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Donnerstag, 24.05.2012
Japan: Fachlicher Totalausfall bei Risikovorhersage?
Seismologe äußert harsche Kritik an veralteter Methodik und Modellen bei der Risikovorhersage
Die von der japanischen Regierung veröffentlichten Erdbeben-Risikokarten sind falsch und möglicherweise Mitschuld an der unzureichenden Sicherung des Atomkraftwerks von Fukushima. Diese harsche Kritik äußert jetzt ein Seismologe der Universität Tokio in einem Kommentar in „Nature“. Die Methodik der Risikoermittlung sei veraltet und basiere auf einer längst widerlegten seismologischen Theorie, die suggeriere, dass eine kurzfristige Erdbebenvorhersage möglich sei.

Seismische Risikokarte der japanischen Behörden
Seismische Risikokarte der japanischen Behörden
© Nature; verändert nach Japan Headquarters for Earthquake Research Promotion Seismische Risikokarte der japanischen Behörden
Als am 11. März 2011 vor der japanischen Küste bebte, war dies aus gleich zwei Gründen unerwartet: Zum einen, weil der Untergrund in dieser Region erst kurz zuvor schon einmal gebebt hatte, zum anderen aber, weil dieses Gebiet auf japanischen Vorhersagekarten nicht als hochgradig erdbebengefährdet gilt. Japanische Experten betonten daher nach dem 11. März immer wieder, dieses Beben sei – im Gegensatz zu anderen - unvorhersehbar gewesen. Doch die nationalen seismischen Risikokarten und ihre wissenschaftliche Basis sind jetzt in heftige Kritik geraten.

Veraltetes Modell der seismischen Lücke
Der Seismologe Robert J. Geller von der Universität Tokio kritisiert in einem Kommentar in „Nature“ Regierung und Behörden scharf dafür, bei der Erstellung dieser Risikokarten veraltete Modelle und widerlegte Theorien zugrunde zu legen. Grundlage der Risikokarten bildet bis heute die Theorie der „seismischen Lücke“: die Annahme, dass entlang einer Verwerfung dort ein besonders schweres Beben droht, wo sich die Spannung im Untergrund lange Zeit nicht mehr durch ein Starkbeben entladen hat.

„Die Modellierer nehmen einfach an, dass es charakteristische Erdbeben für verschiedene Zonen gibt, wählen die Verwerfungsparameter für jede Zone als Input für ihr Modell und erzeugen dann auf Wahrscheinlichkeiten beruhende Risikokarten“, erklärt Geller. Nach diesem Modell droht in drei Zonen entlang der Plattengrenze von Eurasischer und Philippinischer Platte besonders Gefahr, als Tokai, Tonankai und Nankai bezeichnet. Auch der 1978 von der japanischen Regierung verabschiedete „Large-Scale Earthquake Countermeasures Act“ (LECA) basiert auf diesen Modellen und sieht insbesondere in diesen Gebieten intensive Überwachung und Erdbeben-Übungen vor.

Doch die Theorie der seismischen Lücke ist nach Geller längst widerlegt, neuere Daten zeigen, dass das Geschehen und die Abfolge von Erdbeben entlang der Verwerfungen weitaus komplexer ist. Tatsächlich ereigneten sich seit 1979 alle Beben, die mehr als zehn Todesopfer forderten, nicht in diesen Hochrisikozonen, sondern in anderen, vermeintlich weniger bedrohten Gebieten, wie Geller erklärt. „Es ist an der Zeit; das Tokai-Vorhersage-System zu kippen, die LECA abzuschaffen und der Öffentlichkeit offen zu sagen, dass Erdbeben nicht vorhergesagt werden können“, so Geller.

Kernkraftwerk Fukushima 1 (Daiichi) vor der Katastrophe
Kernkraftwerk Fukushima 1 (Daiichi) vor der Katastrophe
© TEPCO Kernkraftwerk Fukushima 1 (Daiichi) vor der Katastrophe
Fukushima wegen vermeintlich geringer Gefahr unvorbereitet?
Hätte man statt der fehlerhaften Methodik die globale Seismizität und die historischen Aufzeichnungen für Tohoku ausgewertet, wäre auch das Starkbeben vom 11. März nicht allzu überraschend gekommen. Denn 1896 gab es dort schon einmal einen Tsunami von 38 Metern Höhe. Möglicherweise ist es auch der Konzentration der Behörden auf die drei vermeintlichen Hauptrisikogebiete zu verdanken, dass Atomkraftwerke wie Fukushima nur unzureichend gegen den Doppelschlag eines Starkbebens und folgenden Tsunami gewappnet waren.

„Ganz Japan ist durch Erdbeben bedroht und der gegenwärtige Stand der Seismologie erlaubt es uns einfach nicht, das Risikoniveau enger geographischer Bereiche verlässlich abzugrenzen“, erklärt der Forscher. „Wir sollten stattdessen der Öffentlichkeit und der Regierung sagen, dass sie sich auf das ‚Unerwartete‘ vorbereiten sollen und unser Bestes tun um sowohl das zu kommunizieren, was wir wissen als auch das, was wir nicht wissen.“ Seismologische Forschung in Japan, so das Fazit des Forschers, dürfe in Zukunft nicht mehr Behörden überlassen werden, sondern müsse unabhängig begutachtet und in der Hand von Top-Forschern ihres Fachs liegen. (Nature, 2011; doi:10.1038/nature10105)
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