Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 24.05.2012
Nordseeklima auf Knopfdruck
Testkammer simuliert, wie Meeresklima und mechanische Belastungen Offshore-Windenergieanlagen schädigen
Fraunhofer-Forscher haben eine neue Klimakammer entwickelt. Mit ihrer Hilfe kann jetzt erstmals im Labor simuliert werden, wie das raue Meeresklima und die mechanischen Belastungen durch Wind und Wellenschlag Offshore-Windenergieanlagen schädigen. Schon seit März 2011 können Hersteller in der Kammer Materialien umfassend testen lassen.

Klimakammer
Klimakammer
© Fraunhofer-Gesellschaft / IWES Klimakammer
Die Ozeane sind eine raue Umgebung für Windenergieanlagen. Wellen schlagen gegen den Turm, Salznebel legt sich auf Gondel und Rotorblatt. Vor allem im Sommer kommt intensive UV-Strahlung hinzu. Bislang weiß niemand, wie gut die Windräder die vorgesehenen 20 Jahre Dienstzeit überstehen werden – denn solchen Belastungen wie im Meer mussten Windenergieanlagen noch an keinem anderen Ort auf der Welt widerstehen. Von Interesse ist vor allem die Frage, wie zerstörerisch all diese Umweltbedingungen im Zusammenspiel wirken.

Neue Klimakammer entwickelt
Das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik IWES in Bremerhaven hat deshalb eine eigene Klimakammer entwickelt, in der sich Teile von Offshore-Bauwerken umfassend testen lassen. „Wir kombinieren darin das Umgebungsklima mit mechanischen Belastungen“, sagt Projektleiterin Leena Kruse. „Eine solche Kombination ist bisher einzigartig.“

Die Forscher können in der Kammer Bleche, Faserverbundwerkstoffe und andere Materialien testen. Die Anlage ahmt alles nach, was dem Windrad auf See widerfährt. Sie versprüht Salznebel. Sie bestrahlt die Proben mit aggressivem UV-Licht. Beim „Schwalltest“ werden die Bleche und die Kunststoffe mit einem kalten Wasserstrahl abgeschreckt, was den Wellenschlag simuliert. Darüber hinaus lässt sich die Kammer von minus 30 bis plus 100 Grad Celsius bei einer relativen Luftfeuchte von zehn bis 95 Prozent temperieren.

Kombiniert prüfen
Die Materialproben werden den Forschern zufolge zur Simulation der mechanischen Belastung zwischen zwei Stahlbacken eingespannt, die die Proben hin und her biegen. Ein Vorteil dieser Kombinationsprüfung ist, dass sich jetzt erstmals sehr genau feststellen lässt, durch welche Kräfte oder Umweltbedingungen ein Schaden entsteht. „Wir können verschiedene Faktoren beliebig kombinieren und damit die Ursachen sehr genau eingrenzen“, sagt Kruse.

Die Kammer wurde aus robustem Offshore-Stahl gefertigt, der den rauen Testbedingungen widersteht. Von der ersten Idee bis zur vollständigen Umsetzung im Betrieb dauerte es fast zwei Jahre. Herausgekommen ist ein widerstands- und leistungsfähiges Testinstrument – mit hydraulischen Antrieben, Ventilen, Wasserschläuchen und -düsen. Die Tests werden unter anderem von Sensoren überwacht, die auf die Bauteile aufgebracht werden – Dehnungs-Messstreifen zum Beispiel, die spüren, wenn das Material Risse bekommt.

Die Messwerte der Sensoren werden zu einem mannshohen Steuerschrank geleitet, an dem die Techniker exakt die Test-Bedingungen vorwählen und zugleich die Sensordaten auswerten. So lässt sich ermitteln, bei welchen Bedingungen und in welcher Sekunde ein Bauteil versagt, und auch, wann ein Sensor seinen Dienst quittiert.

Sensoren überwachen Testlauf
Die Sensoren erfüllen nach Angaben der Forscher einen doppelten Zweck. Zum einen überwachen sie den Testlauf. Zum anderen werden sie in der Klimakammer selbst getestet. Künftig sollen Offshore-Windräder zunehmend mit Sensoren ausgestattet werden, so dass vom Festland aus der Zustand der Windenergieanlagen überwacht werden kann. Dafür sind robuste Sensoren besonders wichtig. Die Kammer erfüllt DIN- und ISO-Normen. Letztlich leistet sie aber deutlich mehr, denn bislang gibt es noch keine Normen oder Vorschriften für Anlagen, die Klimatests und mechanische Lasten gleichzeitig simulieren.

Anlage bereits in Betrieb
Seit Anfang März ist die Anlage in Betrieb, so die Wissenschaftler. Das IWES wird darin künftig insbesondere Tests im Auftrag von Offshore-Herstellern durchführen. Auf der Hannover-Messe vom 4. bis zum 8. April 2011 stellen die Fraunhofer-Forscher die neue Anlage erstmals der Öffentlichkeit vor.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Meeresklima, Offshore, Windenergie, Windanlagen, Windparks, Wellen, Klimakammer
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Offshore-Windenergie
Ökostrom
Solarenergie
Dossiers zum Thema
Offshore-Windenergie
Sauberer Strom oder ökologisches „Eigentor“?
Windenergie
Die Kraft des Windes und ihre Nutzung
Wie sauber sind die weißen Riesen?
Energiebilanzen von Windkraftanlagen
Erneuerbare Energien
Welche Zukunft haben die "Ressourcen der Zukunft"
Meeresenergie
Strom für das 3. Jahrtausend?
Geht uns der Strom aus?
Gazprom, Pipelines und die deutsche Energieversorgung
Simulierte Welten
Modelle der Natur im Computer
News des Tages
Japan-Beben verkürzt Tageslänge
Vorläufiges Aus für sieben Kernkraftwerke
Geowissenschaftler: Auch deutsche Atommeiler in Gefahr
Elektronenschwarm als Wellenreiter
Mikroskop entziffert Schaltkreise des Auges
Nordseeklima auf Knopfdruck
Mikroben: Tarnkappe schützt vor Eliminierung
Gendefekt löst Hirntumor aus
Bücher zum Thema
Erneuerbare Energien
Mit neuer Energie in die Zukunft von Sven Geitmann
Öko
Al Gore, der neue Kühlschrank und ich von Peter Unfried
Was sind die Energien des 21. Jahrhunderts?
Der Wettlauf um die Lagerstätten von Hermann-Josef Wagner
Erneuerbare Energie
von Thomas Bührke und Roland Wengenmayr
Top-Clicks der Woche
1. Risiko für nuklearen GAU größer als gedacht
2. Stress macht Männer sozialer
3. Feste Essenszeiten wirken Übergewicht und Diabetes entgegen
4. Gelähmte steuert Roboterarm mit ihren Gedanken
5. Ruß und Ozonsmog verstärken die Wanderung der Klimazonen