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Donnerstag, 21.08.2014
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Ruinenstadt belegt frühe Koexistenz der Religionen

Ausgrabungen in Zafar erschließen unerforschtes Kapitel der Weltgeschichte

Archäologen haben mit Grabungen im Jemen Licht in ein bisher weitgehend unerforschtes Kapitel der Weltgeschichte gebracht. Die Funde in der altsüdarabischen Stadt Himyar belegen unter anderen, wie stark die Wurzeln des Islam mit dem Judentum und Christentum verbunden sind. Die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung dieser bislang kaum erforschten Epoche könnte bisher unterschätzt worden sein.
In Zafar ausgegrabenes Bild eines Frauenkopfs

In Zafar ausgegrabenes Bild eines Frauenkopfs

Das altsüdarabische Reich Himyar mit seiner Hauptstadt Zafar war etwa so groß wie Westeuropa ohne Frankreich und bildete das letzte vorislamische Reich im heutigen Jemen. Sein Aufstieg begann um 110 vor Christus, in der Blütezeit vom 3. bis zum 5. Jahrhundert nach Christus dominierte Himyar politisch und militärisch ganz Arabien. In diese Zeit, in der in der Hauptstadt Zafar 25.000 Einwohner lebten, fiel auch der Wandel vom Mehrgötterglaube zum Judentum und zum Christentum, erst im 7. Jahrhundert gelangte der Islam in die Städte, als Himyar bereits untergegangen war.

Überraschend reiche Funde in vermeintlich zerstörter Stadt


„Die Spätphase vor dem Islam war eine dunkle Periode, aus der man nur wenige Quellen hatte“, erklärt Professor Paul Yule von der Universität Heidelberg. „Unsere Funde in der antiken Ruinenstadt Zafar haben der Zeit unmittelbar vor dem Entstehen des Islam in Altsüdarabien ein Gesicht gegeben.“

Als Paul Yule 1998 mit den Arbeiten in dem auf 2.800 Meter Höhe gelegenen Zafar begann, ging die Forschung noch davon aus, dass dort wenig zu finden sei, weil nahezu alles zerstört worden sei. Tatsächlich erwiesen sich die 120 Hektar Grabungsfläche in den zwölf Jahren als wahre Fundgrube: „Das war für mich eine goldene Brücke – ich musste sie nur betreten“, sagt Yule, der außerplanmäßiger Professor an der Philosophischen Fakultät der Ruperto Carola ist.

Blick auf die Ruinen von Zafar

Blick auf die Ruinen von Zafar

Unter Schuttschichten fanden die Forscher rund 400 Maueranlagen, Gräber, Brunnen und Gebäude sowie rund 200 Inschriften und etwa 900 Reliefs. Diese belegen, dass die Hauptstadt Zafar eine Stadt mit großen Prachtbauten war: „Jedes Gebäude hatte Bauschmuck“, berichtet Yule. Aus den Funden lasse sich schließen, dass Himyar über eine gediegene Architektur und Kunstindustrie mit sehr viel Bilderkunst sowie über eine hierarchisch strukturierte Gesellschaft mit strengen Regeln verfügt habe.

Belege für gleichzeitige Existenz verschiedener Religionen


Der spektakulärste Fund war 2008 eine 1,70 Meter große Königsfigur – die einzige erhaltene frühchristliche Skulptur Altsüdarabiens. Zudem tauchten Fundstücke mit jüdischem Hintergrund auf, etwa ein Siegelring mit aramäischer Inschrift. „Die Funde sind Hinweise, dass das Judentum in Altsüdarabien früher vertreten war, als man bisher dachte, wahrscheinlich schon vor dem 4. Jahrhundert vor Christus“, erklärt Yule. „Außerdem glauben wir, dass Polytheismus, Judentum und Christentum längere Zeit nebeneinander in dieser Region existierten.“

Während der Hochphase des Reichs gab es offenbar eine jüdische Oberschicht und verschiedene christliche Sekten, die sich untereinander bekämpften. Fehden zwischen den verschiedenen Religionsgruppen und Stammesgesellschaften sowie Epidemien und eine Pandemie führten im 6. Jahrhundert schließlich zum Niedergang des himyarischen Reichs. „Wir haben versucht, in Zafar eine wenig bekannte, aber wichtige Phase der Weltgeschichte zu erfassen“, erklärt Yule. „An dieser zentralen Stelle konnten wir die Strukturen erforschen, aus denen später der Islam hervortrat.“

Die insgesamt elf Grabungskampagnen wurden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Auswärtigen Amt, dem Deutschen Archäologischen Institut und verschiedenen Stiftungen unterstützt. Wegen der Verschärfung der Sicherheitslage im Jemen mussten die Archäologen das Land jetzt aber als letztes Grabungsteam verlassen. Mit Unterstützung der Gerda Henkel Stiftung konnte zum Abschluss ein Stahldach über einer steinernen Hofstruktur errichtet werden, um diese vor den Witterungseinflüssen in der regenreichsten Gegend Arabiens zu schützen.
(Universität Heidelberg, 03.01.2011 - NPO)

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