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Oktopus tarnt sich als Flunder
Erster Beleg für echte Mimikry bei atlantischen Tintenfischen
Ein Langarm-Oktopus der Karibik tarnt sich auf ungewöhnliche Weise: Er zieht alle Arme an sich und passt sich in Musterung, Farbe und Form dem Aussehen einer Flunder an. Über diesen ersten Fall einer solchen Fisch-Mimikry bei Tintenfischen berichten Meeresforscher jetzt in „The Biological Bulletin“. Der Oktopus entgeht damit Angriffen seiner Fressfeinde.
Macrotritopus defilippi: links im Aquarium, rechts als Flunder getarnt am Meeresboden.
Macrotritopus defilippi: links im Aquarium, rechts als Flunder getarnt am Meeresboden.
© R. Hanlon/ MBL Macrotritopus defilippi: links im Aquarium, rechts als Flunder getarnt am Meeresboden.
In den offenen, sandigen Weiten des karibischen Meeresbodens finden Weichtiere wie die Kopffüßler kaum Schutz. Außerhalb der Korallenriffe fehlen Höhlen, Steine oder andere zum verstecken geeignete Strukturen, eine gute Tarnung ist daher hier der Schlüssel für das Überleben. Wenige Tiergruppen beherrschen diese Kunst so vollendet wie Kraken, Kalmare und Co. Denn ihre Haut besitzt ein einzigartiges System von anpassungsfähigen Farbzellen, die innerhalb von Sekunden die Farbe und Musterung des Tintenfischs komplett verändern können.

Krake als Plattfisch getarnt
Der Tintenfischexperte Roger Hanlon und seine Kollegen vom Meeresbiologischen Laboratorium in Woods Hole haben nun eine bisher unbekannte und sehr spezielle Form einer solchen Anpassung und Tarnung in der Karibik entdeckt. In Fotografien und Videoaufnahmen von freilebenden Langarm-Oktopussen der Art Macrotritopus defilippi stießen sie immer wieder auf Tiere, die auf den ersten Blick nicht einem Kraken, sondern einem auf den sandigen Meeresböden der in dieser Region häufigen Plattfisch glichen, dem Pfauenbutt Bothus lunatus. Die Forscher gingen der Sache nach und beobachteten nun gezielt die als Flunder getarnten Kraken.

Selbst ruckhaftes Schwimmen der Flundern wird imitiert
Es zeigte sich, dass die Tiere nicht nur das Aussehen der Fische imitierten, sondern auch ihr Verhalten entsprechend anpassten. Wie der Pfauenbutt schmiegten die Oktopusse ihren Körper eng an den Meeresboden und ließen die eng angezogenen Arme quasi als Rückenflosse hinter sich her schweben. Wenn sie schwammen, taten sie dies mit den gleichen ruckhaften Bewegungen und Stopps wie die Fische. In Bezug auf ihre Farbanpassung an den Hintergrund, welche auch die Flundern beherrschen, erwiesen sich die Tintenfische allerdings als weit überlegen. Sie passten sich deutlich schneller und genauer an die Bodenmusterung und Farbe an als die Plattfische.

Der nachgeahmte Pfauenbutt in Nahaufnahme
Der nachgeahmte Pfauenbutt in Nahaufnahme
© MBL Der nachgeahmte Pfauenbutt in Nahaufnahme
Klarer Fall von echter Mimikry
„Wir waren beeindruckt von der außergewöhnlich guten Tarnung dieser kleinen Oktopusart, selbst als sie still und komplett ungeschützt auf dem freien Sand lag“, erklärt Hanlon. „Die Anpassung in Muster, Farbe, Helligkeit und der dreidimensionalen Textur war selbst im Verhältnis zu anderen Cephalopoden bemerkenswert.“ Hanlon und seine Kollegen haben zwar in Indonesien bereits zwei andere Arten bei der Fischmimikry ertappt, Macrotritopus defilippi ist jedoch der erste Tintenfisch im Atlantik, bei dem dies beobachtet wurde. Und weltweit ist der kleine Oktopus erst der vierte Fall überhaupt, bei dem nicht nur Tarnfärbung, sondern echte Mimikry, die gezielte Nachahmung von anderen Tieren, nachgewiesen wurde.

Steife, grätenreiche Flunder schreckt Fressfeinde ab
Warum aber imitieren die Oktopusse ausgerechnet die Pfauenbutte, wenn sie schon möglichst gut getarnt sein wollen? Noch muss dies weiter untersucht werden, doch die Forscher wagen bereits eine erste Vermutung: Im Gegensatz zum weichen, skelettlosen Tintenfisch sind die Plattfische eher steif und grätenreich – viele normalerweise auf Weichtiere fixierte Fressfeinde schreckt dies möglicherweise ab und schützt damit die getarnten Oktopusse vor einem Angriff.
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