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Mittwoch, 07.12.2016
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Urzeitkrebs war ein sanfter Riese

Ur-Gliederfüßer ernährte sich vor 520 Millionen Jahren wie ein Blauwal – von Plankton

Überraschend harmlos: Bisher hielt man die großen Ur-Gliederfüßer des Kambriums für gefährliche Räuber. Doch trotz ihrer furchteinflößenden Kopfanhänge waren einige von ihnen nur sanfte Riesen: Sie filterten Plankton aus dem Wasser – ähnlich wie die heutigen Blauwale. Das belegen Fossilfunde in Nordgrönland. Diese Erkenntnis wirft ein ganz neues Licht auf die Lebenswelt in den Ozeanen vor rund 520 Millionen Jahren, wie die Forscher im Fachmagazin "Nature" berichten.
So könnte der Ur-Gliederfüßer Tamisiocaris borealis ausgesehen haben

So könnte der Ur-Gliederfüßer Tamisiocaris borealis ausgesehen haben

Sie waren die ersten großen Räuber der Erde: Vor 520 Millionen Jahren dominierten die krebsähnlichen Anomalocariden das Urzeitmeer. Sie gehören nicht nur zu den ersten Mehrzellern der irdischen Lebenswelt, mit einer Länge von bis zu zwei Metern waren sie auch ziemlich groß. Diese frühen Gliederfüßer trugen Seitenlappen an ihrem segmentierten Rumpf, die sie zu guten und wendigen Schwimmern machten. Zudem besaßen sie an ihrem Kopf zwei lange, stachelbewehrte Anhänge, mit denen sie selbst größere Beute fingen – so dachte man jedenfalls bisher.

Kopfanhang als Sieb


Doch die nun in der Sirius Passet-Formation in Nordgrönland entdeckten Fossilien zeichnen ein anderes, vielseitigeres Bild. Bei den Funden handelt es sich um insgesamt fünf Teile von Kopfanhängen der Anomalocariden-Art Tamisiocaris borealis. Von dieser Art war bisher nur ein zerbrochenes Teilstück eines solchen Anhangs bekannt. Daraus aber ließ sich nicht entnehmen, wie dieses Tier aussah und wie es sich ernährte.

Jakob Vinther von der University of Bristol und seine Kollegen haben nun die neuen Funde genauer untersucht und kommen zu einem überraschenden Schluss: Tamisiocaris borealis war gar kein gefährlicher Räuber der Urzeitmeere. Stattdessen nutzte er seine langen Kopfanhänge als Sieb, um damit Plankton aus dem Wasser zu fischen. Davon zeugen die langen, nach unten gerichteten Stacheln an den Anhängen, die sich seitlich verzweigen und überlappen.


Fossiler Kopfanhang von Tamisiocaris borealis: - keine Fangklauen, sondern ein Planktonsieb

Fossiler Kopfanhang von Tamisiocaris borealis: - keine Fangklauen, sondern ein Planktonsieb

Ausgestreckt bilden sie eine Art Kamm, den der Urzeit-Gliederfüßer durch das Wasser gezogen haben könnte wie eine Art Netz. Rollte er dann die Anhänge zum Mund hin ein, bildeten ihre Borsten einen dichten Käfig, in dem gefangene Organismen hängeblieben. Dieser Filter war so fein, dass er Partikel ab rund 0,5 Millimetern Größe festhielt, wie die Wissenschaftler berichten.

Überraschend große Vielfalt


"Diese primitiven Arthropoden waren damit, ökologisch gesehen, die Haie und Wale des Kambriums", erklärt Vinther. Denn in diesen beiden Tiergruppen gibt es heute sowohl fleischfressende, aktiv jagende Räuber als auch große, aber friedliche Filtrierer wie die Blauwale, die sich von den kleinsten Organismen des Meeres ernähren.

Die Anomalocariden müssen sich demnach schon vor mehr als 520 Millionen Jahren in ganz unterschiedliche Formen aufgespalten haben, die im Urzeit verschiedenen ökologische Nischen besetzten. "Die Tatsache, dass damals bereits große, freischwimmende Filtrierer die Meere durchschwammen, verrät uns viel über das Ökosystem des Kambrium", so Vinther. Denn um ihren Nahrungsbedarf durch Filtrieren zu decken, müssen die großen Gliederfüßer entsprechend reichlich Plankton gefunden haben.

"Wir glaubten früher, dass die Anomalocariden ein seltsames, gescheitertes Experiment der Evolution sein müssen. Jetzt zeigt sich, dass sie eine evolutionäre Explosion durchlebten und im Urzeitmeer vom Topräuber zum Planktonfresser alles abdeckten", konstatiert Koautor Nicholas Longrich von der University of Bath. Die ersten Riesen der irdischen Tierwelt mögen daher vielleicht ein Experiment der Evolution gewesen sein – aber es war ein sehr erfolgreiches. (Nature, 2014; doi: 10.1038/nature13010)
(Nature, 27.03.2014 - NPO)
 
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