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Donnerstag, 28.07.2016
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Weltweit älteste Höhlenmalerei entdeckt

Rentierjäger ritzten vor 37.000 Jahre Figuren in die Wände einer Höhle in Südfrankreich

Forscher haben in einer Höhle in Südfrankreich die bisher ältesten Wandgemälde unserer Vorfahren entdeckt. In der eingestürzten Höhle Abri Castanet fanden sie 37.000 Jahre alte Gravuren und ockerfarbene Zeichnungen von Tieren und geometrischen Formen. Diese Höhlenzeichnungen sind noch einige tausend Jahre älter als die Wandbilder der rund 400 Kilometer östlich liegenden Grotte von Chauvet, die bisher als ältestes Zeugnis steinzeitlicher Malerei galten. Der Fund liefere einen weiteren Beleg dafür, dass Kunst schon in der frühen Jungsteinzeit im Alltag der Menschen eine Rolle spielten, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".
Detailvergrößerungen der Vulva-Darstellung aus Abri Castanet

Detailvergrößerungen der Vulva-Darstellung aus Abri Castanet

Entdeckt haben die Archäologen diese steinzeitlichen Wandgemälde im Jahr 2007 auf der Unterseite eines 1,5 Tonnen schweren Steinblocks. Stück für Stück haben sie seither den Stein abgetragen, die Schicht mit den Zeichnungen geborgen und analysiert. Die eingeritzten Bilder an der mit Ockerfarbe bemalten Fläche zeigen unter anderem eine unvollendete Tierfigur bestehend aus Kopf, Vorderbeinen und Bauch. "Das Hinterende dieser vielleicht einen Bison darstellenden Figur wurde offenbar nicht mehr fertig gemalt", schreiben Randall White vom Center for the Study of Human Origins der New York University und seine Kollegen. Neben der Tierfigur findet sich eine ovale Form, die die Forscher als Darstellung des weiblichen Geschlechtsteils, der Vulva, deuten. Solche Vulva-Abbildungen seien durchaus typisch für diese Zeit und Region.

Rentierjäger verzierten ihre Felsbehausung


Die Datierung der Zeichnungen und weiterer Funde deutet darauf hin, dass die Höhle Abri Castanet vor etwa 37.000 Jahren eine Gruppe Rentierjäger beherbergte, die zur Kultur des sogenannten Aurignacien gehörten. Diese jungsteinzeitliche Jäger-und-Sammler-Kultur war dem modernen Menschen nicht nur anatomisch sehr ähnlich. "Die frühen Aurignacien-Menschen funktionierten mehr oder weniger wie die Menschen heute", sagt White. "Sie hatten relativ komplexe soziale Strukturen und kommunizierten über selbstgemachte Zeichnungen."

Da die Gravuren die Unterseite des Kalksteinblocks zierten, gehen die Forscher davon aus, dass die Rentierjäger die Decke ihrer Felsbehausung bemalt haben müssen. Ihren Messungen nach war die Höhle vor ihrem Einsturz etwa zwei Meter hoch. Damit sei die Decke gerade noch niedrig genug, um von den Rentierjägern mit ausgestreckten Armen erreicht zu werden, sagen die Forscher. "Im Gegensatz zu den Gemälden in der Grotte Chauvet, die tief unter der Erde und damit fern von den Lebensräumen der damaligen Menschen lagen, waren diese Malereien in der Nähe ihrer Feuerstellen oder Werkstätten entstanden – und damit in Verbindung mit dem alltäglichen Leben", erklärt White. Darauf deuteten die begleitenden Funde von Schmuck und Alltagsgegenständen hin.


Kohlenstoffdatierung belegt Alter der Malerei


Dass die Malereien rund 37.000 Jahren alt sind, konnten die Wissenschaftler an zweierlei Befunden festmachen. Zunächst wiesen sie mithilfe der Radiokohlenstoffdatierung nach, dass die Oberfläche der Höhlendecke und der ehemalige Höhlenboden diesem Alter entsprechen. Zudem hatten die Archäologen die bemalte Unterseite des Steinblocks direkt auf dem Höhlenboden gefunden - ohne Zwischenschichten, die sich im Laufe der Zeit hätten ablagern können. Das deute darauf hin, dass die Höhle bereits kurze Zeit nach dem Bemalen eingestürzt sein müsse, sagen die Forscher. Die Rentierjäger seien vor 37.000 Jahren daher vermutlich die letzten Besucher der Höhle gewesen.

Die zuvor ältesten bekannten Höhlenmalereien der Grotte Chauvet werden auf 30.000 bis 32.500 Jahre datiert. Damit sind sie rund 5.000 Jahre jünger als die Neuentdeckung in der Dordogne. Die eingestürzte Höhle Abri Castanet gilt bereits seit langem als eine der ältesten Ausgrabungsstätten Eurasiens. In den vergangenen 15 Jahren haben Archäologen dort hunderte von Schmuckstücken wie durchbohrte Tierzähne und Muscheln oder selbst geschliffene Perlen ausgegraben. (doi:10.1073/pnas.1119663109)
(PNAS / New York University, 15.05.2012 - IRE)