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Multiple Sklerose: Diabetes-Wirkstoff schützt Nervenzellen
Ionenkanal in Zellwänden erweist sich als neuer Ansatzpunkt gegen unheilbare Krankheit
Ein internationales Forscherteam hat einen neuen Ansatzpunkt zur Behandlung der Multiplen Sklerose (MS) entdeckt: Blockierten sie bei Mäusen einen bestimmten Kanal in den Wänden von Nervenzellen, waren diese vor der fortschreitenden Zerstörung geschützt. Bliebe der als TRPM4 bezeichnete Kanal dagegen aktiv, gingen die vom eigenen Immunsystem der Mäuse angegriffenen Nervenzellen zugrunde, berichten die Forscher im Fachmagazin "Nature Medicine".
Läsionen eines MS-Patienten
Läsionen eines MS-Patienten
© Marvin 101 / CC BY-SA 3.0 Läsionen eines MS-Patienten
"Die Deaktivierung des Ionenkanals bewirkt, dass die Nervenzellen überleben, auch wenn die Entzündung im Nervengewebe unverändert fortschreitet", erklärt Studienleiter Manuel Friese vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Diese Erkenntnis könne der Ausgangspunkt sein für die Entwicklung neuer Medikamente gegen Multiple Sklerose und andere neurodegenerative Erkrankungen.

Den Tod der Nervenzellen haben die Forscher mit einem Medikament gestoppt, das bereits gegen Diabetes zugelassen ist. Da sich der Wirkstoff Glibenclamid bereits als sicher und gut verträglich erwiesen habe, könnte er bald bei MS-Patienten eingesetzt werden, um den Krankheitsverlauf zu bremsen, sagen Friese und seine Kollegen. In der Zwischenzeit könne man dann einen noch gezielter wirkenden TRPM4-Hemmstoff entwickeln.

Mögliche Hilfe auch gegen andere Nerven-Erkrankungen
"Unsere Studie zeigt: Eine pharmakologische Blockade des Ionenkanals ist prinzipiell möglich und könnte von therapeutischem Nutzen sein", konstatiert Friese. Möglicherweise sei der TRPM4-Kanal nicht nur ein Ansatzpunkt für neue Medikamente gegen die Multiple Sklerose, sondern auch gegen andere fortschreitende Erkrankungen des Nervensystems wie Parkinson, Alzheimer oder die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Denn auch bei diesen Krankheiten könnte der Niedergang von Nervenzellen auf dem gleichen Mechanismus beruhen, mutmaßen die Forscher.

Bei der Multiplen Sklerose erkennt die Immunabwehr bestimmte Eiweiße auf der Oberfläche von Nervenzellen und ihren Fortsätzen nicht mehr als körpereigen und greift diese daher irrtümlich an. Dies resultiere in einer chronischen Entzündung, in deren Folge die schützenden Markscheiden um die Nervenfasern, aber auch die Nervenzellen zerstört werden, erklären die Forscher. Im Laufe der Erkrankung verlieren die Patienten daher fortschreitend die Kontrolle über ihre Muskeln. Eine Heilung gebe es bisher nicht.

Nervenzellen ohne Kanal überlebten
Für ihre Studie testen Friese und seine Kollegen, welche Rolle der Ionenkanal TRPM4 für den Niedergang der Nervenzellen bei MS spielt. Dafür infizierten sie Mäuse mit funktionierendem und mit genetisch deaktiviertem Ionenkanal mit einer der MS ähnlichen neurodegenerativen Erkrankung. Bei den Mäusen ohne TRPM4 sei die Krankheit deutlich milder verlaufen. Ihre Nervenzellen überlebten, obwohl die ungeminderte Überreaktion des Immunsystems Entzündungsherde im Gewebe verursachte. Einen ähnlich schützenden Effekt beobachteten die Forscher, als sie den Kanal mit dem Diabetes-Medikament Glibenclamid blockierten.

In Zellkulturen untersuchten die Wissenschaftler, woran dies liegt. Dabei stellten sie fest, dass die chronische Entzündung des Nervengewebes bei MS den TRPM4-Kanal dauerhaft öffnet. Dadurch strömen ständig geladene Natrium-Atome in die Zelle ein. Um diesen Überschuss auszugleichen, nehme die Zelle vermehrt Wasser auf. "Die unabwendbare Folge: Die Nervenzelle schwillt an und stirbt ab", erläutert Friese. Diese entscheidende Rolle des Kanals für den Tod der Nervenzellen sei zuvor unbekannt gewesen. Das Wissen darum eröffne nun neue Möglichkeiten, in den Krankheitsverlauf der MS einzugreifen (doi:10.1038/nm.3015).
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Multiple Sklerose, Nervensystem, Entzündung, Autoimmunerkrankungen, Diabetes, Ionenkanal, Immunabwehr
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