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Donnerstag, 20.07.2017
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Urzeit-Heuschrecken liebten monotone Beats

Minnesang vor 165 Millionen Jahren lockte auch Feinde an

Nicht nur Menschen wollen mit ihren Stimmen als „Superstar“ überzeugen. In der Tierwelt locken Männchen mit betörenden Klängen Partnerinnen an, um mit ihnen Sex zu haben. Diesen Minnesang gibt es schon lange. Jetzt hat ein internationales Wissenschaftlerteam den Gesang von Laubheuschrecken rekonstruiert, die vor etwa 165 Millionen Jahren lebten. Wie die Wissenschaftler in den „Proceedings of the National Academy of Sciences” (PNAS) berichten, klangen deren Lieder wie eine Mischung aus quietschender Türangel und metallischem Hämmern.
Vorderflügel einer heute noch lebenden Heuschreckenart

Vorderflügel einer heute noch lebenden Heuschreckenart

Die gleichförmigen Staccatos, die die Männchen der Art Archaboilus musicus durch Reiben ihrer Flügel erzeugten, wären wohl kaum dazu geeignet, einen Pop-Hit zu landen. Doch waren die monotonen Beats offensichtlich anziehend genug, Weibchen zu betören – sonst wären die Laubheuschrecken wohl längst ausgestorben. Die Rekonstruktion des Gesangs gelang den chinesischen, englischen und amerikanischen Wissenschaftlern um Jun-Jie Gu und Dong Ren von der Capital Normal University in Beijing anhand des Flügelbaus eines Fossils aus der Jurazeit.

Geräusche entstehen durch Reiben der Flügel


„Die Heuschrecken erzeugen den Klang, indem sie mit kleinen Zähnchen der einen Flügeldecke über eine harte Leiste des anderen Flügels streichen – das macht richtig Krach“, erläutert Professor Jes Rust vom Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie der Universität Bonn, der die Studie der Forscher nun in den PNAS kommentierte. „Das funktioniert ganz ähnlich, wie wenn man mit einem Plectrum über eine Gitarrenseite streicht.“

Auch heute noch machen sich paarungswillige Heuschreckenmännchen auf diese Weise bemerkbar - doch haben ihre „Hits“ einen viel größeren Klangumfang als die ihrer Vorfahren. Rust stellt jedoch fest, dass das gesangliche Repertoire von Archaboilus musicus alles andere als primitiv war. „Der Klang ist deutlich komplizierter als ein einfaches ‚Ratsch‘“, sagt er. „Die Männchen halten exakt die Tonhöhe eines Baritons.“


Hierfür müssen die Zähnchen auf dem Flügel in einer gestaffelten Abfolge angeordnet sein. „Das deutet daraufhin, dass sich Archaboilus musicus in einer bestimmten Frequenz eingenischt hat“, kommentiert der Paläontologe die Ergebnisse der internationalen Forscher.

Tiefe Tonlage deutet auf lichten Wald als Lebensraum hin


Weil es sich um eine eher tiefe Tonlage handelt, schließt der Bonner Paläontologe darauf, dass die Heuschreckenspezies vor 165 Millionen Jahren wohl in einem lichten Wald gelebt hat.

„Tiefere Töne sind weiter zu hören als höhere“, sagt er. „Die Männchen haben die Weibchen aus großer Entfernung angelockt.“ Das sei in einem dichten Dschungel unmöglich, weil dort die Gesänge nicht soweit zu hören seien. Die „Ohren“ der Heuschrecken befinden sich übrigens nicht wie bei den Menschen am Kopf, sondern an den Knien der Vorderbeine. „Man erkennt daran sofort, wie sich eine bestimmte Heuschreckenart ernährte“, berichtet der Paläontologe. „Bei jagenden Spezies ist im Gegensatz zu Pflanzenfressern das Gehör überdacht, um sie beim Kampf zu schützen.“

Minnesang hörten auch Fressfeinde


Doch den Minnesang der Heuschreckenmännchen hören nicht nur die potenziellen Gespielinnen, sondern auch Fressfeinde. „Das mag erklären, warum Archaboilus musicus auf einem so schmalen Frequenzband sein Konzert anstimmte“, sagt Rust. „Damit sank das Risiko, von Vogel ähnlichen Sauriern, Amphibien oder Kleinsäugern akustisch wahrgenommen und verspeist zu werden.“

Doch galt damals schon für die Heuschreckenmännchen das Motto „no risk - no fun“. Die stummen Weibchen lebten weitaus sicherer. Auch das hatte vermutlich seinen biologischen Sinn: Während die Männchen nach der Begattung ihre Aufgabe erfüllt haben, werden ihre Artgenossinnen noch für die Eiablage gebraucht.

Verblüffend genaue Rekonstruktion online abrufbar


„Es ist ganz verblüffend, wie genau man den Gesang von Archaboilus musicus rekonstruieren kann“, lobt der Bonner Paläontologe die Arbeit seiner chinesischen, englischen und amerikanischen Kollegen. „Das ist so, als hätte man von einem Vormenschen ein fossiles Stimmband gefunden und könnte nun seine Stimmlage erschließen.“

Der Fossilbericht zur Evolution der akustischen Kommunikation durch Gesänge und andere Laute ist Forschern zufolge sehr dünn. „Die Arbeit der Wissenschaftler um Jun-Jie Gu zeigt das große Potenzial dieser Studien“, kommentiert Rust, der bereits 1999 in „Nature“ mit seinen Kollegen die Resultate zur Stimmrekonstruktion einer 55 Millionen Jahre alten Heuschrecke vorstellte. „Solche Ergebnisse vervollständigen unsere Vorstellung von den Ökosystemen im Zeitalter des Jura.“

Eine Kostprobe der Minnesänger ist im Internet verfügbar.
(Universität Bonn, 29.02.2012 - DLO)
 
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