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Samstag, 11.02.2012
Zellen arbeiten mit Doppelschlag gegen Krebs
Bisher für unabhängig gehaltene Schutzprogramme der Zelle agieren doch im Verbund
Zellen haben zwei verschiedene Schutzprogramme, die sie davor bewahren, bei Stress außer Kontrolle zu geraten, sich ungebremst zu teilen und Krebs zu entwickeln. Bisher ging die Forschung davon aus, dass sich diese Systeme unabhängig voneinander anschalten. Jetzt haben Krebsforscher im Tiermodell gezeigt, dass beide Schutzprogramme mit Abwehrzellen kooperieren und so verhindern, dass Tumoren entstehen.

Brustkrebszelle
Brustkrebszelle
© NCI Brustkrebszelle
Seit einiger Zeit wissen Forscher, dass krebsauslösende Gene (Onkogene) im Frühstadium der Entstehung einer Krebserkrankung paradoxerweise selbst diese Zellschutzprogramme aktivieren können. Das erklärt möglicherweise, weshalb manche Tumore Jahrzehnte brauchen, bis sie zum Ausbruch kommen. Das Krebsgen Myc löst den programmierten Zelltod oder Apoptose aus. Das ist ein seit langem bekanntes Schutzprogramm, bei dem sich eine geschädigte Zelle umbringt, und damit den Körper als Ganzes vor Schaden bewahrt. Mit einer Chemotherapie aktivieren Ärzte dieses Schutzprogramm bei einer Krebsbehandlung.

Das zweite Sicherungsprogramm ist die Seneszens (lat.: senex für Alter, Greis). Es wird von einem anderen Krebsgen, dem ras-Onkogen, angeschaltet. Dieses Programm hält den Zellzyklus an, die Zelle kann sich nicht mehr teilen, lebt aber im Gegensatz zur Apoptose weiter und ist noch Stoffwechsel-aktiv. Dass die Seneszenz die Entwicklung bösartiger Lymphdrüsentumoren im Frühstadium blockieren kann, wurde vor einigen Jahren im Tierversuch gezeigt.

Ein Gen aktiviert beide Schutzprogramme
Jetzt haben Forscher des Max-Delbrück-Centrums (MDC) und der Charité in Berlin um erstmals nachgeweisen, dass das Krebsgen Myc eine Schlüsselrolle bei der Aktivierung beider Schutzprogramme spielt und zwar ohne Anwesenheit des ras-Onkogens. „Bemerkenswert an diesem Befund ist, dass ein Onkogen zunächst Apoptose auslösen kann und mit dem Tumorstroma - das ist das Gewebe, das den Tumor umgibt und auch gesunde Zellen enthält - sowie dem Immunsystem wechselwirkt und in der Lage ist, dort Signale anzuschalten, die dann zu Tumor-Seneszenz führen", erläutert Schmitt die Forschungsarbeit.

Die Kaskade läuft nach den Erkenntnissen der Forscher wie folgt ab: Erst löst das Myc-Onkogen in den Lymphomzellen Apoptose aus. Die absterbenden, apoptotischen Zellen locken Fresszellen (Makrophagen) des Immunsystems an, die die abgestorbenen Lymphomzellen entsorgen. Die so aktivierten Fresszellen wiederum setzen Botenstoffe (Zytokine) frei, darunter das Zytokin TGF-beta. Es kann im Frühstadium einer Tumorerkrankung das Wachstum von Krebszellen hemmen.

Botenstoff schaltet Seneszenzprogramm an
Die Forscher stellten fest, dass der Botenstoff in den Tumorzellen, die der Apoptose entkommen sind, das Seneszenz-Programm anschaltet und die Krebszellen damit stilllegt. „Unsere Ergebnisse haben vermutlich über die Lymphomerkrankungen hinaus grundlegende Bedeutung für die Krebsentstehung. Weiter zeigen sie, dass die durch Botenstoffe des Immunsystens ausgelöste Seneszenz möglicherweise ein wichtiges weiteres Wirkprinzip neben der durch Chemotherapie ausgelösten Apoptose ist."

Gegenwärtig beschäftigen sich die Forscher in der Arbeitsgruppe von Schmitt intensiv mit Chemotherapie-vermittelter Seneszenz. „Wenn wir genauer verstanden haben, ob wir Krebszellen, die wir nicht mehr abtöten können, auch durch Seneszenz-Anschaltung langfristig unter Kontrolle bringen können, ergäben sich wichtige neue Therapiemöglichkeiten", so der Forscher.
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