• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Logo Fachmedien und Mittelstand
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Samstag, 21.10.2017
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Heimkinder haben weniger graue Zellen

Defizite in den ersten Lebensmonaten hinterlassen Spuren im Gehirn

Wenn Kinder ihre ersten Lebensmonate und -jahre im Heim verbringen, verändert dies ihr Gehirn nachhaltig: Ihre Hirnrinde ist dünner und auch bestimmte elektrische Signale im Gehirn sind dauerhaft geschwächt. Das haben US-amerikanische Forscher bei rumänischen Heimkindern festgestellt. Ihre Studie zeigt aber auch, dass das Gehirn einige Defizite wieder wettmachen kann: Kamen die Heimkinder bereits als Zweijährige oder früher zu Pflegeeltern, holten einige Hirnbereiche ihr Wachstum nach. Dazu gehörten der Balken, der beide Hirnteile verbindet und die weiße Materie - der Bereich des Gehirns, in dem Nervenfasern für die schnelle Weiterleitung von Signalen sorgen. Das zeige, dass das Gehirn zumindest in einigen Aspekten plastisch genug sei, um selbst nach schweren Entbehrungen die Defizite wieder auszugleichen. Für diese Kinder bestehe daher durchaus die Chance, Entwicklungsrückstände wieder aufzuholen, berichten die Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".
Forschungslandschaft Gehirn

Forschungslandschaft Gehirn

Wachsen Kinder in einem Heim auf, kann dies ihre psychische Entwicklung vor allem in den ersten Lebensjahren gravierend beeinträchtigen, wie die Wissenschaftler berichten. Denn häufig erhielten diese Kinder in dieser kritischen Phase zu wenig Zuwendung und intensive Förderung. Das liege unter anderem daran, dass in den meisten Heimen ein Betreuer für bis zu zwölf Kinder verantwortlich sei und sich daher nur wenig um das einzelne kümmern könne. Diese frühe Vernachlässigung mache sich auch später oft noch durch psychische und soziale Probleme, aber auch durch geistige Defizite bemerkbar.

"Diese nachhaltigen Unterschiede lassen sich am wahrscheinlichsten damit erklären, dass die verarmte Umgebung im Heim die normale Entwicklung der Gehirnstrukturen stört", schreiben Margaret Sheridan von der Harvard Medical School in Boston und ihre Kollegen. Jetzt zeige sich, dass dies tatsächlich messbare Spuren im Gehirn hinterlasse - und dass die Strukturen durchaus unterschiedlich auf spätere Veränderungen reagierten. Ähnliches gelte möglicherweise auch für Kinder, die von ihren Eltern vernachlässigt oder misshandelt wurden.

Kinder im Heim und bei Pflegeltern verglichen


Die Forscher hatten ihre Untersuchung im Rahmen des Bukarest Early Intervention Project (BEIP) durchgeführt. In dem Projekt wurden 136 Kinder, die von Geburt an in Kinderheimen in Bukarest lebten, bis zum achten Lebensjahr begleitet und regelmäßig untersucht. Die Hälfte dieser Kinder kam dabei im Alter von sechs Monaten bis zweieinhalb Jahren in Pflegefamilien, die andere blieb im Heim. Für ihre Studie unterzogen die Wissenschaftler alle Kinder mit 30 und 42 Monaten, sowie mit acht Jahren einem Gehirnscan und maßen ihre Hirnströme mittels Elektroenzephalogramm (EEG). Alle Befunde wurden mit Werten von in Familien aufgewachsenen Kinder verglichen.


Alle Heimkinder - auch die später bei Pflegeeltern lebenden - hatten durchschnittlich rund 35 Kubikzentimeter weniger graue Materie als normal aufgewachsene Kinder, wie die Forscher berichten. Als graue Materie wird die in Präparaten grau erscheinende Hirnrinde bezeichnet. Sie gilt als der Sitz des Bewusstseins und der höheren Hirnfunktionen.

Auch die weiße Materie - der zentrale Bereich, in dem die Signalleitungen des Gehirns verlaufen - sei anfangs bei allen Heimkindern kleiner gewesen. Bei denjenigen, die als Kleinkind in Pflegefamilien kamen, habe man aber später keinerlei Unterschiede zur normalen Entwicklung mehr gefunden. "Das legt nahe, dass dieser Bereich des Gehirns die Folgen der schweren Vernachlässigungen wieder ausgleichen kann", schreiben Sheridan und ihre Kollegen. (doi:10.1073/pnas.1200041109)
(Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), 24.07.2012 - NPO)
 
Printer IconShare Icon