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Samstag, 03.12.2016
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Totes Meer birgt neues Konfliktpotenzial

Angrenzende Staaten im Nahen Osten sind unterschiedlich stark von Wassermangel bedroht

Wassermangel am Toten Meer: Im Nahen Osten ist der Zugang zu ausreichend Trinkwasser ein anhaltendes Streitthema. Jetzt zeigt eine detaillierte Bilanz des Wasserhaushalts in der Region um das Tote Meer neues Konfliktpotenzial: Auf der jordanischen Seite der Grenze könnten die Trinkwasserressourcen in Zukunft stärker zurückgehen als auf der israelisch-palästinensischen Seite, wie das internationale Forschertam berichtet.
Oberirdische Quellen auf der westlichen Seite des Toten Meeres, im Hintergrund ist die jordanische Seite sichtbar.

Oberirdische Quellen auf der westlichen Seite des Toten Meeres, im Hintergrund ist die jordanische Seite sichtbar.

Das Tote Meer ist nicht nur eine der wichtigsten Touristenattraktionen im Nahen Osten: Auf die unterirdischen Wasserressourcen in seinem rund 7.000 Quadratkilometer großen Einzugsgebiet sind auch mehr als vier Millionen Menschen angewiesen. Das Wasser in diesem Salzsee ist als Trinkwasser natürlich ungeeignet. Staudämme an den Zuflüssen des Toten Meeres halten darum seit den 1960er Jahren Wasser zurück, bevor es als Salzwasser unbrauchbar wird und verloren geht.

Wasser: wiederkehrendes Streitthema


Das klingt zunächst nach einer naheliegenden Lösung – das Wassersystem in der Region ist jedoch leider komplizierter: Durch die Stauseen gelangt weniger Wasser ins Tote Meer, und dessen Wasserspiegel fällt um etwa einen Meter pro Jahr. Mit dem fallenden Wasserstand sinkt auch das Grundwasser: Es strömt nun teilweise unterirdisch ins Tote Meer. In der Folge beginnen Jahrtausende alte Süßwasserquellen im Umland zu versiegen. Den angrenzenden Staaten droht verstärkter Wassermangel – für Israel, Palästina und Jordanien ist die Wasserversorgung ein wiederkehrendes Streitthema.

Das genaue Ausmaß dieser Prozesse, eine exakte Wasserbilanz des Toten Meeres und seiner Umgebung, war bislang unbekannt. Ein Team um Christian Siebert vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle, an dem auch Forscher aus allen drei angrenzenden Staaten beteiligt waren, hat darum genauer untersucht, wie viel Grundwasser dort tatsächlich nutzbar ist, und wie schnell es sich durch Niederschläge regeneriert.


Mit Hilfe von Infrarotsensoren per Flugzeug und Satellit sowie mit chemischen und isotopischen Methoden verfolgten die Wissenschaftler detektivisch genau den Weg des Wassers, von den Quellen im Gebirge bis ins Grundwasser. Detaillierte Computermodelle vervollständigten das Gesamtbild.

Probleme für nachhaltige Wasserwirtschaft


Das Ergebnis: Etwa 281 Milliarden Liter Grundwasser pro Jahr bilden sich in der Region um das Tote Meer neu und versorgen die Grundwasserspeicher. Der Nachschub stammt vor allem aus Wasser, das nach Niederschlägen und aus Gewässern im Untergrund versickert. Diese Menge entspricht damit auch der Menge, die für eine nachhaltige Wasserwirtschaft jährlich maximal entnommen werden dürfte.

Wissenschaftler vor der Probennahme an Unterwasserquellen im Toten Meer.

Wissenschaftler vor der Probennahme an Unterwasserquellen im Toten Meer.

Allerdings gibt es ein weiteres Problem: Niederschläge, die besonders wichtig für die Regeneration der Wasserspeicher sind, fallen nicht gleichmäßig über das ganze Gebiet verteilt. Regen fällt vor allem in kurzen, aber heftigen Schauern auf engstem Raum. Auf der Westseite des Toten Meeres und des Grenzflusses Jordan fällt fast doppelt so viel Regen wie östlich davon. Damit ist die Grundwasserneubildung in den israelischen und palästinensischen Gebieten etwa um die Hälfte höher als in Jordanien.

Hinzu kommen alles andere als beruhigende Klimaprognosen: In Zukunft könnte der jährliche Niederschlag in Zukunft um etwa 20 Prozent zurückgehen. Berechnungen der SUMAR-Forscher zufolge gelangt dann nur noch etwa halb so viel Wasser in die Grundwasserspeicher wie bisher: Westlich des Jordan sinkt der Zustrom um 45 Prozent, auf der Ostseite stehen sogar 55 Prozent weniger Wasser zur Verfügung. Vor allem in Jordanien könnte sich die soziale und ökonomische Situation daher durch steigenden Wassermangel weiter verschärfen. Jordanien gehört bereits jetzt zu den wasserärmsten Ländern der Welt – weiteres Konfliktpotenzial bahnt sich an.

Auswege aus der Wasserkrise


Um diese Wasserkrise zu entschärfen, arbeiten die Forscher gemeinsam an Konzepten, um Wasser zu sparen und wiederzuverwenden. So entstand in Jordanien ein "Wassermasterplan", der besonders die Bedingungen vor Ort berücksichtigt und die Aufbereitung von Abwässern daran anpasst. Noch im Planungsstadium ist ein Kanal vom Roten Meer, der Ozeanwasser ins Tote Meer leiten soll. Die möglichen Folgen dieses Wasserimports und die Auswirkungen auf die umliegenden Grundwässer sind allerdings unter Forschern umstritten: "So können wir nicht sicher sein, ob sich das viel leichtere Ozeanwasser mit dem 10-fach salzigeren Wasser des Toten Meeres vermischt und welche biologischen und chemischen Prozesse ablaufen werden", kritisiert Sievert.

Ziel der Wissenschaftler ist es, die Umweltrisiken, die Wasserverfügbarkeit und den Klimawandel ganzheitlich zu betrachten. Mit den entstehenden Lösungsansätzen sollen nicht nur die historisch bedeutenden Stätten der Region erhalten werden – eine stabile Wasserversorgung leistet vor allem einen großen Beitrag zum Friedensprozess im Nahen Osten.
(Science of The Total Environment, 2014; doi: 10.1016/j.scitotenv.2014.04.010)
(Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), 23.07.2014 - AKR)
 
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