Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Oktopus tarnt sich als Flunder
Erster Beleg für echte Mimikry bei atlantischen Tintenfischen
Ein Langarm-Oktopus der Karibik tarnt sich auf ungewöhnliche Weise: Er zieht alle Arme an sich und passt sich in Musterung, Farbe und Form dem Aussehen einer Flunder an. Über diesen ersten Fall einer solchen Fisch-Mimikry bei Tintenfischen berichten Meeresforscher jetzt in „The Biological Bulletin“. Der Oktopus entgeht damit Angriffen seiner Fressfeinde.

Macrotritopus defilippi: links im Aquarium, rechts als Flunder getarnt am Meeresboden.
Macrotritopus defilippi: links im Aquarium, rechts als Flunder getarnt am Meeresboden.
© R. Hanlon/ MBL Macrotritopus defilippi: links im Aquarium, rechts als Flunder getarnt am Meeresboden.
In den offenen, sandigen Weiten des karibischen Meeresbodens finden Weichtiere wie die Kopffüßler kaum Schutz. Außerhalb der Korallenriffe fehlen Höhlen, Steine oder andere zum verstecken geeignete Strukturen, eine gute Tarnung ist daher hier der Schlüssel für das Überleben. Wenige Tiergruppen beherrschen diese Kunst so vollendet wie Kraken, Kalmare und Co. Denn ihre Haut besitzt ein einzigartiges System von anpassungsfähigen Farbzellen, die innerhalb von Sekunden die Farbe und Musterung des Tintenfischs komplett verändern können.

Krake als Plattfisch getarnt
Der Tintenfischexperte Roger Hanlon und seine Kollegen vom Meeresbiologischen Laboratorium in Woods Hole haben nun eine bisher unbekannte und sehr spezielle Form einer solchen Anpassung und Tarnung in der Karibik entdeckt. In Fotografien und Videoaufnahmen von freilebenden Langarm-Oktopussen der Art Macrotritopus defilippi stießen sie immer wieder auf Tiere, die auf den ersten Blick nicht einem Kraken, sondern einem auf den sandigen Meeresböden der in dieser Region häufigen Plattfisch glichen, dem Pfauenbutt Bothus lunatus. Die Forscher gingen der Sache nach und beobachteten nun gezielt die als Flunder getarnten Kraken.

Selbst ruckhaftes Schwimmen der Flundern wird imitiert
Es zeigte sich, dass die Tiere nicht nur das Aussehen der Fische imitierten, sondern auch ihr Verhalten entsprechend anpassten. Wie der Pfauenbutt schmiegten die Oktopusse ihren Körper eng an den Meeresboden und ließen die eng angezogenen Arme quasi als Rückenflosse hinter sich her schweben. Wenn sie schwammen, taten sie dies mit den gleichen ruckhaften Bewegungen und Stopps wie die Fische. In Bezug auf ihre Farbanpassung an den Hintergrund, welche auch die Flundern beherrschen, erwiesen sich die Tintenfische allerdings als weit überlegen. Sie passten sich deutlich schneller und genauer an die Bodenmusterung und Farbe an als die Plattfische.

Der nachgeahmte Pfauenbutt in Nahaufnahme
Der nachgeahmte Pfauenbutt in Nahaufnahme
© MBL Der nachgeahmte Pfauenbutt in Nahaufnahme
Klarer Fall von echter Mimikry
„Wir waren beeindruckt von der außergewöhnlich guten Tarnung dieser kleinen Oktopusart, selbst als sie still und komplett ungeschützt auf dem freien Sand lag“, erklärt Hanlon. „Die Anpassung in Muster, Farbe, Helligkeit und der dreidimensionalen Textur war selbst im Verhältnis zu anderen Cephalopoden bemerkenswert.“ Hanlon und seine Kollegen haben zwar in Indonesien bereits zwei andere Arten bei der Fischmimikry ertappt, Macrotritopus defilippi ist jedoch der erste Tintenfisch im Atlantik, bei dem dies beobachtet wurde. Und weltweit ist der kleine Oktopus erst der vierte Fall überhaupt, bei dem nicht nur Tarnfärbung, sondern echte Mimikry, die gezielte Nachahmung von anderen Tieren, nachgewiesen wurde.

Steife, grätenreiche Flunder schreckt Fressfeinde ab
Warum aber imitieren die Oktopusse ausgerechnet die Pfauenbutte, wenn sie schon möglichst gut getarnt sein wollen? Noch muss dies weiter untersucht werden, doch die Forscher wagen bereits eine erste Vermutung: Im Gegensatz zum weichen, skelettlosen Tintenfisch sind die Plattfische eher steif und grätenreich – viele normalerweise auf Weichtiere fixierte Fressfeinde schreckt dies möglicherweise ab und schützt damit die getarnten Oktopusse vor einem Angriff.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Tintenfisch, Mimikry, Oktopus, Krake, Meer, Tarnung, Ozean, Meeresboden, Farbe, Farbänderung, Nachahmung, Plattfisch, Karibik, Biologie, Ökologie
Weitere News zum Thema
Klimawandel erleichtert Albatrossen die Nahrungssuche (13.01.2012)
Größte Vogelart passt Ernährungsverhalten den veränderten Windverhältnissen an
Schnecken und Muscheln sind Geschwister (09.09.2011)
Wissenschaftler erzeugen einmaligen Datensatz zur Rekonstruktion der Stammesgeschichte von Mollusken
Kupfer enthüllt Färbung fossiler Tiere (01.07.2011)
Metallverteilung ermöglicht Farbbestimmung auch nach Zerfall der Pigmente
Artgenossen-Kampf im Urzeit-Meer (09.05.2011)
Ichthyosaurier-Fossil mit Bissspuren eines Artgenossen in Australien entdeckt
Erstmals künstliche Nacktschnecken erzeugt (12.10.2010)
Platin-Ionen formen die Körpergestalt von Schnecken um
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Schatzkammer Ozean
Muster der Natur
Dossiers zum Thema
Tintenfische
Intelligente Anpassungskünstler unter Wasser
Maskenball im Tierreich
Tarnen und Täuschen als Überlebensstrategie
Die große Zählung
Bestandsaufnahme in den Meeren der Welt
Wunderwelt Ozean
Zehn Jahre Volkszählung im Meer - „Census of Marine Life“
Mustermacher der Natur
Auf der Suche nach dem molekularen Grundlagen der Musterbildung
Fabeltiere
Legenden, Tiere und die Fakten
News des Tages
Dinosaurier: Der Tod kam doch aus dem All
Oktopus tarnt sich als Flunder
Maus-Stammzellen: ungeeignetes Modell für den Menschen?
CeBIT: Giftiger Elektroschrott „versackt“ im Ausland
Karibik: Rätsel um unterseeische Lavaflächen
Photosynthese als „Biobatterie“
Zelle: „Scheunentor“ für Riesenproteine
Bücher zum Thema
Schatzkammer Ozean
Volkszählung in den Weltmeeren von Darlene Trew Crist, Gail Scowcroft und James M. Harding
Kunst der Tarnung
von Art Wolfe und Barbara Sleeper
Faszination Meeresforschung
Ein ökologisches Lesebuch von Gotthilf und Irmtraut Hempel sowie Sigrid Schiel
Fantastisches Tierreich
Zwischen Legende und Wirklichkeit von John Downer
Expedition Tiefsee
von Gregor Rehder
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes