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Sonntag, 02.10.2016
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Fußball-WM: Hitze spielt mit

Tipps von Sportwissenschaftlern gegen die brasilianischen Temperaturen

Schwitzen auf dem Platz: Wenn Bundestrainer Joachim Löw seine Spieler am 16. Juni ins erste Spiel der Fußball-WM in Brasilien schickt, müssen sie gegen zwei Gegner kämpfen. Zum einen gegen die portugiesische Elf, zum anderen aber gegen die Hitze. Doch es gibt einige Strategien, um sich gegen die Hitze zu wappnen, wie deutsche Sportwissenschaftler erklären.
WM-Stadium in Manaus – hier wird es besonders heiß und schwül

WM-Stadium in Manaus – hier wird es besonders heiß und schwül

Die Fußball-WM in Brasilien wird für viele Mannschaften aus kühleren Gefilden hart. Denn in einigen Spielstätten ist es extrem heiß und schwül. Experten rechnen daher damit, dass Teams aus tropischen Ländern einen kleinen Vorteil haben könnten - und natürlich auch die brasilianische Mannschaft. Aber wie groß ist der einfluss des Klimas auf das Spiel tatäschlich? Und mit welchen Maßnahmen lässt sich die Hitze am besten austricksen? Sportwissenschaftler Billy Sperlich von der Universität Würzburg hat dies zusammen mit mehreren Kollegen genauer untersucht.

Weniger Sprints, aber genauere Pässe


Studien zeigen, dass das Wetter durchaus einen Einfluss auf das Spiel einer Mannschaft hat – und dies vor allem in den letzten, spielentscheidenden Minuten. So ergab die Analyse eines Fußballspiels bei über 30 Grad Celsius, dass in den letzten 15 Minuten die Laufaktivität um bis zu 50 Prozent geringer war als im Rest des Spiels. Die Zuschauer sahen weniger Sprints und kaum noch schnelle, kurze Antritte. Anders als bei Spielen bei kühlerem Wetter und normaler Luftfeuchtigkeit legten die untersuchten Profis weniger Meter im Sprint zurück und die gesamte Laufstrecke verringerte sich um annähernd zehn Prozent.

Allerdings beobachteten die Forscher dabei noch etwas: Die Lauffreudigkeit nahm zwar ab, dafür aber erhöhte sich die Passgenauigkeit. Das Zuspiel klappte besser und dies glich die Nachteile durch die Hitzeeffekte sogar wieder fast aus. "Man könnte schon sagen, dass der clevere Spieler besser mit der Hitze zurecht kommt, weil er sich durch gutes Auge beispielsweise Sprints ersparen kann", sagt Sperlich. Auch wenn er einräumt, dass solche Aktionsanalysen mit einer gewissen Vorsicht zu genießen sind.


Diese Cleverness, gepaart mit großen technischen Fähigkeiten, wird seit jeher den Brasilianern zugesprochen, weswegen ihnen von Experten gute Chancen eingeräumt werden, im eigenen Land den insgesamt sechsten WM-Titel gewinnen zu können. "Für die deutsche Nationalmannschaft wird es sicher eine Herausforderung sein, das laufintensive Pressing und das schnelle Umschaltspiel, wie Löw es sehen möchte, über 90 Minuten durchhalten zu können", sagt Sperlich.

Überhitzung und Wassermangel


Anpfiff des ersten Spiels ist um 13 Uhr und damit in der Mittagshitze. In Salvador bedeutet dies: Mehr als 30 Grad und sehr hohe Luftfeuchtigkeit. Für den Körper der Spieler ist das Schwerstarbeit, denn er muss gleich doppelt mit überschüssiger Wärme klarkommen: der durch die Bewegung entstehenden und der von außen. "Besonders bei sportlicher Belastung entstehen hohe Wärmemengen, da nur 20 bis 25 Prozent der Anstrengung in mechanische Arbeit umgesetzt werden", sagt Sperlich.

Die Restwärme muss der Spieler loswerden, um seine Körpertemperatur stabil zu halten. Das passiert durch das Schwitzen. Dadurch aber verliert der Körper Wasser. Die deuschen Nationalspieler könnten bei einer Partie im tropischen Fortaleza, wo sie am 21. Juni auf Ghana treffen, mehr als drei Liter in 90 Minuten verlieren. Kühlung und Nachschub geben am ehesten halbgefrorenen Getränke, wie die Sport5wissenschaftler erklärt. Allerdings sollte die Spieler nicht zu viel davon trinken - dies würde der Magen nicht verkraften. "Hier ist zudem zu beachten, dass die ausgeschwitzten Elektrolyte dem Körper fehlen und es zu Muskelkrämpfen kommen kann", erklärt Sperlich.

Kühlwesten gegen die Mittagshitze


Und wie sehen die konkreten Auswirkungen auf das Spiel von Mesut Özil und Co. aus? Überhitzung und Wasserverlust führten bei untersuchten Spielern zu einer verlangsamten Reaktionszeit und Veränderungen der Feinmotorik. Eine Gegenmaßnahme ¬ neben der Einnahme von elektrolytischen Getränken – könnte das Runterkühlen der Kerntemperatur bereits vor dem Spiel sein. "Dies verlängert die Zeit, bis die Körperkerntemperatur in einen leistungslimitierenden Bereich ansteigt", erklärt Sperlich.

Bereits durch das 20-minütige Tragen von Kühlwesten vor dem Anpfiff oder eine entsprechende Abkühlung in der Halbzeit reichen aus, um einen messbaren Effekt zu erzielen. Da solche Westen nicht beim Spielen getragen werden können, kommt auch der Kleidung eine besondere Rolle zu. Luftige Trikots und Hosen in hellen Farben unterstützen eine verbesserte Wärmeabfuhr. Also sind die weißen Trikots der Deutschen den dunkelblauen französischen gegenüber im Vorteil.

Kaum Vorteile für afrikanische Mannschaften


In Fortaleza, dem vom Klima her anspruchsvollsten Spielort der Deutschen, trifft Löws Elf auf Ghana. Einen großen Vorteil sollten die Afrikaner aufgrund der Hitze jedoch nicht haben, sagt Sperlich. Zum einen spielen die meisten Afrikaner mittlerweile in europäischen Ligen und sind die große Hitze nicht mehr so sehr gewöhnt, zum anderen haben sich auch die deutschen Spieler bis dahin akklimatisiert.

Die acht Tage im WM-Lager "Campo Bahia" in der Nähe von Salvador sollten genügen, um den wichtigsten Mechanismus zur Temperaturregulation, das Schwitzen, an die Bedingungen anzupassen. "Man kann sagen: Der Körper lernt, effektiver zu schwitzen. Es wird mehr dünnflüssiger Schweiß ausgeschieden und somit weniger Elektrolyte", sagt Sperlich.

Für alle Anpassungen gibt es jedoch auch Grenzen. Nach aktuellem Stand richtet die Fifa die Weltmeisterschaft 2022 im Wüstenstaat Katar aus. Aufgrund der Nähe zum Persischen Golf herrscht dort ganzjährig ein subtropisches Klima, Temperaturen von 45 Grad Celsius sind keine Seltenheit. "Dort helfen dann weder Kleidung, Kühlung oder eine lange Akklimatisation – von Leistungssport ist bei solchen Bedingungen abzuraten – außer, die Ausrichter bauen überdachte, komplett klimatisierte Stadien", sagt Sperlich.
(Universität Würzburg, 12.06.2014 - NP)
 
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