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Freitag, 21.07.2017
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Alzheimer als angeborene Entwicklungsstörung?

Patienten besitzen anormal viele Hirnzellen mit „falscher“ Chromosomenzahl

Wenn zu viele Gehirnzellen die „falsche Chromosomenzahl“ tragen, kann dies den Ausbruch der Alzheimerkrankheit verursachen. Das haben Forscher jetzt an Hirnproben festgestellt. Das aber bedeutet, dass die Krankheit eine Folge einer angeborenen Hirnentwicklungsstörung ist, bei der solche falschen Zellen nicht „aussortiert“ werden.
Geschrumpftes Gehirn nach Alzheimer

Geschrumpftes Gehirn nach Alzheimer

Die Alzheimer-Krankheit ist weltweit für rund 60 Prozent aller Demenzerkrankungen bei über 65-Jährigen verantwortlich. Bei diesem anfänglich durch Gedächtnisverlust und Verhaltenstörungen gekennzeichnetem Leiden sterben im Laufe der Zeit immer mehr Gehirnzellen ab. Was diese bisher unheilbare Krankheit auslöst, ist noch immer ungeklärt. Jetzt haben Wissenschaftler des Paul-Flechsig-Instituts für Hirnforschung der Universität Leipzig festgestellt, dass eine angeborene Entwicklungsstörung des Gehirns ein entscheidender Faktor sein könnte.

„Alzheimer scheint in der Tat angeboren zu sein", umreißt Professor Thomas Arendt die Forschungsergebnisse, die jetzt in der Fachzeitschrift The American Journal of Pathology beschrieben wurden. Laut Arendt sind so genannte hyperploide Neuronen dafür verantwortlich, dass bei Alzheimer-Patienten Hirnzellen in großer Zahl absterben. „Bei der Entwicklung von Stammzellen zu Neuronen gibt es eigentlich einen Mechanismus, der solche 'falschen Bausteine' absterben lässt", erklärt der Forscher.

Chromosomenzahl zu hoch


Bei den hyperploiden Neuronen sind - anders als in der gesunden Zelle - statt zweier Chromosomenpaare eine Vielzahl dieser genetischen Erbgutträger vorhanden. „Manche tragen vier, andere sogar sechs Chromosomenpaare", so Arendt. Da es vielfältige Kombinationen solcher Zellen gebe, spreche man auch von einem Mosaik. „Diese Mosaike sind auch im normal entwickelten, erwachsenen gesunden Gehirn vorhanden.“.


Chromosomen des Menschen

Chromosomen des Menschen

Nach Ansicht der Alzheimer-Experten kann das menschliche System offenbar mit einer bestimmten Zahl hyperploider Zellen im Gehirn durchaus umgehen und sie tolerieren. „Im Gehirn von Alzheimer-Patienten stellen wir aber eine doppelt so hohe Anzahl fest; es scheint eine Toleranzgrenze durchbrochen zu sein", berichtet Arendt. Das Problem dabei ist, dass Hyperploidie ein irreversibler Prozess ist. Die betroffenen Zellen sterben auf jeden Fall ab, gerade so, als ob eine in der Hirnentwicklung nicht vorgenommene Regulierung nachgeholt wird.

Mehr hyperploide Zellen bei Alzheimer-Patienten


Festgestellt haben dies die Hirnforscher bei der Untersuchung von Proben aus Hirnen von Menschen mit unterschiedlich starker Ausprägung der Alzheimer-Krankheit: Sind die hyperploiden Zellen im normalen Gehirn lediglich in begrenzter Zahl vorhanden, so steigt ihre Anzahl in der vorklinischen Phase der Erkrankung sowie in der Zeit, in der erst milde Auswirkungen feststellbar sind, deutlich an. Beim schwer an Alzheimer erkrankten Patienten dagegen sinkt die Zahl der hyperploiden Zellen wieder. "Ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie abgestorben sind, denn Zellen verschwinden ja nicht einfach so."

Aus den jetzt vorliegenden Erkenntnissen der Wissenschaftler lassen sich zahlreiche neue Fragestellungen ableiten. "Warum ist eine hyperploide Zelle so anfällig für den Zelltod? Ist diese Fehlentwicklung auch in anderen Organen als dem Gehirn nachweisbar? Gibt es unter Umständen schädliche Einflüsse auf Mutter und Kind in der Schwangerschaft, die zu der Entwicklungsstörung des Hirns führen?"nennt Thomas Arendt nur ein paar mögliche Forschungsansätze. Schnelle Antworten allerdings werde es nicht geben, warnt er vor übertriebenen Hoffnungen.
(Universität Leipzig, 27.07.2010 - NPO)
 
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