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Sonntag, 22.01.2017
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Elektroauto kommt erst übermorgen

Streit um Sinn und Unsinn neuer Mobilitätskonzepte

Die Bundesregierung will bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf die Straßen bringen. Doch das E-Mobil hat in Deutschland in naher Zukunft nur begrenzte Marktchancen, wie jetzt eine Umfrage erneut belegt. Mehr als 90 Prozent der potenziellen Käufer würde erst zugreifen, wenn sich die Reichweite der Fahrzeuge deutlich erhöht und die Preise niedriger werden. Umweltverbände kritisieren derweil, dass statt Milliardenförderung eines nur für wenige attraktiven Gefährts lieber in klimafreundliche Mobilitätslösungen für die gesamte Gesellschaft investiert werden sollte.
Blick auf das Innenleben eines japanischen E-Autos

Blick auf das Innenleben eines japanischen E-Autos

Eine Million Elektroautos bis 2020 sollen nach dem Willen der Bundesregierung einen Beitrag zur umweltfreundlicheren Mobilität und zum Klimaschutz bringen. Bis entsprechend leistungsfähige und bezahlbare Batterien für den elektrischen Antrieb zur Verfügung stehen, sind jedoch Investitionen in Milliardenhöhe notwendig. Die finanziellen und technischen Hürden bis dahin sind noch hoch, die Konzentration auf eine solche technische Klimaschutzmaßnahme umstritten. Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO und der der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) haben jetzt in einer Umfrage die Akzeptanz von Elektroautos bei den potenziellen Kunden untersucht. Für die Umfrage wurden im April 2010 mehr als 500 repräsentativ ausgewählte Autofahrer befragt.

Das Ergebnis: Gut 60 Prozent der Verbraucher würden erst dann einen Pkw mit rein oder zumindest überwiegend elektrischem Antrieb kaufen, wenn dieser zu einem vertretbaren Preis die vom Verbrennungsmotor gewohnten Fahrleistungen bringt. Das allerdings ist auch in den nächsten zehn Jahren nicht unbedingt zu erwarten. „Die Autofahrer stehen der neuen Technik zwar aufgeschlossen gegenüber. Allerdings wird das Elektroauto in Deutschland nur dann zum Erfolg, wenn es die bestehenden Mobilitätsanforderungen erfüllt und nicht umgekehrt eine Anpassung der Konsumenten an technische Beschränkungen verlangt“, kommentiert Felix Kuhnert, Leiter des Bereichs Automotive bei PwC.

Keine Chancen als Kurzstreckenmobil


Um die hohen Anschaffungskosten für Elektroautos zu senken, setzen derzeit viele Hersteller auf den Einbau von Batterien mit beschränkter Kapazität. Als reines Kurzstreckenmobil hat das Elektroauto aber kaum Marktchancen. Knapp 90 Prozent der Befragten halten es für wichtig oder sehr wichtig, dass die Batterie mehr als die heute durchschnittlich erreichten 130 Kilometer mit einer Ladung durchhält.
Selbst in der Gruppe der Autofahrer, die überwiegend in der Stadt unterwegs sind, legen 92 Prozent Wert auf eine entsprechende Reichweite.


Auch das tatsächliche Nutzungsverhalten legt nahe, dass das eigene Auto kaum zu ersetzen ist. Insbesondere auf dem Land oder in Kleinstädten nutzen fast 90 Prozent den Pkw für tägliche Besorgungen, drei von vier Befragten fahren jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit. In den urbanen Zentren spielt das Auto erwartungsgemäß eine etwas geringere Rolle, doch selbst in den Großstädten fahren immerhin rund zwei Drittel der Befragten in der Regel mit dem Pkw zur Arbeit und zum Supermarkt.

Ambivalenz und Informationslücken


Um die Marktchancen des Elektroautos zu erhöhen, ist auch eine bessere Information der potenziellen Nutzer notwendig. Derzeit glaubt nicht einmal jeder zehnte Befragte, dass er über die Vor- und Nachteile des elektrischen Antriebs in seinen verschiedenen Varianten gut Bescheid weiß. Entsprechend ambivalent ist die Einstellung der Konsumenten zur neuen Technik. So sind zwar acht von zehn Verbrauchern davon überzeugt, dass dem Elektroauto die Zukunft gehört. Ein ebenso großer Teil der Befragten gibt jedoch zu Protokoll, dass der Kauf eines E-Mobils für sie auf absehbare Zeit nicht in Frage kommt.

Unentschieden fällt auch die ökologische Bewertung der Elektromobilität aus. Knapp 50 Prozent der Befragten glauben, dass nur mit dem Elektroauto die Umweltschäden durch den Pkw-Verkehr begrenzt werden können. Ebenso viele geben aber zu bedenken, dass Emissionen von Klimagasen und anderen Schadstoffen nur dann sinken, wenn die Batterien der Elektrofahrzeuge mit Öko-Strom geladen
werden.

Klimaschutz fördert neue Technologien, hier eine Offshore-Windanlage

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Umweltverbände: Mobilitätslösungen für die gesamte Gesellschaft statt E-Autos für einige


Vor undifferenzierter Euphorie zur Elektromobilität warnen auch die führenden Umweltschutzverbände und fordern die Bundesregierung zu einer realistischen Betrachtung von Elektrofahrzeugen auf. Die von Regierung und Industrie angepriesenen Elektrofahrzeuge brächten weder den Klimaschutz in den nächsten zehn Jahren voran, noch lösen Elektroautos die Verkehrsprobleme von heute.

Greenpeace, Naturschutzbund Deutschland (NABU), Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), Deutsche Umwelthilfe e.V. (DUH) und Verkehrsclub Deutschland (VCD) appellieren an Kanzlerin Merkel, die geplanten Milliardensubventionen für die Industrie stattdessen zielgerichtet in klima- und umweltverträgliche Mobilitätslösungen für die gesamte Gesellschaft zu lenken. Die Regierung dürfe die angebliche Entscheidung der Industrie auf Elektromotoren nicht auch noch mit Steuergeld bemänteln, sondern müsse technikneutral die klimafreundlichsten Antriebstechniken befördern.

Tatsächlich könnten Elektroautos nur dann zu Nullemissionsfahrzeugen werden, wenn sie mit zusätzlich erzeugter erneuerbarer Energie betrieben würden, betonte der BUND-Energieexperte Thorben Becker. Dafür dürften nur solche Strommengen verwendet werden, die außerhalb der Förderung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) zusätzlich erzeugt worden seien. Sonst würde der umweltfreundliche Strom anderen Nutzern entzogen, sagte Becker. Für die Klimabilanz entscheidend sei auf jeden Fall der Kohlendioxidausstoß des im Stromnetz vorhandenen Strommixes.

Anschub für erneuerbare Energien?


Eine Win-Win-Situation für die Energieversorgung sieht dagegen der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) in der Förderung der Elektromobilität. „Elektromobilität und Erneuerbare Energien sind natürliche Partner, die es entschlossen auszubauen gilt. Denn der CO2-Ausstoß von Elektrofahrzeugen ist umso geringer, je höher der Anteil der Erneuerbaren Energien im Strommix ist. Und je mehr Fahrzeugbatterien am Netz sind, desto mehr Erneuerbarer Strom kann gespeichert werden", erklärt Björn Klusmann, Geschäftsführer des BEE. Der Treibstoff für Elektrofahrzeuge stamme bereits heute zu 16 Prozent aus Erneuerbaren Energien. 2020 werden es nach der Ausbauprognose der Erneuerbare-Energien-Branche 47 Prozent sein.

Wer seinen Strom von einem Ökostromanbieter beziehe, könne schon heute nahezu CO2-frei mit 100 Prozent Erneuerbaren Energien unterwegs sein. Klusmann: "Je schneller der Anteil der Erneuerbaren im Strommix steigt, desto klimafreundlicher wird Elektromobilität für alle. Dass ausgerechnet die Umweltverbände das Potenzial der Erneuerbaren in der Diskussion um Elektromobilität kleinreden, ist für uns absolut nicht nachvollziehbar."

Sinnvoll vor allem in den Städten


Automobilindustrie, Energiewirtschaft und öffentliche Hand sind nach Ansicht der Fraunhofer-Forscher gefordert, gemeinsam neue Mobilitätskonzepte zu entwickeln, die die Möglichkeiten der E-Technologie mit den Bedürfnissen der Verbraucher in Einklang bringen. Dazu wäre es nach Einschätzung der Experten notwendig, eine leistungsfähige Infrastruktur aufzubauen, die für jedes Elektrofahrzeug zwei bis drei Ladestationen zur Verfügung stellt.

Insbesondere urbane Regionen bieten Potenzial für innovative Car-Sharing-Modelle mit rein elektrisch betriebenen Pkw. Im Jahr 2020 könnten demnach über 55.000 Elektroautos in deutschen Städten unterwegs sein, die sich Autofahrer bei Bedarf ausleihen. Voraussetzung dafür ist aber auch, dass in unmittelbarer Umgebung der Ladestationen hinreichend Parkraum zur Verfügung steht. „Das Elektroauto wird sich in jedem Fall nur dann durchsetzen können, wenn Autohersteller, Zulieferer, Energieunternehmen und neu entstehende Mobilitätsdienstleister eng zusammenarbeiten. Die Politik muss diesen Prozess begleiten, in dem sie für Investitionssicherheit sorgt und beispielsweise die internationale Standardisierung vorantreibt“, betont Wilhelm Bauer, Institutsdirektor am Fraunhofer IAO.
(Fraunhofer Gesellschaft, Verkehrsclub Deutschland, BUND, Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE), 30.04.2010 - NPO)
 
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