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Donnerstag, 19.01.2017
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Fukushima: Angst und Kritik

Kontamination des Meerwassers, Kritik an der Informationspolitik der IAEA

Noch immer gibt es in Fukushima keine Entwarnung, der Kampf gegen den Super-GAU hält an. Es gibt erste Meldungen über hohe Kontamination des Meerwassers in Reaktornähe und radioaktive Nuklide in Trinkwasser und Gemüse. Gleichzeitig mehrt sich die Kritik an der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO): Sie hat nach Recherchen der Umweltorganisation Greenpeace eine Wasserstoff-Explosion im Abklingbecken des Reaktors 4 vergangene Woche nicht veröffentlicht, obwohl das japanische Atomindustrie-Forum (JAIF) das Ereignis als sehr ernst einstufte.
AKW Fukushima Daiichi am 14. März 2011: Zwei Reaktorgebäude sind bereits zerstört

AKW Fukushima Daiichi am 14. März 2011: Zwei Reaktorgebäude sind bereits zerstört

Atomenergiebehörde unterschlägt Explosionsmeldung


Die IAEO in Wien erhält vom japanischen Atomindustrie-Forum (JAIF) mehrmals täglich einen Statusbericht über den Zustand aller atomaren Anlagen in Fukushima. Am 18. März ist im JAIF-Bericht für 16 Uhr vermerkt, dass sich Wasserstoff gebildet hatte. Im Statusbericht für 22 Uhr ist eine Wasserstoffexplosion angegeben. JAIF meldete das Ereignis als "sehr ernst" und stufte es in die äußerste "rote" Kategorie ein. Maßnahmen seien umgehend nötig. Im Bericht der IAEO taucht dieser Vorfall jedoch gar nicht auf. Für den Zustand des Abklingbeckens wird für die betreffende Zeit dort angeben, es seien keine Informationen verfügbar. Der Status bleibt "gelb".

„Die Informationspolitik der internationalen Atomenergiebehörde ist skandalös", sagt Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital. "Eine Wasserstoffexplosion im Brennelemente-Lagerbecken muss veröffentlicht werden. Bei jeder Explosion wird Radioaktivität freigesetzt, die Atomanlagen werden weiter zerstört. So ein gravierendes Ereignis darf nicht verheimlicht werden. Die Behörde versucht derzeit die Nachrichtenlage schön zu reden, obwohl immer noch mehrere Reaktoren außer Kontrolle sind."

Verharmlosungs-Strategie wie bei Tschernobyl?


Nach Ansicht von Greenpeace scheint die IAEO in Japan genauso wie bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren eine Verharmlosungs-Strategie zu betreiben. Jahrelang sprach die UN-Behörde hier lediglich von 32 Todesopfern in Folge des Super-GAU in Tschernobyl. In einer überarbeiteten Schätzung gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2004 wurde die Zahl auf 4.000 Todesopfer erhöht. Als dieser gemeinsame Bericht von IAEO und WHO von Wissenschaftlern und Organisationen auf der ganzen Welt kritisiert wurde, rechtfertigten sich die WHO-Wissenschaftler, dass es sich bei dem Bericht um „eine politisches Kommunikations-Werkzeug handelt ... Wissenschaftlich wäre es nicht die beste Annäherung gewesen."


Kontamination von Pazifikfisch vermutlich nur gering - noch


Währenddessen wächst in Japan und weltweit die Besorgnis über eine Kontamination der Meeresumwelt durch die Atomkatastrophe. Nach der Pressemeldung soll im Meer etwa 100 Meter vor dem Kraftwerk die Aktivität von Iod-131 den japanischen Grenzwert um das 126-Fache übersteigen; Cäsium-134 und Cäsium-137 liegen 25- und 16,5-fach über dem Grenzwert. Da sich Kontaminationen im Wasser aber sehr schnell verteilen, gehen Wissenschaftler des Johann Heinrich von Thünen-Instituts für Fischereiökologie in Hamburg davon aus, dass im Pazifik keine gravierenden Kontaminationen in Fischen zu erwarten sind.

Vergleichsfall Sellafield


Als Beleg für diese Einschätzung liegen den Forschern Daten von britischen Kollegen vor, die diese routinemäßig in der Umgebung der britischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield erheben. Dort wurden zwischen 1965 und 1985 jährlich beachtliche Aktivitäten an radioaktivem Cäsium mit dem Abwasser in die irische See eingeleitet. Der Spitzenwert wurde Mitte der 1970er Jahre mit über 5.000 TBq pro Jahr (1 TBq = 1 Billion Bq) gemessen. Gegenüber diesen großen Mengen an eingeleitetem Cäsium sind die langfristigen Folgen für die Fischfauna in der Irischen See als minimal zu bewerten. Aktuelle Zahlen aus dem Jahr 2008 zeigen bei Kabeljau aus der Irischen See eine maximale Kontamination von 10 Bq pro Kilogramm. Dies entspricht dem maximalen Kontaminationswert für Ostseedorsch, wobei dessen Belastung nach wie vor auf den Reaktorunfall von Tschernobyl zurückzuführen ist.

Auf den Pazifik bezogen gehen die vTI-Wissenschaftler davon aus, dass die Cäsium-Aktivitätswerte im Fisch deutlich unter den Werten der Irischen See und der Ostsee bleiben werden. Trotz der jetzt gemessenen hohen Werte im Meerwasser unmittelbar am Reaktor erwartet man im allenfalls geringe Kontaminationen im Fisch aus der Nähe des Reaktors, aber praktisch keine Kontaminationen zum Beispiel im Fanggebiet des Alaska-Seelachses in der Beringsee oder in anderen Bereichen des Pazifiks.
(Greenpeace, Johann Heinrich von Thünen-Institut, 23.03.2011 - NPO)
 
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