Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 11.02.2012
Nanobänder: wachsen lassen statt schneiden
Neues Verfahren ermöglicht maßgeschneiderte Bauteile für künftige Graphen-Transistoren
Forschern ist es erstmals gelungen, mit einer einfachen chemischen Methode wenige Nanometer breite Bänder aus Graphen auf Oberflächen wachsen zu lassen. Graphenbänder gelten als heiße Kandidaten für künftige Elektronikanwendungen, doch bisherige Herstellungsverfahren waren nicht fein genug, um Bänder mit den gewünschten Eigenschaften zu erzeugen. Das neue, jetzt in „Nature“ veröffentlichte Verfahren ändert dies.

Transistoren auf Graphenbasis gelten als mögliche Nachfolger für die heute gebräuchlichen Bauteile aus Silizium. Bestehend aus zweidimensionalen Kohlenstoffschichten besitzt Graphen etliche herausragende Eigenschaften: Es ist nicht nur härter als Diamant, extrem reißfest und undurchlässig für Gase, sondern auch ein ausgezeichneter elektrischer und thermischer Leiter. Weil Graphen allerdings ein Halbmetall ist, besitzt es – im Gegensatz zu Silizium – keine elektronische Bandlücke und somit keine Schalteigenschaften – die Hauptvoraussetzung für Elektronik-Anwendungen.

Zickzack-förmiges Graphen-Nanoband
Zickzack-förmiges Graphen-Nanoband
© Empa Zickzack-förmiges Graphen-Nanoband
Graphenbänder im Nanometermaßstab
Bisher wurden Bänder aus größeren Graphenschichten „geschnitten“, etwa so wie Tagliatelle aus einem Pastateig. Oder Kohlenstoffnanoröhrchen wurden der Länge nach aufgetrennt. In den Bändern entsteht dadurch über einen quantenmechanischen Effekt eine Bandlücke – ein Energiebereich, in dem sich keine Elektronen befinden können und der die physikalischen Eigenschaften wie etwa die Schaltfähigkeit bestimmt. Breite und Randform des Graphenbandes bestimmen die Größe der Bandlücke und beeinflussen dadurch die Eigenschaften eines daraus konstruierten Bauteils.

Falls sich Graphenbänder nun extrem schmal – deutlich unter zehn Nanometer – und noch dazu mit wohl definierten Rändern herstellen ließen, so die Idee, dann könnten daraus Bauteile mit maßgeschneiderten optischen und elektronischen Eigenschaften resultieren. Alles andere als trivial, denn die bis jetzt dafür verwendeten lithografische Methoden, etwa zum Schneiden, stoßen hier an fundamentale Grenzen; sie liefern zu breite Bänder mit diffusen Rändern.

Wachsen lassen statt schneiden
Forscher der Empa und des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung in Mainz sowie der ETH Zürich und der Universitäten Zürich und Bern haben deshalb ein neues Verfahren entwickelt, um Graphenbänder mit Bandlücken herzuzustellen. Sie nutzen dafür eine einfache oberflächenchemische Methode, mit der sich derart schmale Bänder ganz ohne zu schneiden erzeugen lassen – also „bottom-up“, aus den Grundbausteinen. Dazu brachten sie unter Ultrahochvakuumbedingungen auf Gold- oder Silberoberflächen spezielle, an „strategisch“ wichtigen Positionen halogensubstituierte Monomere auf, die sich in einem ersten Reaktionsschritt zu Polyphenylenketten verbanden.

In einem zweiten, durch stärkeres Erhitzen eingeleiteten Reaktionsschritt, in dem Wasserstoffatome entzogen wurden, koppelten die Ketten zu einem planaren, aromatischen Graphensystem. So entstanden atomar dünne Graphenbänder von einem Nanometer Breite und einer Länge bis zu 50 Nanometer. Damit sind die Graphenbänder so schmal, dass sie eine elektronische Bandlücke aufweisen und nun wie Silizium Schalteigenschaften besitzen – ein erster, wichtiger Schritt für den Wechsel von der Silizium-Mikro- zur Graphen-Nano-Elektronik. Doch damit nicht genug: Je nachdem, welche Monomere die Forscher verwendeten, bildeten sich Graphenbänder mit unterschiedlicher räumlicher Struktur – entweder gradlinige oder zickzackförmige.

Untersuchungen zu weiteren Eigenschaften
Da die Forscher nun Graphenbänder (fast) nach Belieben herstellen können, möchten sie als nächstes untersuchen, wie sich etwa die magnetischen Eigenschaften der Graphenbänder in Abhängigkeit von den verschiedenartigen Rändern beeinflussen lassen. Die oberflächenchemische Methode eröffnet aber auch interessante Perspektiven hinsichtlich der gezielten Dotierung von Graphenbändern:Die Verwendung von Monomerbausteinen mit Stickstoff- oder Boratomen an genau definierten Positionen oder von Monomeren mit zusätzlichen funktionellen Gruppen müsste die Herstellung positiv und negativ dotierter Graphenbänder ermöglichen.

Auch eine Kombination verschiedenartiger Monomere ist möglich und könnte beispielsweise die Herstellung so genannter Heteroübergänge erlauben – Schnittstellen zwischen verschiedenartigen Graphenbändern, etwa mit kleiner und grosser Bandlücke –, die in Solarzellen oder Höchstfrequenzbauelementen zum Einsatz kommen könnten. Dass das zugrunde liegende Bauprinzip auch hierfür funktioniert, haben die Forscher bereits bewiesen: Mit zwei passenden Monomere haben sie mit einem Knotenpunkt drei Graphenbänder miteinander verknüpft.

Bisher konzentrierten sich die Forscher auf Graphenbänder auf Metalloberflächen. Damit die Graphenbänder allerdings für die Elektronik genutzt werden können, müssen diese auf Halbleiteroberflächen hergestellt oder Methoden entwickelt werden, um die Bänder von Metall- auf
Halbleiteroberflächen zu übertragen. Und auch hierfür stimmen erste Ergebnisse die Forscher bereits zuversichtlich.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Graphen, Graphenband, Nanotechnologie, Oberfläche, Dotierung, Kette, Molekül, Atome, Kohelnstoff, Elektronik, Halbleiter, Physik
Weitere News zum Thema
Blick ins Hirn verrät Abschneiden im Reaktionstest (07.02.2012)
Hirnaktivität kann voraussagen, wie gut jemand ein Videospiel beherrscht
„Lebensdauer“ von Elektronen in Graphen bestimmt (02.12.2011)
Forscher legen neue Erkenntnisse zu den grundlegenden physikalischen Eigenschaften des Materials vor
Starb Pharaonin Hatschepsut an Krebs? (22.08.2011)
Altägyptische Hautlotion in Hatschepsuts Flakon erweist sich als hochgradig krebserregend
Erstes Schraubengelenk im Tierreich entdeckt (01.07.2011)
Rüsselkäfer besitzt ein Hüftgelenk aus Schrauben und Muttern
Wie verändert sich der Arktische Ozean? (15.06.2011)
Polarstern startet zu Expedition ins Nordpolarmeer
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Atome
Elektronen
Nanoröhrchen
Zoom aufs Atom
Nanotechnologie
Dossiers zum Thema
Nanotechnologie
Baukastenspiele im Reich des Allerkleinsten
Nanoröhrchen
Kohlenstoffwinzlinge als Bausteine für Computer der Zukunft
Computer der Zukunft
Rechnen mit Quanten, Licht und DNA
Das Geheimnis des richtigen Spins
Auf der Suche nach ferromagnetischen Halbleitern für elektronische Bauteile
Zoom aufs Atom
Reise in den Mikrokosmos
Smarte Kunststoffe und flexible Chips
Polytronik auf dem Vormarsch
News des Tages
Quantenmechanik wankt (doch) nicht
Ölpest: Sturm stoppt Arbeiten
Mondmineral überraschend erdähnlich
Erste 3D-Bilder von Satellitenmission TanDEM-X
Immunsystem: Selbstschutz- Mechanismus entschlüsselt
Nanobänder: wachsen lassen statt schneiden
Häufigste Mutationsursache aufgeklärt
Bücher zum Thema
Nanotechnologie für Dummies
Spannende Entdeckungen aus dem Reich der Zwerge von Richard D. Booker und Earl Boysen
Faszination Nanotechnologie
von Uwe Hartmann
Skurrile Quantenwelt
von Silvia Arroyo Camejo
Sie irren, Einstein!
Newton, Einstein, Heisenberg und Feynman diskutieren die Quantenphysik von Harald Fritzsch
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Jeder Vierte stirbt an Krebs
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes