• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Mittwoch, 25.05.2016
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Doppelte Gefahr für das Mittelmeer

Der Klimawandel trifft das Meer durch Erwärmung und Versauerung besonders hart

Der "Badewanne Europas" stehen schwere Zeiten bevor: Der Klimawandel verursacht im Mittelmeer eine besonders starke Erwärmung und Versauerung, wie ein europäisches Meeresforschungsprojekt zeigt. Schon jetzt ist der Säuregrad des Wassers um bis zu zehn Prozent angestiegen, bis zum Ende des Jahrhunderts könnten es sogar 150 Prozent sein. Prägende Ökosysteme wie die Seegraswiesen und Korallenriffe sind in akuter Gefahr, warnen die Forscher.
Seegraswiese im Mittelmeer

Seegraswiese im Mittelmeer

Dreieinhalb Jahre lang hatten 100 Forscher aus zwölf Ländern nur ein Thema im Blick: das Mittelmeer und seine Reaktion auf den Klimawandel. Im Projekt Mediterranean Sea Acidification in a changing climate (MedSeA) führten sie Langzeitstudien in verschiedensten Meeresgebieten durch, analysierten Wasserproben, beobachteten Veränderungen an Tieren und Pflanzen.

Warm und sauer bis zum Grund


Jetzt haben die Forscher erste Ergebnisse dieses von der EU geförderten Projekts vorgestellt – und diese sind wenig erfreulich. "Wir wussten vorher fast nichts über die kombinierten Effekte von Erwärmung und Versauerung im Mittelmeer und jetzt ist klar, dass sie eine doppelte Bedrohung für unsere marinen Ökosysteme sind", erklärt Projektkoordinatorin Patrizia Ziveri von der Autonomen Universität von Barcelona.

Die Studien ergaben, dass sich das Mittelmeer in den letzten 25 Jahren bereits um 0,75 Grad erwärmt hat – und dies nicht nur an der Oberfläche, sondern bis in die tiefen Wasserschichten hinein. Der Grund ist eine für dieses fast-Binnenmeer typische Umwälzströmung, wie die Forscher erklären. Sie bringt die Wärme, aber auch gelöstes CO2, relativ schnell von der Oberfläche in die Tiefe.


Ein Forschungstaucher untersucht den Meeresboden im Mittelmeer.

Ein Forschungstaucher untersucht den Meeresboden im Mittelmeer.

Massensterben im Sommer


Und schon in naher Zukunft wird das Mittelmeer noch wärmer werden: Bis 2050 prognostizieren die Wissenschaftler einen Anstieg der Wassertemperaturen um bis zu 1,5°C im östlichen Teil. Im Sommer könnten die durchschnittlichen Oberflächentemperaturen schon bald konstant die 29°C-Marke überschreiten, so die Forscher. Schon jetzt sind die ökologischen Folgen dieser Entwicklung sichtbar: Die Verbreitungsgebiete vieler Arten haben sich von den südöstlichen Küsten weiter nach Norden verlagert, im Sommer häufen sich Massensterben von hitzesensiblen Tierarten.

Verstärkt wird diese Entwicklung noch durch die zunehmende Versauerung des Mittelmeeres: Allein in der Zeit zwischen 1993 und 2013 hat sich der pH-Wert des Wassers um mehr als zehn Prozent gesenkt, wie die Forscher berichten. Wenn weiterhin CO2 in der gleichen Rate ausgestoßen wird, werde sich die Versauerung zwischen 2010 und 2050 um 30 Prozent verstärken. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte das Mittelmeer sogar um 150 Prozent saurer werden, so ihre Prognose.

Einzigartige Seegraswiesen akut bedroht


"Für einige Arten wird das Leben dadurch sehr schwierig werden, die Artenvielfalt wird sinken und einige Spezies werden aussterben", beschreiben die Wissenschaftler die Folgen dieser Entwicklung. Zu den Verlierern der Entwicklung gehören die Seegraswiesen – ein prägender und einzigartiger Lebensraum für unzählige Fische, Krebstiere und Planktonarten. Sie bedecken heute noch rund 50.000 Quadratkilometer des Meeresbodens im Mittelmeer.

"Diese Hotspots der Artenvielfalt gediehen Jahrtausende lang und wurden auch von den Menschen der Region intensiv genutzt", sagen Ziveri und ihre Kollegen. "Aber jetzt stehen sie vor dem Niedergang." Die sehr langsam wachsenden Wasserpflanzen reagieren extrem sensibel auf die Erwärmung des Meerwassers. Nach Schätzungen der Forscher könnten bis 2050 nur noch zehn Prozent der Unterwasserwiesen übrig sein – zu wenig um diesen Lebensraum zu erhalten.

Massenhaft an den Strand gespülte Leuchtquallen in Tunesien

Massenhaft an den Strand gespülte Leuchtquallen in Tunesien

Folgen auch für den Menschen


Erwärmung und Versauerung werden aber nicht nur Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt haben – auch der Mensch ist betroffen: Für einige wichtige Meeresfrüchte wie Muscheln könnte das Mittelmeer künftig zu sauer sein, ihr Niedergang träfe dann einen ganzen Wirtschaftszweig. Im Jahr 2012 wurden von diesen Meeresfrüchten immerhin 153.000 Tonnen geerntet, dies entspricht einem Wert von 225 Millionen Euro, so die Wissenschaftler.

Und noch eine weitere prägende Mittelmeerart ist akut bedroht: die rote Edelkoralle (Corallium rubrum). Seit Jahrtausenden wird sie von Mittelmeerkulturen zur Schmuckherstellung genutzt, doch auch sie könnte verschwinden, weil die Versauerung ihr besonders stark zu schaffen macht.

Quallenplagen bald die Regel


Ein Problem für Fischerei und Tourismus gleichermaßen sind die immer häufiger werdenden Quallenschwemmen entlang der Mittelmeerküsten. Die Nesseltiere profitieren von dem wärmer werdenden Wasser und breiten sich immer stärker aus. 2012 sorgte eine Massenvermehrung der giftigen Leuchtqualle Pelagia noctiluca an der spanischen Mittelmeerküste für Probleme, tausende Menschen wurden vernesselt, Helfer fischten mehr als 4.000 Kilogramm dieser Quallen vor den Küsten ab. Häufen sich solche Ereignisse, könnte immer mehr Urlauber ausbleiben, sagen die Forscher.

"Um diese faszinierenden Ökosysteme zu schützen, muss die menschliche Gesellschaft weltweit die Emissionen fossiler Brennstoffe reduzieren – das ist klar", sagt James Orr vom französischen Laboratoire des Sciences du Climat et de l`Environnement. Denn vom Klimawandel betroffen seien nicht nur entlegene Meere und Küsten, sondern alle – und in ganz besonderem Maße das Mittelmeer.
(MedSeA Project, 16.06.2014 - NPO)