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Dienstag, 26.09.2017
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Lucys „Baby“ aß schon Fleisch

Menschliche Vorfahren entwickelten neues Jagd- und Essverhalten eine Million Jahre früher als gedacht

Etwa eine Million Jahre früher als gedacht nutzten unsere menschlichen Vorfahren Steinwerkzeuge, um Fleisch und Knochenmark zu verzehren. Neue Funde aus Dikika in Äthiopien zeigen, dass bereits „Lucys“ Artgenossen - Australopithecus afarensis - vor 3,4 Millionen Jahren dieses Verhalten an den Tag legten.
Dikika-Knochen

Dikika-Knochen

Ein internationales Forscherteam um Zeresenay Alemseged von der Kalifornischen Akademie der Wissenschaften und Shannon McPherron vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie haben in der Afar-Region Knochen entdeckt, die eindeutige Schnitt- und Schlagspuren von Steinwerkzeugen tragen.

Neues Jagd- und Essverhalten


Unsere Vorfahren trennten damit das Fleisch vom Knochen ab oder brachen den Knochen auf, um an das Knochenmark zu gelangen. Die gefundenen Knochen sind etwa 3,4 Millionen Jahre alt - und damit der erste Beweis für ein neues Jagd- und Essverhalten von Australopithecus afarensis, berichten die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe von „Nature“.

„Diese Entdeckung verschiebt den bisher bekannten Zeitpunkt erheblich nach vorne, ab dem unsere Vorfahren die Spielregeln komplett änderten“, sagt der Paläoanthropologe Alemseged. „Der Werkzeuggebrauch hat die Interaktion unserer Vorfahren mit der Natur maßgeblich verändert, indem er den Verzehr neuer Nahrungsmittel und die Erschließung neuer Territorien ermöglichte. Er führte auch zur Herstellung neuer Werkzeuge - den Vorläufern von hochentwickelten Technologien wie Flugzeug, Magnetresonanztomographie und iPhone“.


Bis jetzt stammte der älteste Beweis für das Schlachten von Tieren mithilfe von Steinwerkzeugen aus Bouri in Äthiopien: Dort wurden mehrere Knochen mit Schnittspuren gefunden, deren Alter auf 2,5 Millionen Jahre datiert wurde. Die ältesten bekannten Steinwerkzeuge sind rund 2,6 bis 2,5 Millionen Jahre alt und wurden in der Nähe von Gona in Äthiopien gefunden.

Fundort der Knochen

Fundort der Knochen

Tierknochen aus Dikika


Allerdings entdeckten Archäologen weder in Bouri noch in Gona Fossilien der Werkzeughersteller. Dafür spürten sie im nahegelegenen Hadar in Ablagerungen einen 2,4 Millionen Jahre alten Oberkiefer eines frühen Vertreters der Art Homo auf. Deshalb gingen die meisten Paläoanthropologen bisher davon aus, dass die Werkzeuge ausschließlich von frühen Vertretern der Gattung Homo hergestellt und benutzt wurden.

Die nun neu entdeckten fossilen Tierknochen aus Dikika befanden sich nur wenige hundert Meter von der Stelle entfernt, an der Alemsegeds Team zuvor schon „Selam“ (Lucys Baby) gefunden hatte, ein Mädchen der Art Australopithecus afarensis, das vor etwa 3,3 Millionen Jahren lebte.

Lucys Artgenossen aßen Fleisch


Der Fundort und das Alter der vom Werkzeuggebrauch gezeichneten Knochen lassen keinen Zweifel daran, dass Vertreter der Art A. afarensis bereits Fleisch verzehrten. „Die einzige Hominidenart, die es in diesem Teil Afrikas zu dieser Zeit gab, ist A. afarensis. Deshalb denken wir, dass die Schnittspuren, die wir an den Knochen entdeckt haben, von dieser Art verursacht worden sind“, sagt Alemseged.

„Wenn wir uns Lucy beim Durchstreifen der ostafrikanischen Landschaft auf der Suche nach Nahrung vorstellen, sehen wir sie nun erstmals mit einem Steinwerkzeug in der Hand auf Fleischsuche“, sagt Shannon McPherron, Archäologe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, der am Dikika-Forschungsprojekt beteiligt ist. „Mit Steinwerkzeugen ausgerüstet, mit deren Hilfe man Fleisch schnell vom Knochen schaben oder Knochen aufbrechen kann, wurden Tierkadaver zu einer attraktiven Nahrungsquelle. Dieser neue Verhaltenstypus wies unseren Vorfahren den Weg, der später zu zwei Eigenschaften führte, die unsere Art Homo definieren - der Verzehr von Fleisch sowie die Herstellung und der Gebrauch von Werkzeug.“

Spurensuche im Tuffstein


Jonathan Wynn, Geologe an der University of South Florida, bestimmte das Alter der Knochen mithilfe von sehr gut dokumentierten und datierten Ablagerungen von Tuffstein, die bereits zur Datierung von Selam verwendet worden waren. Sie sind auch aus dem nahe gelegenen Hadar bekannt, wo Lucy gefunden wurde.

Die neue Fundstelle befindet sich in einer Dränage, einer Art natürlichem Ablaufkanal. Die dortigen Ablagerungen sind alle älter als eine vulkanische Tuffablagerung, deren Alter auf 3,24 Millionen Jahre bestimmt wurde. Zusätzlich befand sich unterhalb der Fundstätte eine weitere vulkanische Ablagerung, die auf ein Alter von 3,42 Millionen Jahre datiert werden konnte. Deshalb gehen die Forscher davon aus, dass die Knochen zwischen 3,42 und 3,24 Millionen Jahren alt sind.

Die mit Schnittspuren versehenen Knochen befanden sich sehr viel näher bei der Tuffablagerung unterhalb der Fundstätte. Dieser wiederum waren zahlreiche Schichten aufgelagert, deren Alter man ebenfalls schätzen konnte. So konnten die Forscher das geschätzte Alter der Knochen auf 3,4 Millionen Jahre verfeinern. „Wir können mit großer Sicherheit sagen, dass die mit Schnittspuren versehenen Knochen zwischen 3,42 und 3,24 Millionen Jahre alt sind. Innerhalb dieses Zeitrahmens ist ein Alter von 3,4 Millionen Jahren jedoch am wahrscheinlichsten“, sagt Wynn.

Knochen stammen von zwei Tieren


Die zwei Knochen stammen von großen Säugetieren, vermutlich von einer Ziege und einer Kuh, so die Forscher weiter. Die Fragmente der Rippen sowie des Oberschenkelschaftes sind gut erhalten, die Schnitt-, Schab- und Schlagspuren darauf klar zu erkennen. Mikroskopische Analysen zeigten, dass diese Spuren vor der Fossilisierung des Knochens verursacht worden waren. Dadurch konnten die Wissenschaftler ausschließen, dass die Beschädigungen erst kürzlich entstanden sind.

Hamdallah Béarat von der Arizona State University fand heraus, dass ein Schnitt sogar noch ein winziges, im Knochen eingelagertes Stück Stein enthielt, das vermutlich von der Bearbeitung übrig geblieben war. „Die meisten Spuren zeigen Eigenschaften, die zweifelsfrei darauf schließen lassen, dass sie von Steinwerkzeugen verursacht wurden“, erklärt Curtis Marean von der Arizona State University, der die Spuren identifizierte.

„Die Knochen stammen von zwei Tieren: Der Oberschenkelknochen entspricht der Größe nach dem entsprechenden Knochen einer Ziege. Die Rippe könnte demnach zu einer Kuh gehören“, sagt Marean. „Unsere nächsten lebenden Verwandten, Schimpansen und Bonobos, jagen Tiere dieser Größenordnung nicht. Sie fressen auch nicht deren Kadaver. Aus den Knochenfunden schließen wir also, dass die Australopithecinen aus Dikika bereits größere Säugetiere verzehrten. Ob diese Tiere gejagt wurden oder ob die Australopithecinen Aasfresser waren, wissen wir derzeit noch nicht.“

Rätsel um Herstellung von Steinwerkzeugen


Obwohl die Australopithecinen aus Dikika scharfkantige Steine benutzten kann man daraus unmöglich schließen, dass sie diese Werkzeuge selbst hergestellt haben. Möglich wäre auch, dass sie die Steine gefunden und diese dann auch benutzt haben. Bis jetzt hat das Forscherteam noch keinen Beleg für die Herstellung von Steinwerkzeugen aus dieser frühen Zeit gefunden.

„Die einzigen Steine, die wir in diesen alten Ablagerungen in Dikika gefunden haben, sind für die Werkzeugherstellung größtenteils zu klein“, sagt McPherron. „Die an diesem Ort lebenden Hominiden trugen also wahrscheinlich Steinwerkzeuge bei sich, die aus besserem Rohmaterial von einem anderen Ort stammten“. Deshalb will der Forscher nach Dikika zurückzukehren, um dort Hinweise zu finden, „ob unsere Vorfahren zu diesem frühen Zeitpunkt Werkzeug nicht nur benutzten, sondern auch selbst herstellten.“
(idw - MPG, 12.08.2010 - DLO)
 
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