Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 04.02.2012
Gehirn: Verteiltes Netzwerk statt Hierarchie?
Neue Methode enthüllt Internet-ähnliche Verschaltungsstruktur des Gehirns
Möglicherweise muss unser Bild des Gehirns umgeschrieben werden. Denn amerikanische Forscher haben jetzt an Ratten gezeigt, dass die Verschaltung verschiedener Areale miteinander nicht hierarchisch ist, wie bisher angenommen, sondern eher dem dezentralen System des Internets gleicht. Die jetzt in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences” (PNAS) erschienene Studie basiert auf einer neuen Methode, die auch weitergehende Analysen der neuronalen Verbindungen ermöglicht.

Forschungslandschaft Gehirn
Forschungslandschaft Gehirn
© Hemera
Die Struktur des Gehirns ist schon seit mindestens einem Jahrhundert bis in die kleinste Windung kartiert, beschrieben und dokumentiert. Aber wie seine einzelnen Bereiche miteinander wechselwirken, um das zu erzeugen, was wir als Denken und Bewusstsein empfinden, ist nach wie vor größtenteils unbekannt. Neurowissenschaftler sind gespalten darüber, ob das Gehirn eher hierarchisch organisiert ist und die meisten Regionen von höheren Zentren kontrolliert werden, oder aber ob es eher einem Netzwerk mit verteilten Knoten entspricht, ähnlich dem Internet.

Signale beider Richtungen abgefangen
Jetzt haben Wissenschaftler der Universität von Südkalifornien diese Streitfrage zumindest für einen kleinen Ausschnitt des Rattengehirns beantwortet. Sie entwickelten dafür eine neue Methode, um Schaltkreise im Gehirn zu identifizieren. Während die meisten vorhergehenden Studien nur jeweils ein Signal registrierten, das ausgesendete oder das ankommende, gelang es den Forschern mit Hilfe des so genannten „Circuit Tracing“ für jedes Gehirnzentrum Signale beider Richtungen abzufangen.

„Wir können damit bis zu vier Verbindungen pro Schaltkreis ausfindig machen, in einem Tier zur selben Zeit. Das war unsere technische Innovation“, erklärt Larry W. Swanson, Professor für Biologie der Universität von Südkalifornien. Die Forscher nutzten die Methode, um im Gehirn von Ratten Schaltkreise der Region zu identifizieren, die für den Genuss der Nahrung zuständig ist.

Schleifen statt hierarchisches Organigramm
Das resultierende Diagramm der „Verschaltungen“ war überraschend anders als landläufig angenommen. Statt einer geordneten hierarchischen Struktur fand sich ein Muster von Schleifen, eine Struktur, die dem Schaltbild eines Netzwerks für das verteilte Rechnen glich. „Wir haben an einer Stelle begonnen und uns die Verbindungen angeschaut”, so Swanson. „Es ergibt sich kein Organigramm. Es gibt kein Oben und Unten darin.“

Erklärung für Plastizität des Gehirns?
Diese nicht-hierarchische Struktur, die Swanson bereits 2003 als theoretisches Modell postuliert hatte, könnte auch erklären, warum das Gehirn so flexibel auf lokale Schäden reagieren kann. „Man kann fast jeden Teil des Internets einzeln stillegen, trotzdem funktioniert der Rest“, so der Neurobiologe. „Auch im Nervensystem gibt es normalerweise immer alternative Signalwege. Es ist schwer zu sagen, welcher Teil wirklich absolut essenziell ist.“

Seiner Ansicht nach sprechen die jüngsten Ergebnisse für den alternativen Ansatz einer nicht-hierarchischen Struktur des Gehirns – wenigstens in einigen Bereichen. „Es ist noch nicht bewiesen, aber der traditionelle Weg, die Funktion des Gehirns zu betrachten, sollte neue gedacht werden“, so Swanson. „Der Teil des Gehirns, mit dem wir denken, der Cortex, ist sehr wichtig, aber er ist sicher nicht der einzige Teil des Nervensystems, der unser Verhalten bestimmt.“

Ob er mit seiner These richtig liegt, könnte sich schon bald zeigen. Denn die amerikanische Gesundheitsbehörde National Institutes of Health (NIH) hat bereits angekündigt, 30 Millionen Dollar bereitzustellen für eine Kartierung des menschlichen „Connectoms“ – der Entschlüsselung der gesamten Verschaltung unseres Gehirns.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Gehirn, Hirnareale, Nervenzellen, Internet, Denken, Bewusstsein, Schaltkreise
Weitere News zum Thema
Erster Nano-Blick in das lebende Gehirn (03.02.2012)
Spezialmikroskop macht winzigste Veränderungen von Gehirnzellen sichtbar
Schlaf-Apnoe erhöht das Risiko für Schlaganfälle (02.02.2012)
Nächtliche Atemaussetzer gefährden auch das Gehirn
Gehörte Wörter aus Gehirnwellen rekonstruiert (01.02.2012)
Neue Methode könnte Stummen ihre Sprache wiedergeben
Kurzzeitgedächtnis beruht auf Synchronisation (01.02.2012)
Kooperation von Gehirnregionen entscheidend für das Erinnern
Sprachzentrum des Gehirns war falsch verortet (31.01.2012)
Wernicke-Areal liegt drei Zentimeter weiter vorne als bisher angenommen
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Wunder Gehirn
Gliazellen
Zellen - Bausteine des Lebens
Dossiers zum Thema
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
Elektrische Synapsen
„Aschenputtel“ unter den Zellkontakten
Der Kitt denkt mit
Geheimnisvolle Gliazellen im Gehirn
Teamwork der Sinne
Auch die Augen hören mit
Altern mit Köpfchen
Wie der Geist lange fit bleibt
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
News des Tages
Ursuppe: Glimmer als Hort der Lebensentstehung?
Gehirn: Verteiltes Netzwerk statt Hierarchie?
Laserpulse bringen lebende Zellen zum Leuchten
Fehlendes Protein schuld an schuppender Haut
Künstliche Photosynthese als Energiequelle der Zukunft
Alte Menschen: Gefahr durch Medikamente?
Röntgenblick deckt Hirndetails auf
Bücher zum Thema
Medizin für das Gehirn
Hrsg. Spektrum der Wissenschaft
Der Beobachter im Gehirn
Essays zur Hirnforschung von Wolf Singer
Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
von Vilaynur S. Ramachandran
Descartes' Irrtum
Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn von Antonio R. Damasio
Was treibt das Leben an?
Eine Reise in den Mikrokosmus der Zelle von Stephan Berry
Wie Zellen funktionieren
Wirtschaft und Produktion in der molekularen Welt von David S. Goodsell
Lehrbuch der Molekularen Zellbiologie
von Lutz Nover und Pascal von Koskull-Döring
Top-Clicks der Woche
1. Wie der Maulwurf zu zwölf Fingern kommt
2. Pythons gefährden Säugetiere der Everglades
3. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
4. Spinnen: Mehr Nachwuchs durch Selbst-Kastration
5. Light-Limonaden erhöhen Schlaganfall-Risiko