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Dienstag, 25.07.2017
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Ungarn: Zweite Giftschlamm-Welle droht

Pfusch ließ Dämme brechen, Arsen-Werte im Schlamm höher als angenommen

Die Giftkatastrophe in Ungarn ist noch nicht zu Ende: Experten befürchten, dass sich eine zweite Giftschlammlawine durch die betroffenen Orte ergießen könnte. Die vom Regen aufgeweichten Wände des Absetzbeckens zeigen bereits Risse. Die Analyse des bereits ausgetretenen Schlamms enthüllte zudem, dass die Arsen- und Chromwerte deutlich höher sind als bislang angenommen. Nach Ansicht von Umweltschutz-Experten, aber auch nach Aussagen des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban war die Katastrophe vermeidbar und vorhersehbar.
Roter Giftschlamm bedeckt den Boden

Roter Giftschlamm bedeckt den Boden

Nach dem Dammbruch in der Aluminiumfabrik nahe dem ungarischen Kolontar bezeichnete die Umweltschutzorganisation WWF das Verhalten der Betreiberfirma als „grob fahrlässig". Insgesamt ergossen sich nach aktuellen Zahlen rund 700.000 Kubikmeter Giftschlamm aus dem Becken. Die Menge ist vergleichbar mit der Ölpest im Golf von Mexiko, wo über mehrere Monate hinweg insgesamt 757.000 Kubikmeter Öl ins Meer liefen.

Weitere Schlammlawinen befürchtet


Es besteht jedoch die große Gefahr, dass in Ungarn zusätzlich eine halbe Millionen Kubikmeter Giftschlamm austreten, da ein weiterer Damm des bereits geschädigten Absetzbeckens Risse zeigt. Luftaufnahmen der Gegend um das ungarische Kolontar zeigen, dass das Giftschlamm-Depot nur zu einem Bruchteil ausgelaufen ist, der giftige Inhalt jederzeit durch Regen aufgeweicht und weitere Schlamm-Massen in das Umland gespült werden können. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban erklärte am Samstag einen Dammbruch für sehr wahrscheinlich, der Ort Kolontar wurde bereits geräumt. Helfer errichten zurzeit zusätzliche Schutzwälle um das Absetzbecken sowie einen Damm, der Teile von Kolontar vor einer weiteren Schlammwelle schützen soll.

Katastrophe war vorhersehbar


Bernd Schaudinnus, Greenpeace-Umweltexperte für Mittel- und Osteuropa beklagt, dass beim Bau des Giftschlamm-Beckens in unverantwortlicher Weise gepfuscht wurde. Die Dämme seien einfach immer wieder erhöht worden, ohne die Basis zu verbreitern. Dadurch sei das Ganze instabil geworden und letztlich der Damm gebrochen. Schaudinnus hält es für derzeit aussichtlos, die Lage in Kolontar und Umgebung unter Kontrolle zu bringen. Und außerdem sei das Giftschlamm-Becken zum größten Teil noch voll, bei Regen könne jederzeit wieder roter Schwermetall-Schlamm austreten.


WWF-Umweltexperte Martin Geiger kritisiert, dass man die Bevölkerung bereits im Juni hätte evakuieren müssen. „Diese Katastrophe war vorhersehbar", sagte Geiger. Nach der Auswertung von Fotoaufnahmen aus dem Frühsommer 2010 durch den WWF war bekannt geworden, dass Becken und Damm bereits damals geschwächt waren. Noch dazu wurde die Dammkrone mit Fahrzeugen befahren. Die Aluminiumfirma MAL hat solche Vorwürfe zwar zurückgewiesen, aber auch Ministerpräsident Orban erklärte am Samstag bei einem Besuch in der betroffenen Region, das Unglück sei vermeidbar gewesen.

Arsen-Werte viel höher als angenommen


Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte am Freitag die Analyse-Ergebnisse von in Ungarn gezogenen Rotschlamm-Proben präsentiert und dabei überraschend hohe Gift-Werte enthüllt. Insbesondere die Arsen-Konzentration beträgt rund das Doppelte der sonst üblichen Konzentrationen in Rotschlamm. Die Analyse ergab 110 Milligramm pro Kilogramm (mg/kg) Arsen, 1,3 mg/kg Quecksilber und 660 mg/kg Chrom.

Auf die Gesamtmenge des in die Umwelt gelangten Rotschlamms umgerechnet, bedeutet dies eine Arsenmenge von fünfzig Tonnen. „Diese Schadstoffmengen stellen ein zusätzliches langfristiges Risiko für die Ökosysteme und das Trinkwasser dar", erklärt Greenpeace-Chemiker Herwig Schuster. Bei der Analyse des Wassers eines Kanals in Kolontar wurde ein Arsen-Gehalt von 0,25 Milligramm pro Liter festgestellt, das ist das 25-Fache des Trinkwassergrenzwertes.

Arsen ist für Pflanzen und Tiere giftig, kann sich insbesondere in Wirbellosen anreichern und beim Menschen nervenschädigend wirken. Quecksilber kann sich in der Nahrungskette, insbesondere bei Fischen, anreichern, und ebenso wie Arsen das Nervensystem schädigen. Bei hohem pH-Wert, wie er beim Rotschlamm vorliegt, sind diese Schadstoffe noch relativ fest gebunden, bei sinkendem pH-Wert, etwa in Flüssen, können sie jedoch in größerem Umfang langsam freigesetzt werden.

pH-Wert reduziert


In den betroffenen Gewässern bei Komaron wurde der PH-Wert inzwischen durch Säurezugaben wieder auf acht reduziert. Auch der Seitenarm der Donau bei Györ hat derzeit einen Wert unter zehn verglichen mit dem Normalwert von 7,5. Die gemessenen Werte im Grundwasser sind noch nahezu normal. Wie der WWF-Experte Gabor Figeczky betont, kann derzeit noch nicht abgeschätzt werden, ob sich die Werte durch das Einsickern von Oberflächenwasser verschlechtern. „Durch das Einschütten von Säuren in die Flüsse werden die Schwermetalle wie Chrom löslicher und lagern sich leichter im Grundwasser und in den Flussbecken ab", so Figeczky.

Drohen weitere Giftschlammkatastrophen?


Der WWF warnt nun vor weiteren Giftschlammkatastrophen in Osteuropa. In Ungarn befindet sich eine weitere Deponie bei Almásfüzit, zwischen Györ und Budapest. Dort lagern zwölf Millionen Tonnen Giftschlamm in sieben Becken, die 40 Hektar Land bedecken. „Wenn dieses Becken bricht, wäre die Trinkwasserversorgung für weite Teile Ungarns in Gefahr", sagte Martin Geiger, Leiter des Bereichs Süßwasser beim WWF Deutschland. Nach einem EU-Bericht von 2004 gibt es in ganz Ungarn über 260 kritische Deponien mit Abfall und Abraum aus dem Bergbau, davon acht besonders gefährliche, mit Rückständen aus dem Abbau von Gold und Uran. Nach Informationen, des WWF Ungarn gibt es rund 55 Millionen Kubikmeter Rotschlamm, die in Absetzbecken gelagert sind, viele davon von neu genehmigten Anlagen.

Das Werk bei Almásfüzit liegt direkt an der Donau und befindet sich in stark Erdbeben gefährdetem Gebiet. Die dort seit 1945 gelagerten zwölf Millionen Tonnen Rotschlamm enthalten neben 120.000 Tonnen an Schwermetallen weitere unbekannte Chemikalien, Abfälle, Öl und Abwässer. "Die Auffangbecken sind nicht genügend gesichert und kaum mit Ton abgedichtet. Die Wahrscheinlichkeit einer Verschmutzung des Grundwassers ist sehr hoch", so der WWF.

Karte zeigt potenziell gefährliche Giftquellen


Die Umweltorganisation präsentierte am Freitag eine Karte weiterer Giftquellen von Ungarn bis zum Donaudelta. Darunter befindet sich auch das Tulcea Aluminiumwerk in Rumänien, wo derzeit 20 Hektar von giftigem Rotschlamm gelagert sind. Ätzende und giftige Staubwolken und viele Lecks hatten bereits Fisch- und Vogelsterben ausgelöst. Ein Unfall dort würde das Donaudelta und die Tierwelt massiv bedrohen. Die Becken lecken bereits und die Giftstoffe können durch Wind und Regen in die Umwelt gelangen.

Auch in Serbien befinden sich mehrere Schwerindustrieunternehmen direkt an der Donau. Der Pancevo-Komplex beinhaltet Ölraffinerien und produziert Düngemittel und Vinylchlorid. Eine Untersuchung ergab, dass dort Quecksilber und weitere giftige und krebserregende Substanzen lagern. In Bulgarien liegen 20 teils aufgelassene Becken, die zum Teil mit Erde bedeckt sind.

In unseren "Schlagzeilen" finden Sie mehr Informationen zur Giftschlamm-Katstrophe.
(WWF/ Greenpeace, 11.10.2010 - NPO)
 
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