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Donnerstag, 18.09.2014
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Schon bloßes Zuschauen löst Juck-Reaktion im Gehirn aus

Forscher klären neuronale Basis für die ansteckende Wirkung des sich-Kratzens

Britische Forscher haben herausgefunden, warum Jucken ansteckend wirkt: Wenn wir jemand anderen dabei beobachten, wie er sich am Arm kratzt, aktiviert dies auch in unserem Gehirn den sogenannten Juck-Schaltkreis. Als Folge beginnen auch wir uns unwillkürlich zu kratzen. Das zeigte sich in einem Experiment. Ein Video mit sich kratzenden Personen löste bei rund 60 Prozent der Probanden ebenfalls einen Juckreiz aus. Das belege, dass Jucken ähnlich sozial ansteckend sei wie beispielsweise Lachen oder Gähnen, berichten die Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences". In Hirnscans zeige sich zudem, dass bei dieser unwillkürlichen Reaktion die gleichen Hirnareale aktiviert werden wie bei einem tatsächlichen, durch eine hautreizende Chemikalie ausgelösten Juckreiz. Diese Reaktion falle umso stärker aus, je mehr eine Person zu negativen Emotionen neige, sagen die Forscher.

Junger Mann kratzt seinen Rücken

"Mit dieser Studie haben wir erstmals belegt, dass Jucken auf die Mehrheit der Menschen tatsächlich sozial ansteckend wirkt", schreiben Henning Holle von der University of Hull und seine Kollegen. Bisher sei zwar schon oft beobachtet worden, dass schon ein Vortrag über Hautkrankheiten oder die Beobachtung eines sich Kratzenden ausreiche, um bei einem selbst Juckreiz hervorzurufen. Die neuronale Basis dieses Phänomens sei aber bisher nicht untersucht worden.

Video überträgt Juckreiz


Für ihre Studie hatten die Forscher 33 Frauen und Männern Videos gezeigt, in denen sich eine Person entweder an einem Körperteil kratzte, oder diesen nur antippte. Während der Videos wurden die Studienteilnehmer gefilmt und die Forscher werteten hinterher aus, ob und wie häufig sich die Probanden dabei gekratzt hatten. Zudem bewerteten die Teilnehmer nach jedem Video in einem Fragebogen, wie sehr sie selbst Juckreiz verspürt hatten. Bei einem Teil der Probanden untersuchten die Forscher zudem die Hirnaktivität während des Videoschauens mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT).

"Es gab einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem angeschauten Video und dem Verhalten der Probanden", schreiben Henning und seine Kollegen. Rund 60 Prozent der Versuchsteilnehmer hätten sich unwillkürlich gekratzt, wenn dies auch die Person im Video getan habe - deutlich mehr als bei den Kontrollvideos. Auch der subjektiv empfundene Juckreiz sei nach Anschauen der Kratz-Videos stärker gewesen. Interessanterweise habe ein Kratzen am linken Oberarm dabei ansteckender gewirkt als an allen anderen Körperstellen.

Die Hirnscans zeigten, dass bei den Probanden während der Kratz-Videos Hirnareale aktiv wurden, die zum sogenannten Juck-Schaltkreis gehören. Dieser Schaltkreis reagiere normalerweise, wenn die Haut beispielsweise durch eine Chemikalie gereizt werde, erklären die Forscher. Das belege, dass sowohl bei echtem Jucken als auch beim sozial übertragenen Juckreiz die gleichen Hirnschaltkreise aktiv seien.

Geschlecht und Empathie spielen keine Rolle


Wie die Forscher berichten, war der ansteckende Effekt des Juckens bei Frauen und Männern gleich stark. "Überraschenderweise spielte auch die Fähigkeit zur Empathie keine Rolle", erklären Henning und seine Kollegen. In psychologischen Tests erwiesen sich die besonders anfälligen "Mitjucker" nicht als empathischer und mitfühlender als die weniger häufig angesteckten.

Einen sehr deutlichen Zusammenhang entdeckten die Wissenschaftler aber beim sogenannten Neurotizismus-Wert. Dieser ist bei den Menschen hoch, die zu negativen Stimmungen neigen, stärker auf Stress reagieren und emotional labiler sind. "Probanden mit einem höheren Neurotizismus-Wert ließen sich signifikant häufiger beim Juckreiz anstecken", berichten die Forscher. Dies könne möglicherweise auch erklären, warum manche Menschen unter andauerndem Juckreiz leiden, obwohl ihre Haut weder infiziert noch gereizt sei. Bei ihnen reagiere der Juck-Schaltkreis möglicherweise übersensibel. (doi:10.1073/pnas.1216160109)
(Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), 13.11.2012 - NPO)

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