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Sonntag, 11.12.2016
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Placebos vom Hausarzt sind kein Einzelfall

Studie: 97 Prozent der Mediziner geben zu, schon Scheinbehandlungen durchgeführt oder verordnet zu haben

Wer zum Arzt geht, kann nicht sicher sein, wirklich eine wirksame Behandlung zu bekommen: Zumindest in Großbritannien haben 97 Prozent der Ärzte ihren Patienten schon einmal ein Placebo oder eine nicht notwendige Untersuchung verordnet. Dies geschah meist, um die Patienten zu beruhigen oder weil sich die Mediziner davon positive psychologische Effekte versprachen, wie die Forscher im Fachmagazin "PloS ONE" berichten. Dass auch bei uns viele Ärzte so handeln, dürfte daher nicht unwahrscheinlich sein.
Placebo: kein Wirkstoff, aber oft trotzdem eine Wirkung.

Placebo: kein Wirkstoff, aber oft trotzdem eine Wirkung.

Als Placebo gilt ein Medikament, das keine medizinisch wirksamen Bestandteile enthält, also beispielsweise eine Zuckerpille oder eine Spritze mit reiner Salzlösung. Ebenfalls medizinisch eher unnütz, manchmal sogar eher schädlich sind Untersuchungen oder Therapien, die entweder nur zum Schein stattfinden oder aber bei der speziellen Erkrankung des Patienten nicht helfen - wie beispielsweise ein Antibiotikum bei einem viralen Infekt. Studien zeigen aber, dass selbst ein Placebo oder eine Scheinbehandlung die Beschwerden eines Patienten verbessern können - durch psychologische oder psychosomatische Effekte. Bei rund 30 Prozent der Fälle, so schätzt man, hilft ein Placebo genauso gut wie die echte Behandlung.

Scheinbehandlung einmal pro Woche


Forscher der Universitäten von Oxford und Southampton wollten nun herausfinden, ob dieses Wissen Ärzte dazu bringt, auch mal bewusst ein Placebo zu verschreiben oder eine Scheinbehandlung durchzuführen. Dazu befragten sie eine Stichprobe von 1.715 zufällig ausgewählten Allgemeinmedizinern, die im britischen General Medical Council (GMC) eingetragen waren und werteten die 783 eingegangenen Fragebögen aus.

Das Ergebnis: 97 Prozent der Ärzte gaben zu, schon mindestens einmal einen Patienten einer Scheinbehandlung unterzogen zu haben, 77 Prozent taten dies sogar mindestens einmal pro Woche. Sie verordneten beispielsweise ein Blutprobe oder einen anderen diagnostischen Test oder verschrieben ein Antibiotikum gegen eine von Viren ausgelöste Erkältung. Zwölf Prozent der Ärzte griffen sogar zu einem echten Placebo - Tabletten oder Spritzen ohne Wirkstoff. Diese Werte entsprechen etwa denen, wie sie auch schon Studien aus anderen Ländern ermittelte hatten.


Zum Wohle des Patienten ?


Die Mediziner verstoßen damit allerdings gegen die ethischen Richtlinien der britischen Ärzteschaft, die diese Form der nicht direkt medizinisch indizierten Behandlungen verbietet. "Es geht hier aber dennoch nicht um Ärzte, die Patienten böswillig täuschen - in der Regel tun die Mediziner dies, weil sie glauben, ihren Patienten damit zu helfen", erklärt Jeremy Howick von der University of Oxford. In der Befragung erklärten 66 Prozent der Ärzte, dass sie den Einsatz von Placebos unter bestimmten Umständen für vertretbar halten, 84 fanden Scheinbehandlungen und unnötige Untersuchungen akzeptabel.

"Frühere Studien haben klar gezeigt, dass Placebos durchaus hilfreich sein können", konstatiert Studienleiter George Lewith von der University of Southampton. Ein Placebo wirke beispielsweise gegen Schmerzen, indem es den Organismus dazu bringe, körpereigene Schmerzmittel freizusetzen. "In meinen Augen ist daher das Stigma, das mit Placebos verbunden wird, irrational. Wir benötigen weitere Studien, die zeigen, wie sich dieser hilfreiche Effekt ethisch und medizinisch vertretbar nutzen lässt", so Lewith. (PloS ONE, 2013; doi: 10.1371/journal.pone.0058247)
(University of Oxford / PloS ONE, 21.03.2013 - NPO)
 
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