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Dienstag, 19.09.2017
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Was macht einen Song zum „Ohrwurm“?

Forscher untersucht, wie musikalische Endlosschleifen im Kopf entstehen

Was macht ein Musikstück zum „Ohrwurm“? Warum bleiben einige Lieder – oft ungewollt – wie eine Endlosschleife im Kopf haften, während andere sofort vergessen sind? Ein Musikforscher hat diese Frage jetzt untersucht. Eine wichtige Rolle spielen offenbar sowohl die emotionale Reaktion und Situation des Hörers, aber auch Bekanntheit und Art des Musikstücks.
Lena Meyer-Landrut in Oslo

Lena Meyer-Landrut in Oslo

Wenn Lena Meyer-Landrut am kommenden Samstag in Oslo auf der Bühne steht, wird sie mit „Satellite" einen Titel singen, der vielen Menschen nicht mehr aus dem Sinn geht. Seit Wochen behauptet sich der deutsche Beitrag für den „Eurovision Song Contest" in den Top Ten. Wie ein solcher Ohrwurm entsteht und was ihn auszeichnet, hat der Direktor des Instituts für Musik an der Uni Kassel, Professor Jan Hemming, jetzt untersucht.

Unplanbar und unwillkürlich


Schon Sigmund Freud befasste sich in seinem Hauptwerk „Die Traumdeutung" mit dem Phänomen des „Ohrwurms“. Für den Begründer der Psychoanalyse waren solche „Endlosschleifen“ im Kopf die unbewusste Artikulation von Wünschen. Seitdem haben sich Psychologen immer wieder mit der Problematik befasst, ohne zu einer allgemein überzeugenden Erklärung zu kommen. „Das Auftreten eines Ohrwurms ist immer unwillkürlich", erklärt Hemming. Ein Musiker kann ihn nicht planen, ein Musikkonsument kann ihn nicht vorhersehen. Manchmal stellt sich die akustische Endlosschleife im Kopf schon nach einmaligem Hören ein, manchmal erst nach Tagen.

Ebenso unmöglich zu kalkulieren ist die Dauer. Bei einer Untersuchung am Kasseler Institut für Musik berichteten einige Probanden, dass der Ohrwurm nach einigen Minuten verschwand. Manche wurden von der immer wiederkehrenden Melodie im Kopf bis zu drei Wochen heimgesucht.


Alltagsituationen machen uns empfänglich


Hemming verweist darauf, dass professionelle Songwriter gezielt versuchen, eingängige Elemente und Passagen in ihren Liedern einzusetzen. Diese so genannten Hooks sollen den Wiedererkennungswert und so letztlich den Erfolg eines Songs steigern. Eine „Ohrwurmformel" aber lässt sich daraus nicht ableiten, betont der Forscher: „Wiederholte einfache melodische oder harmonische Strukturen sind möglicherweise notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen, damit aus einer Phrase ein Ohrwurm wird."

Nach den Untersuchungen des Kasseler Musikforschers entstehen Ohrwürmer zu mehr als 70 Prozent in Alltagssituationen wie Abwaschen und Aufräumen beziehungsweise in Leerlauf- und Wartephasen. Dagegen entstehen sie nur selten, wenn der Betroffene geistig oder seelisch stark angespannt ist.
Hemming geht davon aus, dass Ohrwürmer geradezu als Reaktion auf Leerlaufphasen unseres Gehirns entstehen. Möglicherweise reagiere das Gehirn damit auch auf die schlichte Abwesenheit von Musik.

Text und Bekanntheit erhöhen „Ohrwurm-Wahrscheinlichkeit


Ist ein Zuhörer mit einem bestimmten Titel gut vertraut, so erhöht dies die Chancen des Musikstücks, zum Ohrwurm zu werden. In einer Versuchsreihe am Kasseler Institut für Musik zeigte sich, dass 60,5 Prozent der Stücke, die sich bei den Probanden zum Ohrwurm entwickelten, den Betroffenen bereits
bekannt waren. 24,4 Prozent der Stücke, die sich zur musikalischen Endlosschleife entwickelten, waren für die Probanden dagegen neu. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt offenbar der Text. So waren bei der Kasseler Testreihe drei der fünf eingängigsten Titel, Lieder mit deutschen Texten, während reine Instrumentalstücke nur selten Ohrwurmstatus erreichten.

Emotionale Reaktion fördert „Hängenbleiben“


Ein Ohrwurm entsteht vor allem bei Titeln, die dem Zuhörer persönlich gefallen. Es ist aber auch das krasse Gegenteil zu beobachten: Menschen bekommen ein Musikstück nicht mehr aus dem Gehörgang raus, obwohl es sie nervt, berichtet Hemming: „Möglicherweise wird Musik immer dann unbewusst
und unwillkürlich memoriert, wenn sie parallel zum Hören mit einer starken positiven oder negativen Bewertung verbunden wird."
(Universität Kassel, 28.05.2010 - DLO)
 
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