Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 11.02.2012
Fließbandarbeiter altern schneller
Auswirkungen eintöniger Arbeit auf die Gehirnleistung ermittelt
Wer viele Jahre stumpfe, eintönige Arbeit am Fließband verrichtet, der altert im Kopf schneller als Kollegen mit abwechslungsreichen Tätigkeiten. Das hat jetzt ein Dortmunder Forscherteam in einer neuen Studie herausgefunden.

Forschungslandschaft Gehirn
Forschungslandschaft Gehirn
© Hemera
Dass Fließbandarbeiter mit schwierigen Arbeitsbedingungen zu kämpfen haben, ist schon länger bekannt. Durch eintönige Arbeit in teils unbequemen Positionen tragen sie häufiger körperliche Schäden davon und werden so im Alter häufiger und länger krank. Welche Auswirkungen Fließbandarbeit aber auch auf die Gehirnleistung habe kann, ist bisher kaum untersucht worden.

Fließbandarbeitern in die Köpfe geschaut
Forscher um Professor Michael Falkenstein vom Institut für Arbeitsphysiologie (IfADo) der Technischen Universität Dortmund haben nun dafür den Fließbandarbeitern in ihrer neuen Studie in die Köpfe geschaut.

Ausgangspunkt des Projekts war eine Untersuchung von 91 Arbeitern der Adam Opel GmbH in Bochum. Sie mussten in einem im Werk eingerichteten Untersuchungsraum Tests am Bildschirm meistern und dabei eine vielfach verkabelte Haube aufsetzten. Diese erlaubte es Falkensteins Team, ihre Hirnaktivität am Elektroenzephalogramm (EEG) zu verfolgen. Die Versuchsgruppe bestand aus je 23 jüngeren und 23 älteren Fließbandarbeitern sowie 23 älteren und 22 jüngeren Arbeitern, die einen Arbeitsplatz jenseits des Fließbandes haben. Die jüngeren Arbeiter waren zwischen 18 und 23, die älteren zwischen 48 und 58 Jahren alt.

Mit Maus-Klicks auf Ziffern reagieren
Zu absolvieren waren recht schwierige psychometrische Tests, bei denen die Probanden unter anderem möglichst schnell zwischen Aufgaben wechseln mussten – etwa mit Maus-Klicks auf Ziffern reagieren, die am Bildschirm erscheinen, je nachdem ob sie gerade oder ungerade sind, kleiner oder größer als fünf. Der Wechsel erfolgte zum Teil nach einem bestimmten Muster, das im Gedächtnis behalten werden musste.

Die Ergebnisse seiner Auswertung nennt Falkenstein „ernüchternd, aber nicht anders erwartet“: Ältere Teilnehmer, die seit vielen Jahren stumpfe, eintönige Arbeit am Fließband verrichten, sind im Kopf deutlich schneller gealtert als ihre Kollegen mit gleicher Ausbildung, aber anregenden Tätigkeiten.

Arbeitsgedächtnis als Schwachstelle
Anhand der EEG erkannte Falkenstein sogar: Geistig ähneln ältere Nicht-Fließband-Arbeiter, deren Arbeitsleben recht abwechslungsreich ist, viel eher den jungen Arbeitern, als ihren gleichaltrigen Kollegen am Fließband. Die Schwachstelle im Gehirn der älteren Fließbandarbeiter ist vor allem das Arbeitsgedächtnis.

„Eine zentrale Gedächtnisfunktion, die wir täglich brauchen und die immer wieder aufgefrischt werden muss, quasi das RAM des Menschen“, erklärt Falkenstein. Gleichzeitig weist Falkenstein darauf hin, dass das Ergebnis nicht bedeute, dass Fließbandarbeiter schlechtere Arbeit machen. Die Tests zeigen lediglich, dass sie ihr Gehirn bei der Arbeit abschalten würden. Die Hände funktionierten fast automatisch, der Kopf sei ganz woanders.

Mentales Training hilft
Mentales Training kann den Fließbandarbeitern nach Angaben der Wissenschaftler jedoch helfen, ihre grauen Zellen wieder zu aktivieren. Daher hat das IfADo in einem Schulungsraum im Bochumer Opel-Werk 25 Computer aufgebaut und mit einem geeigneten Trainingsprogramm bestückt. Zwei Mal die Woche können die Mitarbeiter hier für eineinhalb Stunden an ihren kognitiven Fähigkeiten arbeiten.

Auch den Erfolg dieses Trainings will Falkenstein in Zukunft beobachten: „Vor Beginn des Trainings haben wir die Hirnströme gemessen, und nach Abschluss werden wir es auch tun, um zu schauen, ob sich durch das Gehirnjogging etwas verändert hat im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die das Training noch nicht gemacht hat.“
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Arbeit, Fließband, Gehirn, Gedächtnis, Kopf, Gehirnleistung, Arbeitsgedächtnis, Elektroenzephalogramm
Weitere News zum Thema
Auch Zwerggalaxien sind Kannibalen (09.02.2012)
Astronomen beobachten, wie sich ein kleines Milchstraßensystem ein noch kleineres einverleibt
Modellvergleich soll Klimafolgen besser abschätzen (08.02.2012)
Besseres Fundament für Weltklimabericht 2014
Warum der Mittelfinger so eine lange Leitung hat (08.02.2012)
Hemmung von den Nachbarnervenzellen bestimmt die Reaktionsgeschwindigkeit
Roboter kundschaftet gefährliches Terrain aus (06.02.2012)
Hightech-Geselle erforscht und kartiert unbekanntes Gelände
Tempolimit auf dem Quanten-Highway (03.02.2012)
Erstmals enthüllt eine Messung, wie schnell sich Quantensignale in einem Vielteilchensystem ausbreiten
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Gehirnforschung
Gliazellen
Wunder Gehirn
Dossiers zum Thema
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
Das Geheimnis der Hundertjährigen
Auf der Suche nach den Ursachen von Altern und Langlebigkeit
Elektrische Synapsen
„Aschenputtel“ unter den Zellkontakten
Der Kitt denkt mit
Geheimnisvolle Gliazellen im Gehirn
Altern mit Köpfchen
Wie der Geist lange fit bleibt
Teamwork der Sinne
Auch die Augen hören mit
Illusion und Wirklichkeit
Die visuelle Wahrnehmung des Menschen auf Irrwegen
Rätsel Hirnschwund
Auf der Suche nach den Ursachen von Alzheimer und Parkinson
News des Tages
Kontinent als Schichttorte
Genetische Ursache der Migräne identifiziert
Kommunikations-Code im Gehirn enträtselt
Fließbandarbeiter altern schneller
Stippvisite in der Eisfabrik der Arktis
Elektroautos: Ökobilanz von Akkus besser als gedacht
Fehlender Protein-Anker schuld an geistiger Behinderung
Bücher zum Thema
Gehirn und Erfolg: 12 Regeln für Schule, Beruf und Alltag
von John Medina
Unser Gedächtnis
Erinnern und Vergessen von Bernard Croisile
Zukunft Altern
Individuelle und gesellschaftliche Weichenstellungen von Hans-Werner Wahl und Andreas Kruse
Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
von Vilaynur S. Ramachandran
Descartes' Irrtum
Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn von Antonio R. Damasio
Der Beobachter im Gehirn
Essays zur Hirnforschung von Wolf Singer
Medizin für das Gehirn
Hrsg. Spektrum der Wissenschaft
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Jeder Vierte stirbt an Krebs
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes