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Sonntag, 25.09.2016
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Ältestes Skelett amerikanischer Ureinwohner entdeckt

Fund in mexikanischer Unterwasserhöhle wirft neues Licht auf Herkunft der Indianer

Sensationsfund in einer Unterwasser-Höhle: Auf Yucatan haben Forscher das bisher älteste und am besten erhaltene Skelett eines amerikanischen Ureinwohners entdeckt. Schädel und Gebeine stammen von einem jungen Mädchen und sind mindestens 12.000 Jahre alt. Aber nicht nur das: Es gelang sogar, die DNA dieser Ur-Indianerin zu isolieren und zu analysieren. Dieses wirft neues Licht auf die Herkunft der ersten Ureinwohner Amerikas, wie die Wissenschaftler im Fachmagazin "Science" berichten.
Taucher mit dem Schädel von "Naia"

Taucher mit dem Schädel von "Naia"

Woher stammten die ersten Ureinwohner Amerikas? Über diese Frage diskutieren Anthropologen bis heute. Klar scheint, dass die Vorfahren der Indianer gegen Ende der letzten Eiszeit aus Asien über die Bering-Landbrücke in die Neue Welt einwanderten. Ob sie aber ursprünglich aus dem Altai, Sibirien oder sogar dem Westen Eurasiens kamen - in den letzten Jahren haben archäologische und genetische Funde mal die eine, mal die andere Theorie gestützt.

Rätselhafte Abweichungen


So gehen einige Forscher davon aus, dass die Ur-Einwohner Amerikas den Kontinent in mehreren aufeinanderfolgenden Wellen besiedelten. Dies soll unter anderem erklären, warum gerade die ältesten in Amerika gefundenen Menschen-Fossilien den heutigen Indianern äußerlich so wenig ähneln. "Die modernen Indianer ähneln den Menschen in China, Korea und Japan sehr stark, aber die ältesten Skelette tun dies nicht", erklärt Erstautor James Chatters von vom US-Forschungszentrum Applied Paleoscience in Bothell.

Die Schädel der frühen Ureinwohner sind meist länger und schmaler, das Gesicht kleiner und die Wangenknochen weniger ausgeprägt als bei heutigen Indianern. Einige Relikte zeigen sogar verblüffend kaukasische Gesichtszüge, so der 1996 am Ufer des Columbia Rivers entdeckte "Kennewick-Man". Auch ein 10.600 Jahre alter Fund aus Nevada besitzt viele Merkmale, die nicht zu den klassisch als indianisch geltenden gehören. Wie diese Diskrepanzen zustande kamen, blieb rätselhaft.


Der mehr als 12.000 Jahre alte Schädel trägt typisch paläoamerikanische Züge

Der mehr als 12.000 Jahre alte Schädel trägt typisch paläoamerikanische Züge

Fund in Unterwasserkammer


Das Problem: Relikte früher Ureinwohner sind extrem rar. Bisher wurden nur Reste von 30 Individuen gefunden, die meisten davon sind extrem bruchstückhaft und sind jünger als 10.00 Jahre, wie die Forscher berichten. Von den fünf Funden, die älter als 12.000 Jahre sind, wurden nur von zweien vollständige Schädel gefunden, beide aber ohne Zähne. Da in diesen noch am ehesten Erbgutreste erhalten bleiben, gab es bisher kein sehr altes Relikt, bei dem sowohl Gesichtszüge wie auch DANN konserviert waren.

Der neue Fund hat dies nun geändert. Entdeckt wurde das Skelett des mehr als 12.000 Jahre alten Mädchens in einer Unterwasserhöhle im Osten der mexikanischen Halbinsel Yucatan. Die Hoyo Negro getaufte Kammer liegt in rund 40 Metern Tiefe und ist nur über ein senkrechtes, wassergefülltes Loch zugänglich. Dieses Loch bildete vermutlich schon zur Lebenszeit des Mädchens eine tödliche Falle: Neben dem Menschenskelett stießen die Forscher auf die Überreste von 26 eiszeitlichen Säugetieren, darunter Säbelzahnkatzen und Rüsseltieren.

Kaukasisches Gesicht, indianische Gene


Wie sich herausstellte, sind die Überreste des Ureinwohner-Mädchens bemerkenswert gut erhalten und vollständiger als alles bisher gefundene: Neben fast allen größeren Knochen des Skeletts fanden die Forscher auch den Schädel samt Zähnen. Datierungen ergaben, dass die Relikte älter als 12.000 Jahre sein müssen – der "Naia" getaufte Fund ist damit das älteste Skelett der gesamten Neuen Welt. Das Mädchen war zu Lebzeiten nur rund 1,50 Meter groß, zierlich und ihre Gesichtszüge zeigen deutliche Abweichungen von denen der heutigen Indianer, wie die Forscher berichten.

Aus diesem Backenzahn von "Naia" gelang es den Forschern, DNA zu isolieren.

Aus diesem Backenzahn von "Naia" gelang es den Forschern, DNA zu isolieren.

Doch damit der Sensation noch nicht genug: Entgegen ihren eigenen Erwartungen gelang es den Forschern sogar, Erbgut aus einem der Backenzähne von "Naia" zu isolieren. "Ich war geradezu geschockt, dass wir tatsächlich intakte DNA fanden", berichtet Chatters. Dies machte es möglich, die mitochondriale DNA dieser amerikanischen Ureinwohnerin mit der anderer menschlicher Populationen zu vergleichen – zur Sicherheit geschah dies in drei verschiedenen Forschergruppen unabhängig voneinander.

Das Ergebnis war eindeutig: Trotz ihres abweichenden Aussehens ist "Naia" genetisch eindeutig eine direkte Vorfahrin der heutigen Indianer. Ihre Gene gehören zur sogenannten Subhaplogruppe D1, einer DNA-Abfolge, die heute nur bei den Ureinwohnern Amerikas vorkommt. Sie entwickelte sich im Laufe der Zeit aus Vorläufern, die noch in Teilen Sibiriens zu finden sind. "Das belegt, dass das Mädchen aus Hoyo Negro von über die Beringstraße eingewanderten Urahnen abstammt und eng mit den noch heute lebenden Indianern verwandt ist", erklärt Deborah Bolnick von der University of Texas in Austin. Dies sei das erste Mal, das ein Relikt mit typisch paläoamerikanischem Aussehen genetisch eindeutig den Beringstraßen-Einwanderern zugeordnet werden könne.

Nur eine Einwanderungswelle


Nach Ansicht der Forscher spricht dieses Ergebnis gegen die Hypothese, dass Amerika einst durch mehrere Einwanderungswellen und von Menschen aus unterschiedlichen Regionen besiedelt wurde. Stattdessen deutet die Kombination von andersartigem Aussehen und gleichen Genen darauf hin, dass die frühen Ureinwohner sich erst nach ihrer Wanderung über die Bering-Landbrücke äußerlich veränderten. Im Laufe der Jahrtausende bildeten sich so nach und nach die typisch "indianischen" Gesichtszüge heraus.

"Diese Fund ist auf gleich mehrere Weise aufregend", konstatiert Chatters: "Wegen der wunderschönen Höhle, den unglaublich gut erhaltenen Tierfossilien und dem so vollständigen menschlichen Skelett." Vor allem aber begeistert ihn die Entdeckung, weil sie die Antwort liefert auf die Frage, die spätestens seit dem Fund des Kennewick-Man für Rätselraten sorgte: Wer waren die ersten Amerikaner? (Science, 2014; doi: 10.1126/science.1252619)
(Science, 16.05.2014 - NPO)
 
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