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Sonntag, 11.12.2016
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Erdgas-Boom kann Klimawandel nicht bremsen

Wirtschaftliche Effekte machen Vorteil von Gas gegenüber Kohle zunichte

Kein Klimaschutz durch billiges Erdgas – so lautet das Urteil von Wissenschaftlern aus gleich fünf Forschungsgruppen aus aller Welt. Zwar entsteht bei der Energiegewinnung aus Erdgas nur etwa halb so viel des Treibhausgases Kohlendioxid wie aus Kohle. Ein Gas-Boom durch neue Fördermethoden wie Fracking lässt jedoch auch die Preise fallen, wodurch der Verbrauch und damit die Emissionen im Endeffekt sogar steigen, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Nature".
Gasförderbrunnen in einem Frackinggebiet der USA

Gasförderbrunnen in einem Frackinggebiet der USA

Billiges Erdgas soll einen entscheidenden Beitrag zum Klimaschutz liefern: Die Befürworter von Fracking als Fördermethode argumentieren, dass Erdgas im Vergleich zu Kohle bei gleichem Energiegewinn nur halb so viel Kohlendioxid freisetzt. Der durch Fracking in den USA ausgelöste Gas-Boom hat gezeigt, dass sich mit der umstrittenen Technik tatsächlich massenhaft billiges Gas aus dem Boden quetschen lässt. "Der globale Einsatz neuer Produktionstechnologien könnte die weltweite Erdgasproduktion bis zum Jahr 2050 verdoppeln oder verdreifachen", sagt Hawon McJeon vom Pacific Northwest National Laboratory (PNNL) des US-Energieministeriums.

Emissionen könnten sogar steigen


Studien über die neu erschlossenen Gasvorräte und deren Mengen gibt es mittlerweile viele. Keine davon beschäftigte sich bisher jedoch mit den globalen wirtschaftlichen Konsequenzen von Erdgas als neuer Massenware. Forschungsgruppen aus Deutschland, den USA, Österreich, Italien und Australien haben deshalb nun berechnet, wie die Welt im Jahr 2050 mit und ohne Erdgas-Boom aussehen könnte. Sie verwendeten fünf verschiedene Simulationsmodelle, die nicht nur Produktion und Verbrauch von Energie erfassen, sondern ein breites Spektrum von Wirtschaftssektoren sowie das Klimasystem enthalten.

Darin zeigt sich: Die wirtschaftlichen Effekte auf den globalen Markt überlagern den Vorteil für den Klimaschutz. Bis Mitte des Jahrhunderts könnten die CO2-Emissionen sogar um bis zu zehn Prozent steigen, anstatt zu sinken. "Leider erweist sich die Hoffnung als irrig, dass Erdgas wegen seiner technischen Überlegenheit im Vergleich zur Kohle absehbar zu einer Verringerung der Erderwärmung beitragen kann", sagt Koautor Nico Bauer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und erläutert: "Das stark erhöhte Angebot von Erdgas führt zu einem Preisverfall und einer Ausweitung der gesamten Energie-Versorgung."


Erdgas-Bohrturm am texanischen Barnett-Shale Gasvorkommen

Erdgas-Bohrturm am texanischen Barnett-Shale Gasvorkommen

Den Studienergebnissen zufolge wird das zusätzliche Angebot an Gas dessen Anteil am Energie-Mix steigen lassen. Von der "schmutzigen" Kohle wird dadurch jedoch nur eine begrenzte Menge ersetzt. Außerdem könnten auch emmisionsärmere erneuerbare Energien und Kernenergie durch billigeres Gas ersetzt werden, so Bauer. Darüber hinaus verursacht eine erhöhte Gasproduktion auch einen höheren Ausstoß des starken Treibhausgases Methan, das aus Bohrungslecks und Rohrleitungen entweichen kann.

"Erdgas allein wird uns nicht retten"


Simulationen mit und ohne zunehmendes Erdgas zeigten nicht den wie erwartet sinkenden Wert für den CO2-Ausstoß: "Als wir bei unserem Modell kaum Veränderungen bei den Treibhausgasemissionen bemerkten, dachten wir zuerst, wir hätten einen Fehler gemacht, weil wir mit einer erheblichen Emissionsverminderung gerechnet hatten", sagt Studienleiter James Edmonds vom PNNL. "Aber als alle fünf Modellierteams uns davon berichteten, dass sie ebenfalls kaum Unterschiede hinsichtlich des Klimawandels erkennen konnten, wussten wir, dass wir da etwas Neuem auf der Spur waren." Erstautor McJeon fasst zusammen: "Unsere Untersuchung macht klar, dass reichlich Erdgas allein uns nicht vor dem Klimawandel retten wird."

Das hat weitreichende Folgen: Nach der geplatzten Hoffnung vom Erdgas als Klimaretter könne das Klima nur durch wirksam stabilisiert werden, indem für CO2-Emissionen gezahlt werden müsse, schlussfolgern die Forscher. Dies erfordere internationale Zusammenarbeit und verbindliche Vereinbarungen. "Technologische Fortschritte können die Kosten der Klimapolitik reduzieren – aber sie können die Klimapolitik nicht ersetzen," schließt der Ökonom Ottmar Edenhofer vom PIK.
(Nature, 2014; doi: 10.1038/nature13837)
(Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, 16.10.2014 - AKR)
 
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