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Dienstag, 28.03.2017
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Klimawandel ließ Mumienkult entstehen

Chinchorro-Kultur in Südamerika erfand diese Begräbnistechnik vor 7.000 Jahren

Schon vor mehr als 7.000 Jahren haben die ersten Menschen ihre Toten als Mumien begraben. Die ältesten bekannten Zeugnisse davon stammen vom Volk der Chinchorro, die in der Steinzeit entlang der südamerikanischen Westküste lebten. Warum diese einfachen Nomaden plötzlich begannen, ihre Toten aufwändig zu mumifizieren, hat ein internationales Forscherteam jetzt aufgeklärt. Demnach waren zwei Faktoren für die Erfindung dieser neuen Kulturtechnik ausschlaggebend: Ein günstiges Klima schuf vor rund 7.000 Jahren in Küstennähe viele Quellen und Wasserläufe und ließ die Bevölkerung der Chinchorro stark anwachsen. Gleichzeitig aber sorgte die trockene Luft der nahen Atacamawüste dafür, dass Tote nicht verwesten, sondern vertrockneten.
4.500 Jahre alte Chinchorro-Mumie

4.500 Jahre alte Chinchorro-Mumie

Angeregt durch den häufigen Anblick solcher natürlich entstandenen Mumien hätten die Chinchorro damit begonnen, gezielt ihre Toten einzubalsamieren und zu mumifizieren, berichten die Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences". Dieses Beispiel zeige erneut, wie eng die Entwicklung der menschlichen Kultur mit dem Klima und anderen Umweltfaktoren verknüpft sei.

Die Technik der Mumifizierung entstand vor rund 7.000 Jahren scheinbar aus dem Nichts, erklären Pablo Marquet von der katholischen Universität Chile in Santiago und seine Kollegen. Zunächst hätten die Chinchorro nur Kinder auf diese Weise bestattet, wenig später dann auch Erwachsene. Im Laufe der Zeit hätten sich dabei ganz unterschiedliche Mumifizierungstechniken entwickelt. So wurden die Mumien bandagiert, mit roter oder schwarzer Farbe bemalt, mit Schlamm umhüllt oder mit Graskordeln umwickelt.

Bis heute sei unklar, was diese einfach lebenden Nomaden dazu brachte, eine so komplexe Kulturtechnik zu entwickeln, sagen die Forscher. Um dies aufzuklären, hatten sie 460 archäologische Funde aus 131 Ausgrabungen entlang der Küste Chiles und Perus ausgewertet. Informationen über das Klima der damaligen Zeit lieferten ihnen Analysen von Eisbohrkernen aus einem Andengletscher.


Wasserreichtum machte Nomaden sesshafter


Aus den archäologischen Funden geht hervor, dass die Chinchorro schon seit rund 10.000 Jahren im trockenen Küstengebiet des heutigen Nordchile und Peru lebten. "Vor etwa 7.000 Jahren nahm ihre Bevölkerungsdichte dramatisch zu und blieb dann bis vor rund 4.000 Jahren hoch", berichten Marquet und seine Kollegen. Ursache dafür sei ein Klimawandel gewesen, der sich zur gleichen Zeit ereignete: Im Hochland der Anden habe es häufiger geregnet, dadurch sei im ansonsten wüstig-kargen Küstengebiet das Grundwasser angestiegen. Es entstanden neue Quellen und Wasserläufe, an denen die hauptsächlich von Fischen und Meeresfrüchten lebenden Nomaden reichlich Wasser und Nahrung fanden. Als Folge wurden die Chinchorro sesshafter und bildeten größere Gruppen - eine Konstellation, die als besonders günstig für kulturelle Innovationen gilt.

"Das alleine erklärt aber noch nicht, warum sich diese Innovationen ausgerechnet im Totenkult äußerten", konstatieren die Forscher. Man wisse aber, dass heute wie damals die trockene Wüstenluft in dieser Gegend verhindere, dass Leichen und Aas verwesen. Stattdessen trocknen sie ein und werden quasi zu natürlichen Mumien. "Die Chinchorro müssen im Laufe der Zeit immer wieder solchen nicht verwesten Leichen begegnet sein", schreiben Marquet und seine Kollegen. Denn sie hätten vor der Erfindung der Mumien ihre Toten nur in flachen Gruben begraben. Durch Wind und Erosion seien diese häufig wieder an die Oberfläche gelangt. Im Laufe der Zeit begannen die Chinchorro dann, ihre Toten von vornherein so zu präparieren, dass sie nicht verwesen konnten.

Warum das Nomadenvolk allerdings im Laufe der Zeit so viele unterschiedliche Mumifizierungstechniken nutzte, bleibe unklar, schreiben die Wissenschaftler. Ein Ende fand der Totenkult der Chinchorro vor 4.400 Jahren - wahrscheinlich durch einen erneuten Klimawandel: Es regnete seltener, viele Quellen versiegten und die Nomaden zogen daher aus dem Küstengebiet weg. (doi: 10.1073/pnas.1116724109)
(Proceedings of the National Academy of Sciences, 14.08.2012 - NPO)
 
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