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Freitag, 24.10.2014
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Fukushima-Bericht enthüllt Chaos nach der Katastrophe

Betreiber und Behörden erstaunlich unvorbereitet auf allen Ebenen

Menschliches Versagen, Ignoranz und gravierende Kommunikationsfehler haben vor knapp einem Jahr zur Atomkatastrophe im japanischen Fukushima geführt. Das ist das Fazit einer unabhängigen Untersuchungskommission, die die genauen Abläufe nach dem schweren Erdbeben und Tsunami vom 11. März 2011 analysiert hat. 30 Forscher, Juristen und Atomfachleute hatten dafür fast 300 Menschen befragt, die entscheidend an den Aktionen und Entscheidungen in ersten Tagen und Wochen nach der Katastrophe beteiligt waren.

AKW Fukushima Daiichi am 14. März 2011: Zwei Reaktorgebäude sind bereits zerstört

Die Forscher kritisieren in ihrem nun veröffentlichten Bericht neben Fehlreaktionen von Betreibern und Behörden vor allem die schlechte Vorbereitung auf ein solches Ereignis: „Die Akteure waren auf nahezu jeder Ebene völlig unvorbereit auf das sich aufschaukelnde nukleare Desaster“, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin „Bulletin of the Atomic Scientists“.

Beruhigung um jeden Preis


Einen der Hauptgründe für die schlechte Vorbereitung sieht die Kommission darin, dass Kraftwerksbetreiber und japanische Behörden um jeden Preis am Mythos von der sicheren Atomkraft festhielten. Um Bevölkerung und Arbeiter nicht zu verunsichern, seien im Vorfeld weder realistische Sicherheitsübungen durchgeführt, noch klare Zuständigkeiten im Katastrophenfall geklärt worden. Der Betreiber des Atomkraftwerks habe wider besseres Wissen wenig dafür getan, um die Sicherheit der nuklearen Systeme zu verbessern.

Vor einem Tsunami, der die Schutzmauer überfluten könnte, hätten sogar Forscher der hauseigenen Energieabteilung von Tepco bereits Jahre vorher gewarnt, so der Bericht. EinTsunami im Jahr 869 vor Christus habe schon einmal höhere Wasserstände erreicht. „Aber diese Warnungen wurden in internen Diskussionen abgeschmettert mit der Begründung, sie seien akademisch“, schreiben die Forscher.

Kein Notfallplan für längere Stromausfälle


Weder Tepco noch die zuständige Kommission für nukleare Sicherheit habe zudem die Möglichkeit eines länger anhaltenden Stromausfalls auch nur ansatzweise in Betracht gezogen. „Als die Arbeiter vor Ort in den Notfallanweisungen nachschauten, waren die Antworten, nach denen sie suchten, einfach nicht da“, schreiben die Forscher.

Diejenigen, die den Status des Kühlsystems nach dem Erdbeben einschätzen sollten, hätten das System zudem kaum gekannt, sie seien mitten in die Krise geworfen worden, ohne zuvor Training oder Instruktionen bekommen zu haben. So drehte ein Arbeiter versehentlich ein Notkühlventil aus statt an, die Entlüftung des Druckbehälters von Block 1 wurde um entscheidende 15 Stunden verzögert.

Inkompetenz von Betreiber Tepco


„Tepco trägt die Hauptverantwortung für das inkompetente Handeln nach der Naturkatastrophe“, konstatieren die Autoren. Der Betreiber sei weitgehend unfähig gewesen, die nötigen Entscheidungen zu treffen. Kompetenzstreitigkeiten, Bürokratie und mangelnde Kommunikation seitens der japanischen Behörden hätten die Probleme dann noch weiter verschärft.

Die Anordnung des Kraftwerksleiters Masao Yoshida, die Reaktoren so schnell wie möglich mit Meerwasser zu kühlen, wurde durch ein stundenlanges Hickhack zwischen der Regierung, Tepco und der japanischen Atomsicherheitskommission blockiert, wie die Forscher berichten. Das Tauziehen sei so weit gegangen, dass Yoshida seine Mitarbeiter anwies, die Meerwasserkühlung heimlich zu starten, während er gegenüber der Tepcozentrale behauptete, die Pumpen gestoppt zu haben.

„Dass der Leiter vor Ort zu einem solchen Theaterspiel greifen musste, um eine weitere Verschlimmerung der nuklearen Situation zu verhindern, zeigt, wie sehr das Verhältnis zwischen den Handelnden bereits gestört war“, schreiben die Wissenschaftler. (Bulletin of the Atomic Scientists, 2012; doi:10.1177/0096340212440359)
(Bulletin of the Atomic Scientists / dapd, 02.03.2012 - NPO)

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