei Prozent ihrer Bevölkerung.

Sollte der aktuelle Abwanderungstrend bis 2050 anhalten, würde das bedeuten, dass die Bevölkerung in großen Teilen Ostdeutschlands sich gegenüber heute um mehr als die Hälfte reduziert - wenn nicht schon vorher eine Situation eintritt, in der alle herkömmlichen Versorgungssysteme versagen. Und dies, so die Leipziger Bevölkerungsexperten, sei kein Horrorszenario. Sie fordern deshalb einen konsequenten Paradigmenwechsel in der ostdeutschen Raumplanung vom Wachstum zur Schrumpfung und innovative Konzepte für nachhaltige Rückzugsstrategien aus der Fläche. Dies verlange den Mut der Politik, notwendige Maßnahmen rechtzeitig zu ergreifen, die Bevölkerung ausreichend zu informieren und, falls nötig, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen.
(Leibniz-Institut für Länderkunde, 28.10.2004 - NPO)
 
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