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Donnerstag, 24.05.2012
Gibt es unerkannte Erdbebengefahren unter der Adria?
Geophysiker führen erste grundlegende Untersuchung der Lithosphäre in der Region durch?
Geophysiker führen ab Mitte Januar 2012 mit dem deutschen Forschungsschiff „Meteor“ die erste grundlegende Untersuchung der Lithosphäre unter der südlichen Adria durch. Die geplanten Experimente während der Expedition sollen helfen, die Erdbebengefahren in der Region besser einschätzen zu können.

Forschungsschiff
Forschungsschiff "Meteor"
© H.v.Neuhoff / GEOMAR Forschungsschiff
Eines der stärksten je in Europa registrierten Erdbeben mit einer Magnitude von 7,1 ereignete sich im Jahr 1979 vor der Küste Montenegros in der Adria. Die gesamte Region ist seismisch hoch aktiv, weil zwischen Süditalien und den Dinariden, einem Gebirgszug des Balkans, mehrere Erdplatten aufeinander stoßen. Die genaue Kenntnis der Grenzen zwischen diesen Platten ist eine wesentliche Voraussetzung, um das Risiko für Naturkatastrophen abschätzen zu können.

Verlauf der Plattengrenzen umstritten
Doch ausgerechnet in der Adria ist der genaue Verlauf dieser Grenzen nach Angaben von Forschern umstritten. Selbst die genaue Anzahl der Erdplatten ist nicht bekannt. Die Existenz zweier Mikroplatten, die den Meeresboden in der Adria bilden, wurde anhand von aufgezeichneten Erdbebendaten und Satellitenvermessungen zwar postuliert, ist aber noch nicht eindeutig nachgewiesen.

„Bisher haben wir kein genaues Bild über die exakte Ausdehnung der Lithosphärenplatten im zentralen Südeuropa. Dabei sind diese Informationen essentiell für eine Gefahrenabschätzung der Anrainerstaaten“, erklärt Professorin Heidrun Kopp vom GEOMAR - Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. „Einer der Gründe für die existierende Datenlücke ist die Tatsache, dass eine umfassende Untersuchung der plattentektonischen Verhältnisse hier nur mithilfe von parallelen Messungen auf See und an Land möglich ist“, ergänzt sie.

Untersuchungsgebiet in der Adria
Untersuchungsgebiet in der Adria
© Kartengrundlage: GoogleEarth Untersuchungsgebiet in der Adria
Forscher legen Messgeräte am Meeresboden aus
Jetzt ist es gelungen, Partner aus Deutschland – darunter das GeoForschungsZentrum Potsdam - Albanien, Kroatien, Montenegro und Italien für eines der größten land- und seegestützten seismischen Experimente zusammenzubringen, die jemals in Europa durchgeführt wurden.

Zentraler Bestandteil dieses Vorhabens ist eine Expedition des deutschen Forschungsschiffes „Meteor“ von Mitte Januar bis Anfang Februar 2012 in der südlichen Adria. Von der „Meteor“ aus legen die Wissenschaftler Messgeräte am Meeresboden der Adria aus. Diese werden zwei Linien von der Küste Apuliens bis nach Montenegro beziehungsweise nach Nordalbanien bilden.

Zusätzliche Messgeräte auf dem Festland
Auf dem italienischen Festland stellen Wissenschaftler des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie Italiens (INGV) ergänzend dazu weitere Geräte auf. Auf dem Balkan verlängern Kollegen des GeoForschungsZentrums Potsdam mit zahlreichen weiteren Messstationen die Untersuchungslinie bis weit in die Dinariden hinein.

„Gerade jetzt im Winter ist die Arbeit in der Gebirgsregion eine echte Herausforderung“, betont Kopp, die die gesamte Messkampagne von der „Meteor“ aus koordiniert.

Neben den seismischen Messungen werden die Wissenschaftler auf der „Meteor“ auch den Meeresboden in der Quellregion des 1979er Erdbebens kartieren. Sie hoffen, dabei Spuren der damaligen Verwerfungen zu finden, um Aussagen über die genaue Entstehung des Bebens treffen zu können.

Tektonisch hochkomplexes Gebiet
„Die Adria und angrenzende Kollisionszonen wie unter dem Balkan sind tektonisch ein hochkomplexes Gebiet. Und obwohl dies im Herzen Europas liegt, wissen wir nicht einmal mit Bestimmtheit, mit wie vielen Erdplatten wir es zu tun haben“, erläutert die Kieler Geophysikerin.

Und weiter: „Wir hoffen, mithilfe der amphibischen Land-See-Vermessungen über diverse Landes- und Seegrenzen hinweg ein genaueres Bild der Tektonik und damit des Gefahrenpotenzials für die Anrainerstaaten erhalten zu können“.
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