Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 24.05.2012
Urzeitlicher Hot Spot der Artenvielfalt in Vietnam entdeckt
Reiche Fossilfunde in Nordvietnam belegen frühen Ursprung der heutigen Biodiversität
Im Norden Vietnams sind Biologen auf eine wahre Schatztruhe der urzeitlichen Artenvielfalt gestoßen: In den Ablagerungen dreier Seen entdeckten sie eine ungewöhnlich reiche und vielseitige Fossilienwelt mit zahlreichen zuvor unbekannten Arten. Die Funde belegen, dass diese Region bereits vor 30 Millionen Jahren ein Hot Spot der Biodiversität war und geben einzigartige Einblicke in die Lebenswelt der damaligen Zeit.

Satellitenbild von Nordvietnam
Satellitenbild von Nordvietnam
© NASA/GSFC Satellitenbild von Nordvietnam
Durch die sehr hohe Anzahl meist nur dort vorkommenden Tier- und Pflanzenarten gilt Südostasien als globaler Hot Spot der Biodiversität. Trotz seiner stark gefährdeten Land- und Süßwasserökosysteme trägt Vietnam maßgeblich zu dieser biologischen Vielfalt bei. Eine Forschungsgruppe um Professor Madelaine Böhme vom Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoecology (HEP) an der Universität Tübingen, hat nun erstmals nachgewiesen, dass Nordvietnam schon vor rund 30 Millionen Jahren ein Hot Spot der Biodiversität war.

Im Rahmen eines deutsch- vietnamesischen Forschungsprojekts hatten die Wissenschaftler in den Jahren 2008 und 2009 Seeablagerungen in drei Seen Nordvietnams untersucht: das in der Provinz Lang Son liegende Na Duong-Becken mit der Rinh Chua-Störzone, das nordwestlich davon gelegene Cao Bang-Becken sowie das nicht ganz 300 Kilometer entfernte, im Südwesten fast an Laos grenzende Hang Mon-Becken. Alle drei Becken liegen entlang großer Verwerfungen, die während des Eozäns vor rund 56 bis 34 Millionen Jahren in Folge gewaltiger Erdkrusten-Bewegungen entstanden.

Reiche Fossilienvielfalt mit zahlreichen neuen Arten
Die im Rahmen der Expeditionen gemachten Funde übertrafen alle Erwartungen. Als Belege für den frühen Artenreichtum stießen sie dabei auf Fossilien von Säugetieren, Krokodilen, sechs Wasserschildkrötenarten, etwa 20 Fisch- und zehn Muschelarten, Schnecken sowie verschiedenen Pflanzen. Etliche der fossilen Tiere sind völlig neu für die Wissenschaft und warten noch auf eine genaue Beschreibung.

„Da viele der fossilen Arten eng mit den heutigen Tieren und Pflanzen verwandt sind, geben die Funde nicht nur Aufschluss über die Lebensbedingungen während der Erdneuzeit, sondern helfen uns auch, Evolutionsmuster zu entschlüsseln und globale Mechanismen im System Erde besser zu verstehen“, fasst Böhme das Ziel ihrer Forschungsarbeit zusammen.

Unterschiede zwischen Seen erlauben Rückschlüsse auf Lebensraum
Der Fossilbericht des Grabungsprojekts weist insgesamt eine bemerkenswerte Vielzahl von Arten auf, die sich jedoch innerhalb der einzelnen Becken in der Zusammensetzung ihres Artenspektrums unterscheiden. „Für die Wissenschaft sind diese Unterschiede aufschlussreich“, so Böhme und erklärt, dass die Fossilien, wenn man die darin versteinerten Tiere und Pflanzen, ihre Lebensgewohnheiten und vitalen Ansprüche kennt, quasi selbst Auskunft über ihren einstigen Lebensraum geben. Ergänzt man diese Informationen um die geologischen Beobachtungen, ergibt sich so etwas wie eine Landkarte. Die Ergebnisse der Untersuchungen skizzieren somit die urzeitlichen Landschaften Nordvietnams mit den darin vorkommenden Lebewesen und Klimaverhältnissen.

Schildkrötenpanzer aus dem Na Duong-Becken
Schildkrötenpanzer aus dem Na Duong-Becken
© Madelaine Böhme / HEP Schildkrötenpanzer aus dem Na Duong-Becken
50 Schildkrötenpanzer in zehn Tagen
Da bisher nur wenig über die fossilen Ökosysteme Vietnams bekannt ist, war auch für die Wissenschaftler vieles neu. So wurde das Grabungsteam beispielsweise im Na Duong-Becken von dem reichen Vorkommen an Schildkröten überrascht. In nur zehn Tagen konnten hier 50 Panzer von Süßwasserschildkröten geborgen werden, die mindestens sechs Gattungen repräsentieren. In den
Jahrmillionen alten Ablagerungen hatten sich außerdem baumartige Farne, bis zu fünf Meter lange Fragmente von Baumstämmen, fossile Harze, verschiedene Blätter sowie Pflanzensamen erhalten.

Im Fossilbericht erscheinen auch Teile von Krokodilen und Säugetierresten, die zu einem Hirschferkel und einem Nashorn gehörten, sowie etliche andere Wirbeltiere; darunter einige kleinere und mittelgroße Fische, Barben, ein bisher nicht beschriebener Echter Knochenfisch und so genannte Welsartige. Unter den Weichtierfunden befinden sich erstaunlich viele, ganz verschiedene Süßwassermuscheln und Süßwasser-schnecken.

Vor allem die Zusammensetzung der Fisch- und Weichtierfauna deutet auf einen Lebensraum mit seichten, sauerstoffreichen Süßwasservorkommen hin. Diese Beobachtungen werden gestützt durch etliche, in Lebendposition gefundene Wasserpflanzen, die üblicherweise in ruhigen Gewässern vorkommen. Madelaine Böhme nimmt an, dass die großen Muschelpopulationen durch ihre Filtertätigkeit für klares Wasser gesorgt und so ideale Bedingungen für die lichtabhängigen Pflanzen geschaffen haben.

Viele offene Fragen
Die unterschiedliche Weichtier-Fauna des Na Duong- und Cao Bang-Beckens gibt noch Rätsel auf. Die Paläontologin hält es jedoch für möglich, dass die bisher geborgenen Fossilien sich bei weiteren Untersuchungen nicht nur als die bisher ältesten Vertreter dieser Tiergruppe entpuppen, sondern auch ein zusätzlicher und neuer Aspekt in der Diskussion um das Alter der Becken sein können.

Die geologischen und auch fossilen Befunde werfen für Madelaine Böhme auch die Frage auf, ob während der Erdneuzeit neben dem Roten Fluss nicht ein weiterer großer Fluss existiert haben könnte. Dies, wie auch Studien zum Klima und weitere geologische und paläontologische Analysen wird Teil der weiteren Forschungsarbeit zur einstigen Lebewelt und den Ökosystemen Nordvietnams sein. (Journal of Asian Earth Sciences (2010), doi:10.1016/j.jseaes.2010.11.)
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Artenvielfalt, Vietnam, Seesediment, Eozän, Paläontologie, Biodiversität, Erdgeschichte, fossilien, Südostasien, Biologie
Weitere News zum Thema
Luftbilder zeigen Artenvielfalt am Waldboden (05.04.2012)
Forstwissenschaftler setzen erstmals Flugdrohnen zur Biodiversitätsforschung ein
Genforscher decken Madagaskars Reptilien-Vielfalt auf (03.04.2012)
Genetische Barcoding-Studie identifiziert mehr als 40 neue Arten
Wer sehen kann ist biologisch im Vorteil (29.03.2012)
Der Besitz von Augen macht auch in der Evolution erfolgreicher
Strömungen brachten Tiere nach Madagaskar (20.03.2012)
Wirbeltiere ließen sich von den Wellen auf die Insel treiben
Knallbunte Flusskrabben auf Philippineninsel entdeckt (20.03.2012)
Bergbau gefährdet einzigartige Tierwelt auf der Philippineninsel Palawan
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Regenwald
Artenvielfalt Südafrika
Dossiers zum Thema
Eine Erde voller Arten
Darwins Vermächtnis in der heutigen Evolutionsbiologie
Die grüne Wüste
Der tropische Regenwald - auf Sand gebaut
Der Friedhof der Fischsaurier
Eine paläontologische Spurensuche im chilenischen Nationalpark Torres del Paine
Von Urpferden und Flugmäusen
Die Ausgrabungen in Messel und Stöffel
News des Tages
Schuf ein Mond-Absturz die Ringe des Saturn?
Salmonellen im Fleisch: Hälfte ist resistent
Fermi-Gas ist suprafluid
Urzeitlicher Hot Spot der Artenvielfalt in Vietnam entdeckt
Wie Hefen haften
Regengürtel Afrikas überrascht Forscher
Meteoriteneinschlag im Labor
Bücher zum Thema
Unsere Erde
von Alastair Fothergill und Mark Linfield
Ende der Artenvielfalt?
Gefährdung und Vernichtung der Biodiversität von Josef Reichholf
Tierisch!
Expedition an den Rand der Schöpfung von Dirk Steffens
Fossilien
Über 500 Versteinerungen von Helmut Mayr und Franz Höck
Reisen durch die Zeit
Die atemberaubende Entwicklungsgeschichte unseres Planeten
Top-Clicks der Woche
1. Risiko für nuklearen GAU größer als gedacht
2. Stress macht Männer sozialer
3. Feste Essenszeiten wirken Übergewicht und Diabetes entgegen
4. Gelähmte steuert Roboterarm mit ihren Gedanken
5. Ruß und Ozonsmog verstärken die Wanderung der Klimazonen