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Schizophrenie: Genvariante begünstigt Gedächtnisstörungen
Zusammenhang zwischen genetischer Veränderung und psychiatrischer Erkrankung hergestellt
Göttinger Hirnforscher haben eine Genvariante entdeckt, die die Entwicklung kognitiver Probleme wie Denkstörungen und Gedächtnisprobleme bei Menschen mit Schizophrenie begünstigt. Das Gen enthält den Bauplan eines Proteins, das an der Übertragung von Signalen zwischen Nervenzellen beteiligt ist. Der Befund bringt auch neue Erkenntnisse über die Ursachen der Schizophrenie, berichten die Forscher in der Fachzeitschrift „Archives of General Psychiatry“.
Veränderungen im Hirnvolumen
Veränderungen im Hirnvolumen
© S. Boretius, J. Frahm / MPI für Biophysikalische Chemie Veränderungen im Hirnvolumen
Die Schizophrenie ist eine der häufigsten psychiatrischen Erkrankungen. Rein statistisch gesehen erleidet jeder Hundertste mindestens einmal im Leben eine schizophrene Episode, und zwar unabhängig vom kulturellen oder sozialen Hintergrund. Schon lange ist bekannt, dass neben äußeren Einflüssen wie etwa Geburtskomplikationen, schweren psychischen Stresserlebnissen oder Rauschgiftgebrauch genetische Ursachen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung einer Schizophrenie spielen.

Schwerwiegende Gedächtnis- oder Denkstörungen
Einen bislang unbekannten Zusammenhang zwischen einer genetischen Veränderung und dieser psychiatrischen Erkrankung haben nun Wissenschaftler um Hannelore Ehrenreich und Nils Brose vom Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen entdeckt. Die Forscher fanden heraus, dass bestimmte Varianten eines Gens, das als Complexin-2 bezeichnet wird, in Menschen mit einer Schizophrenie die typischen Gedächtnis- oder Denkstörungen begünstigen.

Diesen Schluss ziehen die Forscher aus einem Vergleich von umfassenden Patientendaten und genetischen Analysen. Untersuchungen von Mäusen, in denen Complexin-2 an der normalen Informationsübertragung zwischen Nervenzellen beteiligt ist, untermauern das Ergebnis. „In Mäusen mit einer gestörten Complexin-2-Funktion sehen wir dieselben kognitiven Veränderungen wie beim Menschen“, sagt Ehrenreich. „Dabei muss allerdings bei Mäusen ebenso wie beim Menschen ein weiterer Stressor vorhanden sein, um die Störungen hervorzurufen.“

Complexin-2 kein Intelligenz-Gen
Brose betont, dass es sich bei dem Complexin-2-Gen um kein Intelligenz-Gen handele, von dem derzeit viel geredet wird. „Ein Intelligenz-Gen, das allein die Leistungsfähigkeit des Gehirns bestimmen könnte, gibt es nicht“, sagt der Biochemiker. Auch eine Schizophrenie kann die Veränderung des Complexin-2-Gens alleine nicht bewirken.

„Wenn aber weitere genetische Störungen oder äußere Faktoren wie eine Hirnverletzung oder psychischer Stress hinzukommen, verursachen bestimmte Varianten des Complexin-2-Gens Störungen der kognitiven Hirnleistung“, so Brose. Diese Einschränkungen machen schizophrenen Patienten besonders zu schaffen und könnten vielleicht auch psychisch Gesunde beeinträchtigen.

Mit der Erkenntnis belegen die Forscher, was frühere Untersuchungen bereits nahelegten: Complexin-2 ist in verschiedenen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen gestört. Allerdings trägt nur ein Teil schizophrener Patienten das veränderte Gen. „Eine Schizophrenie lässt sich fast nie ausschließlich auf eine bestimmte genetische oder äußere Ursache zurückführen“, sagt Ehrenreich, die eine umfassende Studie über Schizophreniepatienten leitet. So würden in aller Regel unterschiedliche Kombinationen genetischer Veränderungen eine Erkrankung auslösen.

Störung synaptischer Prozesse Ursache für Schizophrenie?
Dass Complexin-2 dabei eine Rolle spielen kann, gibt auch Aufschluss über die neurologischen Defekte, die bei einer Schizophrenie auftreten. Das Protein, das nach dem Bauplan des Complexin-2-Gens entsteht, trägt dazu bei, Nervenimpulse an den als Synapsen bezeichneten Kontaktstellen zwischen Nervenzellen ordnungsgemäß weiterzuleiten.

„Damit verdichten sich die Hinweise, denen zufolge die Schizophrenie zumindest teilweise auf einer Störung synaptischer Prozesse beruht“, sagt Brose: Fehler in biochemischen Vorgängen lassen sich mit Medikamenten behandeln, während sich falsch geknüpfte Verbindungen im Nervennetz nicht reparieren lassen. Tatsächlich setzen fast alle derzeit üblichen Medikamente bei der Weiterleitung von Nervenreizen an. „Wenn wir die biochemischen Grundlagen der Erkrankung besser verstehen, können wir vielleicht auch die Medikamente verbessern“, so Brose.

Genetischen Ursachen von Schizophrenie auf der Spur
Vorerst fahnden die Forscher jedoch nach weiteren genetischen Ursachen der Krankheit und nutzen dazu die Datenbank von Schizophrenie-Patienten, die sie auch auf die Spur des Complexin-2-Gens gebracht hat. Diese Datenbank hat Ehrenreich zusammen mit Kollegen unter dem Dach der Göttingen Research Association for Schizophrenia (GRAS) aufgebaut. In akribischer Kleinarbeit ist ihr Team von sechs Ärzten und Psychologen jahrelang durch ganz Deutschland gereist, um über 1.000 Patienten an 23 Psychiatrischen Kliniken zu untersuchen.

Das Resultat ist eine Sammlung von über 3.000.000 Datenpunkten, die jeden der untersuchten Patienten genauestens beschreiben - von der Familien- und Krankengeschichte bis zu Analysen der Gedächtnis- und Denkleistung. „Jeder dieser Patienten ist detailliert erfasst, von jedem haben wir Blut- und genetische Proben gewonnen, und fast alle sind bereit, sich erneut untersuchen zu lassen, sollte dies durch unsere Studien nötig werden“, erklärt Ehrenreich.

Datenbank mit großem Potenzial
Es gebe derzeit weltweit keine weitere Schizophrenie-Datenbank von solcher Qualität. Zwar erfassen andere Datenbanken wesentlich mehr Patienten, aber kein Register bildet so viele Details ab wie die GRAS-Datenbank. „Die aktuellen Ergebnisse verdeutlichen, wie groß das Potenzial dieser Datenbank ist“, sagt Ehrenreich.
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