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Dienstag, 06.12.2016
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Neue Nervenzellen nach Schlaganfall?

Untersuchung zeigt keine nachwachsenden Zellen in der Großhirnrinde

Ernüchterung in der Hirnforschung: In der Großhirnrinde bilden sich nach einem Schlaganfall offenbar keine neuen Nervenzellen. Damit schränken sich erhoffte Therapiemöglichkeiten wieder drastisch ein, es bestehen aber noch weitere Möglichkeiten, wie sich das Gehirn nach einem Schlaganfall wieder erholen könnte, schreiben die Forscher im Magazin "Nature Neuroscience". Um das Wachstum von Nervenzellen zu überprüfen, bedienten sich die Neurologen einer Methode aus einem ganz anderen Forschungsgebiet – der Archäologie.
Wachsen abgestorbene Nervenzellen (künstlerische Darstellung) nach einem Schlaganfall nach?

Wachsen abgestorbene Nervenzellen (künstlerische Darstellung) nach einem Schlaganfall nach?

In der Neurologie galt lange der Grundsatz: Im Gehirn von Erwachsenen bilden sich keine neuen Nervenzellen mehr. Aus diesem Grund führt ein Schlaganfall oft zu schwerwiegenden Langzeitschäden – die für bestimmte Funktionen zuständigen Neuronen fallen aus und werden nicht ersetzt. Vor einigen Jahren machte dann die Meldung Furore, dass das menschliche Gehirn auch im Erwachsenenalter neue Nervenzellen wachsen lässt. Allerdings war diese sogenannte Neurogenese bislang nur im Hippocampus nachweisbar, einer kleinen, tief sitzenden und vor allem evolutionär sehr alten Hirnregion.

Hirnforschung mit archäologischen Methoden


Seither suchen Wissenschaftler auch nach neugebildeten Zellen in der Großhirnrinde, in der höhere Funktionen wie Sprechen, Verstehen und Entscheiden angelegt sind. Im Tierversuch sah es in jüngster Zeit so aus, als ob auch hier neue Zellen entstünden – eine hervorragende Basis für neue Therapieansätze nach einem Schlaganfall.

Ein internationales Forscherteam um Hagen Huttner vom Universitätsklinikum Erlangen hat auf der Suche nach neuen Nervenzellen in der menschlichen Großhirnrinde eine für Neurologen ungewöhnliche Methode eingesetzt: Mit der eher aus der Archäologie bekannten Radiokarbonmethode zur Altersdatierung untersuchten sie die Gehirne 20 Patienten, die einen Schlaganfall überlebt hatten, danach jedoch an anderen Ursachen gestorben waren. Die Wissenschaftler nahmen kleine Gewebeproben von sowohl gesundem als auch durch den Schlaganfall geschädigtem Gewebe der Großhirnrinde und bestimmten deren Alter.


Das ernüchternde Ergebnis: In allen Fällen waren die untersuchten Nervenzellen etwa genauso alt wie die Patienten selbst. Das Fehlen der erhofften jüngeren Zellen bedeutet, dass die geschädigte Großhirnrinde sich nicht auf diesem Weg regenerieren kann. "Das klingt ernüchternd, jedoch wäre es unseriös, den Menschen anhand der bisherigen Erkenntnisse allzu große Hoffnungen zu machen", so Erstautor Huttner. Ergebnisse von Nagetieren, bei denen eine Neurogenese gefunden wurde, können demnach nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen werden.

Andere Therapieansätze oder andere Hirnregionen


Ansätze, die Neubildung von Neuronen nach einem Schlaganfall mit Medikamenten einzuleiten, wären damit zumindest in den untersuchten Hirnregionen wahrscheinlich wenig erfolgversprechend. Allerdings, ergänzt der Neurologe, sind überlebende Nervenzellen in der Zone um den Schlaganfall trotz der geringeren Durchblutung noch immer fähig, geschädigtes Erbmaterial zu reparieren. Dies deute darauf hin, dass sich die Hirnrinde nach einem Schlaganfall auch mit anderen Mechanismen als der Neurogenese zumindest teilweise erholen könne.

Entmutigt sind die Neurologen noch nicht: Nachdem das Ausmaß der Neurogenese beim Menschen nunmehr in zwei verschiedenen Hirnarealen, dem Hippocampus und der Großhirnrinde, bekannt ist, möchte Huttner sich als nächstes den sogenannten Stammganglien zuwenden. Diese liegen unweit der sogenannten Subventrikulärzone, und in dieser Hirnregion vermuten Neurologen ebenfalls mögliche Neurogenese. "Falls wir Neurogenese nach Schlaganfall in den Stammganglien feststellen würden, so könnte dies die Tür öffnen für neue therapeutische Optionen gegen Schlaganfälle in den entsprechenden Regionen", sagt Huttner.
(Nature Neuroscience, 2014; doi: 10.1038/nn.3706)
(Deutsche Gesellschaft für Neurologie, 19.09.2014 - AKR)
 
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