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Freitag, 25.07.2014
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Gigantischer Schildkrötenfriedhof entdeckt

Urzeitlicher Schlammstrom begrub mehr als 1.800 Tiere bis heute

Ein Schlammstrom vor 160 Millionen Jahren hat im heutige China einen gigantischen Schildkrötenfriedhof hinterlassen. Auf engstem Raum wurden mehr als 1.800 Urzeit-Schildkröten begraben und blieben bis heute erhalten. Deutsche und chinesische Paläontologen haben die erst vor wenigen Jahren entdeckte Fundstelle Mesa Chelonia in der Provinz Xinjiang nun genauer untersucht und die Zahl der Funde erstmals beziffert.

Zur Stabilisierung eingegipster Block mit Schildkrötenfossilien vor der Bergung

"Knochen über Knochen, wir haben unseren Augen nicht getraut" so Oliver Wings, Paläontologe und Gastwissenschaftler am Museum für Naturkunde Berlin. Ausgehend von den bisherigen Grabungsfunden haben Wings und seine Kollegen berechnet, dass sich dort etwa 1.800 Exemplare der zur Gattung Annemys gehörenden Schildkröten befinden. „Wahrscheinlich haben wir mit dieser Fundstelle die bekannte Individuenzahl von jurassischen Schildkröten mehr als verdoppelt“ sagt Mitorganisator und Koautor Walter Joyce von der Universität Tübingen, „die Panzer lagen teilweise wie gestapelt, dicht an dicht im Gestein“. Es handelt sich bei der Schicht um ein sogenanntes bone bed, ein Knochenlager, das in diesem Fall ausschließlich aus Schildkrötenresten besteht.

Ansicht der Fundstelle Mesa Chelonia in der Wüste nahe der Stadt Shanshan

Ehemals üppige Seenlandschaft


Seit 2007 sind Wings, Joyce und Kollegen in der Wüstenregion aktiv und entdeckten dort bei mehreren Expeditionen auch Überreste von Haien, Krokodilen, Säugetieren und mehrere Dinosaurierskelette. Was heute eine der trockensten Regionen der Erde ist, war vor etwa 160 Millionen Jahren eine grüne Fluss- und Seelandschaft in der es vor Leben wimmelte. Wie die Wissenschaftler nun belegen konnten, waren die Lebensbedingungen aber auch damals nicht immer ideal: Klimaänderungen sorgten für saisonale Trockenheit und waren wohl auch für die Entstehung dieser weltweit einmaligen Ansammlung entscheidend.

Die Schildkröten hatten sich während einer Dürreperiode an einem verbliebenen Wasserloch gesammelt und auf die Rückkehr des Regens gewartet, ähnliche Verhaltensweisen kennt man auch von heutigen Schildkröten, beispielsweise aus Australien. Damals allerdings kam der Regen zu spät: viele Schildkröten waren bereits verendet, ihre Kadaver zerfielen. Als das Wasser später doch zurückkehrte, kam es mit gewaltiger Kraft: Heftige Regenfälle verursachten einen Schlammstrom, der Schildkröten und frisch abgelagerte Sedimentschichten mit sich riss und nach kurzen Transport in chaotischer Weise ablagerte. Belege für diesen Ablauf fanden sich in den die Schildkröten umgebenden Gesteinsschichten.

Die hohe Anzahl der Tiere ermöglicht es den Wissenschaftlern, nun erstmals statistisch gesicherte Erkenntnisse zu asiatischen Schildkröten aus dem Erdmittelalter zu erhalten. Durch den zeitgleichen Tod sind beispielsweise Rückschlüsse auf Variabilität, Wachstumsreihen und morphologische Unterschiede innerhalb verschiedener Arten möglich. (Naturwissenschaften, 2012; doi:10.1007/s00114-012-0974-5)
(Museum für Naturkunde - Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung, 29.10.2012 - NPO)

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