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Samstag, 02.07.2016
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Hartz-IV-Empfänger sind nicht faul

Arbeitslose sind nicht weniger motiviert und begeisterungsfähig als Berufstätige

Das öffentliche Bild von Arbeitslosen ist häufig kein gutes: Hartz-IV-Empfänger sind faul und finden daher keine Arbeit, so hört man immer wieder. Deutsche Psychologen haben nun in einer Studie untersucht, ob das stimmt. Sie stellten fest: Hartz-IV-Empfänger sind gar nicht so faul, antriebsarm oder unsozial, wie es das Vorurteil ihnen zuschreibt.
Arbeitslose sind motiviert Leistung zu erbringen

Arbeitslose sind motiviert Leistung zu erbringen

Im Januar 2014 waren 7,3 Prozent Arbeitslose in Deutschland gemeldet. Rund 4,37 Millionen davon bezogen Arbeitslosengeld II. In einigen Medien ist von "Hartz-IV-Schnorrern" die Rede, die die Steuerzahler ausbeuten. Sie vermitteln das Bild des überzeugten Hartz-IV-Empfängers, der körperlich und geistig in der Lage wäre Arbeit zu finden, sich aber bewusst dagegen entscheidet. Forscher der Ruhr-Universität Bochum wollten wissen, was dran ist an dem Vorurteil und analysierten gemeinsam mit dem Jobcenter in Kaufbeuren in einer eigens entwickelten Studie die grundlegende Einstellung der Hartz-IV-Empfänger.

Arbeitslose sind nicht faul


An der Studie nahmen 407 Personen teil, die den Fragebogen "Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung" (kurz: BIP) am Jobcenter in Kaufbeuren ausfüllten. Das BIP erfasst 17 verschiedene Persönlichkeitsmerkmale mit Bezug zum Thema Arbeit. Darunter Leistungsmotivation, Teamorientierung, Flexibilität und Belastbarkeit - Kriterien, die heute ganz entscheidend für ein erfolgreiches Berufsleben sind. Den Bochumer Psychologen standen so anonymisierte Daten von 133 Arbeitssuchenden zur Verfügung, die sie mit denen von 274 Sachbearbeitern und Fachkräften verglichen.

Bei einigen Merkmalen fanden die Forscher keinen Unterschied zwischen Arbeitslosen und Berufstätigen, bei anderen hingegen schon. So waren die Arbeitslosen etwa genauso motiviert Leistung zu erbringen wie die Berufstätigen. Auch zeigten sie dieselbe Soziabilität (Verträglichkeit, Freundlichkeit) und Begeisterungsfähigkeit wie die Gruppe der Erwerbstätigen. Arbeitslose sind also nicht generell faul, unsozial oder antriebsarm, wie die Studie belegt.


Anders verhält es sich mit den Bereichen Teamorientierung, Führungsmotivation und Wettbewerbsorientierung. Hier erzielen die Arbeitslosen deutlich geringere Werte als die Berufstätigen. Das heißt, dass sie insgesamt lieber alleine als im Team arbeiten. Außerdem sind sie weniger daran interessiert andere zu führen und ihnen Anweisungen zu erteilen oder mit Konkurrenten in Wettbewerb zu treten.

Grober Trend, aber viele Einzelfälle


Insgesamt gilt es sicherlich die Frage der Generalisierbarkeit zu bedenken – wie bei jeder Studie, schränken die Wissenschaftler ein. Die Gruppe der Arbeitslosen entstamme in Gänze dem Jobcenter Kaufbeuren und es sei nicht bekannt, inwiefern diese Stichprobe den Durchschnitt aller Arbeitslosen bundesweit wiederspiegelt. Auch die Tatsache, dass die Teilnahme an der Studie freiwillig erfolgte, betrachten die Forscher kritisch. Es könnten überdurchschnittlich viele motivierte Personen das freiwillige Angebot genutzt haben.

Trotz allem sind die Wissenschaftler aber der Ansicht, dass die Gesamtergebnisse grobe Trends und Wahrscheinlichkeiten wiedergeben. Sie sagen aber nichts über den jeweiligen Einzelfall aus. „Jeder Arbeitssuchende ist einzigartig und benötigt demnach auch eine entsprechende individuelle Beratung“, sagt Philip Frieg von dem Projektteam Testentwicklung an der Ruhr-Universität Bochum. "Hier bietet der Einsatz des BIP-Fragebogens eine gute Ausgangslage, um Beratung und Maßnahmen zu entwickeln, die auf die individuelle Persönlichkeit angepasst sind", schätzt er die Lage ein. (Forschungsbericht, Projektteam Testentwicklung, 2014; pdf )
(Ruhr-Universität Bochum, 04.03.2014 - KEL)