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Dienstag, 27.09.2016
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Antiallergikum reduziert negative Erinnerungen

Ziele für erinnerungsverändernde Medikamente können durch Genom-Analyse gefunden werden

Es klingt nach unheimlicher Science fiction: Man schluckt eine Pille, und die Erinnerungen verblassen. Neuropsychiatrische Krankheiten wie posttraumatische Belastungsstörung ließen sich damit behandeln oder ganz verhindern. Schon bald könnten solche Medikamente tatsächlich entwickelt werden. Ein Team von Wissenschaftlern in der Schweiz hat nun in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" eine Studie veröffentlicht, die eine solche Möglichkeit beschreibt.
Rätsel Gehirn

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Die Idee, nicht nur die Symptome, sondern die Ursachen von posttraumatischem Stress mit Medikamenten zu behandeln, ist an sich nicht neu. Die posttraumatische Belastungsstörung entsteht aus besonders traumatischen negativen Erinnerungen. Amerikanische Wissenschaftler haben bereits vor Jahren in Mäusen ein Enzym gefunden, das gewissermaßen die Erinnerungen an Ängste speichert. Fehlt dieses Enzym oder wird es gehemmt, verringert sich die Angst.

Mindestens 20 Gene beeinflussen negative Erinnerungen


Um weitere solcher Mechanismen zu entdecken und mit Medikamenten gezielt anzusteuern, untersuchte das Team um Andreas Papassotiropoulos und Dominique de Quervain von der Universität Basel genetische Daten von über 2.500 Freiwilligen. Sie interessierten sich dabei besonders für Gene, die beim Erwerb negativer Erinnerungen wichtig sind. 20 solcher Gene identifizierten die Forscher schließlich mit einem komplizierten Algorithmus in einer auf Gen-Netzwerken basierenden Analyse. Das Produkt jedes dieser Gene könnte ein Ziel für neue oder bereits existierende Medikamente sein, mit denen das negative Erinnerungsvermögen beeinflusst werden kann.

Ob sich durch diese Art der Genomanalyse tatsächlich Ansatzstellen für eine solche Therapie finden lassen, überprüfte die Gruppe aus Schweizern und Deutschen mit einer klinischen Studie. Als Ziel wählten sie aus den 20 gefundenen Genen den Histamin-1-Rezeptor, codiert im Gen HRH1. Dieser ist bereits als Ziel für antipsychotische und antiallergene Medikamente bekannt..


Klinische Studie soll Konzept bestätigen


Das in der Schweiz zugelassene und in Apotheken erhältliche Diphenhydramin bindet an diesen Rezeptor und diente daher als Beispielmedikament für die Studie. Diphenydramin ist ein verbreitetes Antiallergikum und überwindet außerdem die Blut-Hirn-Schranke. In Deutschland wird es weniger gegen Allergien verwendet, sondern vor allem als Beruhigungsmittel und gegen Übelkeit. Es ist außerdem verschreibungspflichtig. Es gab bisher noch keine Untersuchungen darüber, wie sich Diphenhydramin auf das Erinnerungsvermögen auswirkt.

An der klinischen Studie nahmen 40 Freiwillige teil. Sie bekamen entweder eine Dosis Diphenhydramin oder ein Placebo verabreicht und bekamen danach Bilder vorgelegt, die negative, positive oder neutrale Assoziationen wecken sollten. Im Anschluss mussten sie die Inhalte dieser Bilder beschreiben und bewerten. Diejenigen Probanden, die Diphenhydramin erhalten hatten, konnten sich deutlich weniger an negativ assoziierte Bilder erinnern als die Kontrollgruppe. Das Erinnerungsvermögen für positive und neutrale Inhalte blieb dabei unverändert.

Unterdrücktes Erinnerungsvermögen lässt auf Therapie hoffen


Nach Ansicht der Forscher könnte dieses Ergebnis für die Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung von Bedeutung sein. Eine tatsächliche Therapie ergibt sich daraus jedoch noch lange nicht. Die Studie untersuchte lediglich den Effekt auf die während der Wirkungsdauer des Medikaments gesammelte Erinnerungen. Ob sich Erinnerungen auch rückwirkend beeinflussen lassen, ist noch unklar.

Die Forscher konnten mit dieser Studie allerdings erstmals zeigen, dass mit Hilfe genetischer Untersuchungen Zielmechanismen und geeignete Medikamente gefunden werden können. "Die rasante Entwicklung von innovativen genetischen Analysemethoden hat diesen neuen und viel versprechenden Ansatz ermöglicht", so Papassotiropoulos. Viel versprechend sind dabei vor allem die Daten aus dem Human-Genom-Projekt, das im letzten Jahrzehnt eine Fülle an Erkenntnissen über die genetische Grundlage von Erkrankungen geliefert hat. Vorteilhaft ist, dass diese Daten direkt vom Menschen kommen. Bislang ist die Entwicklung von Medikamenten gegen neuropsychiatrische Erkrankungen auf Tiermodelle angewiesen.

Nächster Schritt sind gedächtnisverbessernde Medikamente


Basierend ihrem genombasierten Forschungsansatz zur Entdeckung neuer Medikamente haben de Quervain und Papassotiropulos dieses Jahr eine eigene Firma gegründet. Nach der Manipulation des Erinnerungsvermögens planen sie nun weitere Studien mit ähnlich futuristischen Zielen: "In einem nächsten Schritt versuchen wir, gedächtnisverbessernde Medikamente zu identifizieren und zu entwickeln", sagt de Quervain. Das hört sich wie ein Vorstoß in den viel diskutierten Bereich des Hirndopings an. Die Forscher erhoffen sich davon allerdings neue Impulse für die Entwicklung von besseren Medikamenten gegen neuropsychiatrische Erkrankungen.
(PNAS, 2013; doi: 10.1073/pnas.1314478110)
(Universität Basel, 22.10.2013 - AKR)
 
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