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Dienstag, 27.09.2016
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Zwei Jahre nach Fukushima

Bis heute sind die Folgen für die Gesundheit der japanischen Bevölkerung schwer abzuschätzen

Zwei Jahre nach dem Reaktorunfall von Fukushima am 11. März 2011 ist die Katastrophe noch lange nicht vorbei. Während die Betreiberfirma Tepco weiter gegen heiß laufende Brennstäbe und austretende Radioaktivität am havarierten Kraftwerk kämpft, streiten sich die japanische Regierung, die Weltgesundheitsorganisation WHO und unabhängige Gesundheitsorganisationen über die Langzeitfolgen und das Krebsrisiko der Bevölkerung. Fakt ist: Bis das wahre Ausmaß der Katastrophe sichtbar wird und die Brennstäbe geborgen sind, werden noch Jahrzehnte vergehen.
AKW Fukushima Daiichi am 14. März 2011: Zwei Reaktorgebäude sind bereits zerstört

AKW Fukushima Daiichi am 14. März 2011: Zwei Reaktorgebäude sind bereits zerstört

Direkt nach der Katastrophe wurde die Bevölkerung im Umfeld des havarierten Atomreaktors zunächst in drei Stufen evakuiert - im Zwei-, im Zehn- und im Zwanzig-Kilometer - Umkreis. Außerhalb dieser Sicherheitszone wurde den Menschen geraten, zunächst in den Gebäuden zu bleiben. Doch bereits wenige Monate nach dem Unglück sind die Bewohner in viele Gebiete nahe des Kraftwerks bereits in ihre Häuser zurückgekehrt. Verwaltungsgebäude und deren Umgebung wurden mit Hilfe von Hochdruckreinigern durch Regierungstruppen gereinigt. In der Stadt Kōriyama, 60 Kilometer westlich des Kraftwerks, und in anderen Gebieten außerhalb der 20-Kilometer Zone wurden die kontaminierten Oberflächen des Erdreichs in der Umgebung von Kindergärten abgetragen und gelagert. Denn nach Regierungsangaben ist bereits das Umgraben der Böden vielerorts ausreichend.

Tatsächliche Strahlungswerte vertuscht?


Doch von wissenschaftlicher Seite wurden Vorwürfe gegenüber der Regierung sowie der Betreiberfirma Tepco laut: Man habe Messungen und Daten zurückgehalten, um die Bevölkerung ruhig zu stellen und das eigentliche Ausmaß der Katastrophe zu vertuschen. Wie hoch die Strahlenbelastung der Bevölkerung daher tatsächlich ist, lässt sich schwer abschätzen. Dafür sprechen auch die widersprüchlichen Stellungnahmen der Weltgesundheitsorganisation und des Internationales Ärztebündnis zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Die WHO schätzt nach ihrem Bericht das Langzeitrisiko für die Bevölkerung eher gering ein. In ihrem Bericht von 2012 sprechen die WHO-Experten von einer effektiven Strahlenbelastung von 1 bis 10 Millisievert (mSv) pro Jahr in der Präfektur Fukushima - nur in zwei Regionen habe die jährliche Strahlenbelastung Werte von 10 bis 50 mSv erreicht. In den Nachbarregionen schätzte die WHO die Belastung auf 0.1−10 mSv und in allen anderen Präfekturen sogar auf nur 0.1−1 mSv.

Zum Vergleich: Die pro Jahr zulässige Strahlendosis einer berufsbedingt strahlenexponierten Person - beispielsweise in einem Radioaktivlabor - beträgt in Deutschland 20mSv. Ab einer Einwirkung von 100 mSv auf das ungeborenes Leben und Mutter gelten massive Fehlbildungen oder gar der Tod des Kindes - laut Bundesamtes für Strahlenschutz (BFS) - als sicher. Das BFS betont zudem in seiner Stellungnahme zu Fukushima: " Es gibt keinen Wert, unter dem radioaktive Strahlung kein gesundheitliches Risiko beinhaltet. Allerdings steigt die Wahrscheinlichkeit gesundheitlicher Folgen (insbesondere von Krebserkrankungen) mit der Höhe der erfahrenen Strahlenbelastung."

Besser kein Sushi?

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Bis zu 80.000 zusätzliche Krebsfälle in der Region?


Die Ärzteorganisation IPPNW bemängelt, die Studie der WHO basiere auf falschen und zu vereinzelten Datensätzen - zudem sei der Einfluss der radioaktiven Strahlung auf Föten und Kleinkinder nicht berücksichtigt worden und die Fukushima - Katastrophe als einmaliges Ereignis behandelt worden. Dabei habe man außer Acht gelassen, dass die Bevölkerung einer weiterhin erhöhten Strahlung durch Anreicherung von radioaktiven Isotopen in Grundwasser, Böden sowie der Nahrungskette nicht nur in der Präfektur Fukushima ausgesetzt sei.


Dem IPPNW-Bericht zufolge müsse man davon ausgehen, dass es in den nächsten Jahren im schlimmsten Falle zu bis zu 80.000 zusätzlichen Krebsfällen durch den direkten Einfluss der Strahlenbelastung vor Ort kommen könne. Weitere 37.000 Menschen könnten nach ihren Berechnungen durch den Verzehr kontaminierter Lebensmittel an Krebs erkranken. Die Experten von IPPNW stützen sich dabei auf wissenschaftliche Veröffentlichungen zu Bodenbelastung und Strahlendosis in Japan aus dem Herbst 2012. Zwar hatte die Regierung kurz nach der Havarie des Tepco-Kraftwerks Maßnahmen zur Eindämmung des Handels mit kontaminierten Lebensmitteln ergriffen, wie die einzelnen japanischen Präfekturen allerdings mit den Vorgaben umgehen, blieb ihnen überlassen. Heute werden viele Lebensmittel aus der Region Fukushima wieder vertrieben und sogar exportiert.

Reaktorkerne noch immer Terra inkognita


Währenddessen brodeln die Reaktoren im havarierten Kraftwerk weiter vor sich hin. Seit zwei Jahren gibt es immer wieder Meldungen über Kühlausfälle und Überhitzungen in den Reaktoren. Die Reaktoren 1 bis 3 müssen fortlaufend weiter gekühlt werden, denn sie befinden sich im sogenannten Cold Shutdown-Modus. Dabei läuft zwar keine atomare Kettenreaktion mehr in den Reaktorkernen, dennoch erzeugen weiterlaufende Zerfallsreaktionen der Brennstände weiterhin Hitze. An ein Entfernen der Brennstäbe ist hier noch lange nicht zu denken, auch weil die Strahlenbelastung innerhalb der Reaktoren mit bis zu 10 Sievert pro Stunde so hoch ist, dass bis heute nur Roboter die Lage untersuchen können. Kraftwerkschef Takeshi Takahashi zufolge ist zwar die Strahlenbelastung auf dem Außengelände inzwischen deutlich gesunken, weil die meisten kontaminierten Trümmer weggeräumt wurden. Doch das Innere der Reaktorgebäude ist nach wie vor tödlich verstrahlt.

Strahlen wird das Atomkraftwerk und seine Umgebung noch jahrelang

Strahlen wird das Atomkraftwerk und seine Umgebung noch jahrelang

Selbst die Betreiberfirma Tepco kennt daher bis heute nicht den genauen Zustand der Reaktorkerne. Welche Brennstäbe wo und wie weit geschmolzen sind - darüber kann nur spekuliert werden. Vermutet wird, dass Teile der Reaktorkerne geschmolzen und auf den Boden der Sicherheitsbehälter getropft sind. Ob dem aber so ist, wird sich erst zeigen, wenn in vielleicht 22 Jahren mit der Bergung begonnen werden kann. Bis dahin werden die unsicheren Brennstäbe mit Wasser gekühlt, das über mobile Pumpen immer wieder ausgetauscht wird. Nur im Reaktor 4 von Fukushima Daiichi
sieht die Lage etwas hoffnungsvoller aus. Dort sind die Arbeiter bereits damit beschäftigt, einen Schutzmantel um das beschädigte Abklingbecken zu ziehen. Bald soll mit der Bergung einiger der darin gelagerten Brennstäbe begonnen werden.

Verseuchtes Wasser fließt in Boden und Meer


Noch immer weitgehend ungelöst ist allerdings das Problem, dass ein Teil des Kühlwassers unten wieder aus den Ruinen heraussickert und droht, das Grundwasser zu kontaminieren. Bisher wird dieses Wasser soweit es geht abgepumpt und in Tanks auf dem Gelände gelagert. Eine Wand aus Stahlrohren soll dafür sorgen, dass auch kein verseuchtes Wasser mehr ins Meer fließen kann - sie wird aber nach Angaben der Betreiber erst demnächst installiert. Die angeschlagenen Reaktorgebäude sollen nach Angaben von Tepco immerhin gegen ein erneutes Erdbeben abgesichert sein. Gegen einen Tsunami schützt das Gelände bisher nur ein provisorischer Wall aus mit Steinen gefüllten Drahtsäcken.

Endlagerung frühestens in 30 bis 40 Jahren


Laut Tepco sollen das Entfernen der Brennstäbe sowie das endgültige Abschalten der Daiichi- Reaktoren erst in 30 bis 40 Jahren abgeschlossen sein - nach Meinung unabhängiger Experten eine optimistische Einschätzung. Dann, so der Konzern, könne mit der Endlagerung des radioaktiven Mülls begonnen werden. Wo diese Endlagerung allerdings stattfinden soll, das weiß noch keiner so genau. Geplant ist zunächst eine Lagerung auf dem Reaktorgelände - über den Reaktoren zum Beispiel - allerdings dürfte es angesichts von insgesamt 11.417 Brennstäben große Platzprobleme geben. Denn auf dem Gelände lagern bereits Unmengen verseuchter Trümmer, Holz und Wasser - keine japanische Präfektur will die radioaktiven Abfälle haben.

Mehr dazu in unserem Fukushima-Special.
(Tepco, WHO, IPPNW, BFS, 11.03.2013 - KBE)
 
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