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Freitag, 30.09.2016
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Gigantische Gesteins-Jo-Jos unter den Alpen

Geologen haben erstmals Jo-Jo-Subduktion an Gesteinsproben bestätigt

Wenn tektonische Platten der Erdkruste aufeinanderprallen, wirken ungeheure Kräfte – Erdbeben, Vulkanismus und Tsunamis sind die Folge. Ein internationales Geologenteam hat nun zum ersten Mal an Gesteinsproben aus den Westalpen bestätigt, was bisher graue Theorie war: die so genannte Jo-Jo-Subduktion.
Gesteinsprobe

Gesteinsprobe

Wie Jo-Jos werden dabei riesige Gesteinsbrocken an Plattenrändern mehrmals nach oben und unten bewegt, schreiben die Forscher im Fachjournal „Nature Geoscience“.

Riesige Knautschzone


Riesige Energien sind im Spiel, wenn sich auf dem zähflüssigen Erdmantel eine tektonische Platte unter eine andere schiebt und zum Beispiel ein Gebirge auftürmt. Was in einer solchen Subduktionszone im Erdinneren unter extremen Druck- und Temperaturbedingungen passiert, kann nicht direkt beobachtet werden.

Um den Prozess dennoch zu verstehen, kombinieren Forscher feldgeologische und geophysikalische Untersuchungen mit Modellrechnungen. „Bei einer Subduktion entsteht eine Art Knautschzone, in der gewisse Krustenfragmente nach oben gequetscht werden“, erklärt Martin Engi, Geologe an der Universität Bern. Durch Stapelung solcher Krustenteile entstehen Gebirgskerne wie etwa in den Zentralalpen oder im Himalaya.


Engi gelang es mit einem internationalen Geologenteam nun erstmals, diese Bewegung anhand von Gesteinsproben zeitlich und räumlich detailliert zu enthüllen.

Gesteinsfragmente in den Westalpen untersucht


Mit geübtem Auge wählten die Geologinnen und Geologen in der Region zwischen Turin und dem Monte-Rosa-Massiv Gesteinsproben aus, die sie im Labor mit einer besonderen Sonde – SHRIMP - datierten. Anhand der Zusammensetzung von Kristallen können die Forscher zudem die Druck- und Temperaturbedingungen rekonstruieren, unter denen diese gebildet wurden. Dies gibt Aufschluss über die Tiefe, in der ein Gestein entstanden ist, da der Druck mit der Tiefe zunimmt.

„Die Quintessenz unserer Messungen ist, dass einige Gesteinsfragmente in den Westalpen zunächst in eine Tiefe von 65 Kilometern versenkt, dann innerhalb von rund 18 Millionen Jahren um 25 Kilometer hinauf gepresst und dann wieder um 20 Kilometer versenkt worden sind, bevor sie schließlich zur Erdoberfläche transportiert wurden“, hält Engi fest.

Damit hat die Jo-Jo-Subduktion über einen relativ kurzen Zeitraum stattgefunden. Zum Vergleich: Ein Gebirgsgürtel bildet sich normalerweise in 50 bis 100 Millionen Jahren. Eine solche Jo-Jo-Tektonik ist bereits von einzelnen Theoretikern vorgeschlagen, bisher aber nie durch Messungen bestätigt worden.

Weit verbreitet oder ein Ausnahmephänomen?


Das Forscherteam konnte auch die Dimension der verschobenen Gesteinspakete bestimmen. „Die Brocken weisen eine Größe von bis zu zehn mal dreißig mal fünfzig Kilometern auf“, sagt Engi. Laut dem Geologen stellt sich nun die Frage, ob die Mobilität solcher Krustenfragmente in Subduktionszonen weit verbreitet ist und bisher einfach nicht erkannt wurde, oder ob spezielle Bedingungen in den Westalpen ein Ausnahmephänomen produziert haben. Dies wird nun in weiteren Untersuchungen geklärt.

SHRIMP-Sonde im Einsatz


Die von den Wissenschaftlern eingesetzte „Sensitive High-Resolution Ion Microprobe“-Sonde (SHRIMP) wurde entwickelt, um stabile Altersbestimmungen von Gesteinsproben vorzunehmen. Dafür wird eine Probe im Hochvakuum mit einem Ionenstrahl beschossen. Aus einem Mini-Krater mit einem Durchmesser von 25 Tausendstel eines Millimeters verdampft so eine winzige Menge Probenmaterial zu Plasma, welches durch ein elektrisches Spannungsfeld beschleunigt und durch ein magnetisches Linsensystem gelenkt wird.

Dieser Parcours ist so angelegt, dass unterschiedlich schwere Element-Formen – die Isotope – verschieden stark abgelenkt werden und separat gezählt werden können. Gewisse Isotope zerfallen über die Jahrmillionen mit unterschiedlichen Raten, womit sich aus diesen Messungen das Alter des Gesteins errechnen lässt. (Nature Geoscience, AOP, 2011; doi: 10.1038/ngeo1124)
(Universität Bern, 19.04.2011 - DLO)
 
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