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Samstag, 25.03.2017
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Schilddrüse beeinflusst Farbensehen lebenslang

Hormon reguliert kontinuierlich Farbsehpigmente im Auge

Was hat die Schilddrüse mit dem Sehen zu tun? Eine ganze Menge: Ihr Hormon entscheidet lebenslang maßgeblich mit, welches Sehpigment in den Zapfen gebildet wird. Bisher ging man davon aus, dass die Farbempfindlichkeit der Zapfen in der erwachsenen Retina festgelegt ist. Forscher haben nun jedoch gezeigt, dass bei Mäusen und Ratten auch in bereits ausgereiften Zapfen die Produktion des Sehpigments durch Schilddrüsenhormone reguliert wird.
Zapfenzellen in der Retina

Zapfenzellen in der Retina

Die Wissenschaftler gehen in der Fachzeitschrift „Journal of Neuroscience“ davon aus, dass dieser Regelkreis bei allen Säugetieren einschließlich des Menschen vorliegt. Ein im Erwachsenenalter auftretender Schilddrüsenhormonmangel oder Hypothyreose würde sich dann auch auf das Farbensehen auswirken, so die Forscher im „Journal of Neuroscience“.

Schilddrüsenhormon an Entwicklung des Auges beteiligt


Schilddrüsenhormone spielen eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung des Körpers und auch des Nervensystems. Eine angeborene Unterfunktion oder gar ein Fehlen der Schilddrüse führen zu gravierenden körperlichen und geistigen Entwicklungsstörungen. Deshalb werden Neugeborene heute routinemäßig auf Schilddrüsenhormonmangel untersucht und gegebenenfalls wird das Hormon zugeführt.

Aus Studien an Mäusen ist längst bekannt, dass das Schilddrüsenhormon auch bei der Entwicklung des Auges, insbesondere der Sehzellen, und zwar der für das Farbensehen verantwortlichen Zapfen, eine wichtige Rolle spielt. Die meisten Säugetiere besitzen zwei Zapfentypen mit unterschiedlichen Sehpigmenten – Opsinen -, eines empfindlich für kurzwelliges Licht (UV/Blau-Opsin), das andere für mittel- bis langwelliges Licht (Grün-Opsin). Schilddrüsenhormon hemmt über einen Rezeptor die Synthese des UV/Blau-Sehpigments und aktiviert die Produktion des grünen Sehpigments.


Zeitfenster für den Einfluss des Hormons untersucht


Die Regulation von Sehpigmenten durch Schilddrüsenhormon wurde bislang als ein ausschließlich während der Entwicklung auftretendes Phänomen angesehen. Die Fachwelt ging davon aus, dass das Opsin-Programm in ausgereiften Zapfen festgeschrieben ist und keiner weiteren Regulierung bedarf.

Diese Vorstellung wird jetzt durch eine Studie widerlegt, die am Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung unter der Federführung von Martin Glösmann und Anika Glaschke entstand und an der auch Wissenschaftler der Frankfurter und Wiener Universitäten beteiligt waren.

Zunächst analysierten die Forscher die Rolle des Schilddrüsenhormons in der frühen Entwicklung von Zapfen direkt nach der Geburt. „Wir wollten wissen, wie groß das Zeitfenster für den Einfluss des Hormons ist, ab wann es also die Opsin-Produktion nicht mehr steuert“, erklärt Glaschke. „Und dabei kam die Überraschung: Wir fanden keinen Endpunkt, auch mehrere Wochen nach der Geburt konnten wir immer noch eine Hormonwirkung beobachten.“

Hormonpegel von Nagern künstlich gesenkt


Die Wissenschaftler untersuchten daraufhin ausgewachsene Nager, deren Schilddrüsenhormonpegel sie für einige Wochen pharmakologisch absenkten. Bei diesen schalteten nun alle Zapfen auf die Produktion des UV/Blau-Sehpigments um, während die Produktion des grünen Sehpigments heruntergefahren wurde. Nach Absetzen der Behandlung normalisierte sich der Hormonspiegel wieder und die Zapfen produzierten das angestammte Sehpigment: ein Zapfentyp Grün, der andere UV/Blau.

Die Wissenschaftler folgern deshalb, dass die durch ihren Opsin-Gehalt spektral definierten Zapfentypen auch im erwachsenen Tier dynamisch und reversibel durch das Schilddrüsenhormon reguliert werden. „Unser Befund hat möglicherweise auch klinische Relevanz“, sagt Glösmann, der nun an der Veterinärmedizinischen Universität Wien die genetischen Grundlagen dieser Dynamik untersucht.

Regelkreis auch in menschlichen Zapfen vorhanden?


„Wenn dieser Regelkreis auch in den menschlichen Zapfen vorliegt, dann würde sich ein im Erwachsenenalter erworbener Thyroidhormonmangel - etwa durch Jodmangelernährung oder nach Schilddrüsenentfernung - auch auf die Sehpigmente der Zapfen auswirken und Farbsehstörungen verursachen“, so der Forscher weiter.

In der klinischen Literatur gibt es dazu allerdings keine Daten, denn Hypothyreosen werden aufgrund der gravierenden allgemeinphysiologischen Symptome therapiert, bevor die Zapfenveränderungen manifest werden könnten. (Journal of Neuroscience, 2011; doi:10.1523/JNEUROSCI.6181-10.2011)
(Max-Planck-Gesellschaft, 31.03.2011 - DLO)
 
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