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Donnerstag, 01.09.2016
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Die Minoer kamen nicht aus Afrika

DNA-Analysen klären den Ursprung der ersten europäischen Hochkultur

Sie gründeten vor etwa 5.000 Jahren die erste europäische Hochkultur: die Minoer, benannt nach dem legendären König Minos von Kreta. Doch wo kamen sie eigentlich her? Bisher hielt man Nordafrika für den wahrscheinlichsten Ursprung, denn dort waren die Ägypter bereits weit entwickelt und auch im heutigen Libyen gab es fortgeschrittene Kulturen. Spätere Untersuchungen warfen jedoch Zweifel daran auf. Forscher haben nun erneut DNA-Proben aus minoischen Knochen analysiert. Ihr in "Nature Communications" veröffentlichtes Ergebnis: Die Minoer kamen definitiv nicht aus Afrika, sie waren Europäer.
Das bekannte minoische Fresco der über einen Bullen springenden Jünglinge aus dem Palast von Knossos.

Das bekannte minoische Fresco der über einen Bullen springenden Jünglinge aus dem Palast von Knossos.

Die ersten Menschen erreichten Kreta vor etwa 9.000 Jahren – ungefähr zu der Zeit, als sich im Nahen Osten die Landwirtschaft entwickelte und nach Europa getragen wurde. Ihre Nachfahren begründeten später, in der frühen Bronzezeit, die minoische Hochkultur. Um 1900 entdeckte der britische Archäologe Arthur Evans auf Kreta den berühmten Palast von Knossos. Er war damals ebenso wie einige seiner Kollegen überzeugt, dass diese Menschen ursprünglich Flüchtlinge aus dem Norden Ägyptens waren. Sie hätten von dort fliehen müssen, als einer der südlichen Könige vor mehr als 5.000 Jahren das Land eroberte, so seine Vorstellung.

Herkunft ungeklärt


Seit der Zeit von Evans haben Forscher zahlreiche Untersuchungen zur Herkunft der Minoer gemacht. Viele ihrer Ergebnisse kann man tatsächlich als Beleg für eine nordafrikanische Herkunft interpretieren – etwa große Übereinstimmungen bei Begräbnisriten und Schmuck- oder Kunstgegenständen aus Kreta mit denen aus Ägypten und Libyen. Allerdings gibt es auch Daten, die in die entgegengesetzte Richtung weisen. So sprechen einige bisherige Analysen von Erbgut aus minoischen Gräbern nicht für Nordafrika. Sie sind jedoch so widersprüchlich, dass auch keine andere Herkunft zweifelsfrei belegt werden konnte.

Ruinen des Palasts von Phaistos auf Kreta

Ruinen des Palasts von Phaistos auf Kreta

Das Team um Jeffery Hughey vom Hartnell College im kalifornischen Salinas hat nun erneut DNA aus fast 100 minoischen Skeletten analysiert. 39 davon stammten aus Gräbern, die in der Nähe des Palasts von Phaistos ausgegraben wurden. Die restlichen Proben entnahmen die Forscher Skelettresten in einer Höhle auf der Lasithi-Hochebene in Zentralkreta. Diese Höhle wurde vermutlich von der ersten Besiedelung Kretas an bis vor rund 3.800 Jahren durchgehend als eine Art Beinhaus genutzt und schließlich verschüttet.


Vergleich über die mütterliche Linie


Da einige Proben durch moderne DNA verunreinigt waren, werteten die Forscher letztlich nur die mitochondriale DNA aus Knochen von insgesamt 37 Individuen aus, die vor 4.400 bis 3.700 Jahren lebten. Diese außerhalb des Zellkerns in den Mitochondrien liegende DNA wird immer über die mütterliche Linie vererbt, ohne dass es zu einer Vermischung mit väterlichem Erbgut kommt. Daher gilt sie als besonders hilfreich bei der Bestimmung von Abstammungslinien.

Die Wissenschaftler verglichen die DNA-Abfolge der Proben mit denen von insgesamt 135 anderen Populationen aus der ganzen Welt, die sowohl heute lebende Menschen umschlossen als auch Gruppen, die während der Jungsteinzeit sowie der Bronzezeit lebten.

Goldene minoische Doppelaxt (Labrys)

Goldene minoische Doppelaxt (Labrys)

Europäische Eigenentwicklung statt Afrika-Import


Das Ergebnis sei in einer Hinsicht sehr deutlich ausgefallen, berichtet das Team: Die afrikanischen Proben wichen mit Abstand am meisten von denen aus Kreta ab – eine Herkunft aus dem Norden des Kontinents könne daher praktisch ausgeschlossen werden. Große Übereinstimmungen habe es dagegen mit dem Erbgut von Menschen aus dem heutigen West- und Nordeuropa gegeben. Noch stärker ähnelten die minoischen Proben allerdings der aus bronzezeitlichen Knochen isolierten DNA aus dem Süden Europas, speziell der Iberischen Halbinsel.

Nach Ansicht der Forscher haben sich die Minoer zwar aus den ersten Einwanderern auf Kreta entwickelt. Diese Steinzeitmenschen kamen aber nicht aus Afrika, sondern vermutlich eher aus der Region des heutigen Anatolien. Die minoische Hochkultur hat daher europäische Wurzeln, wie Hughey und seine Kollegen erklären: "Sie entwickelte sich auf der Insel selbst aus ihren steinzeitlichen Vorläufern."

Und noch etwas zeigte die DNA-Analyse: Die Menschen, die heute auf der Lasithi-Ebene leben, tragen noch immer das Erbgut der Minoer in sich – und zwar zu einem größeren Teil als bisher angenommen. "Die enge Verwandtschaft der heutigen Kreter mit den Minoern ist offensichtlich", so die Forscher. (Nature Communications, 2013; doi: 10.1038/ncomms2871)
(Nature Communications, 15.05.2013 - ILB)
 
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