Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 04.02.2012
Schwangerschaftshormon auch in Walnussbäumen
Forscher weisen Progesteron in höheren Pflanzen nach
Das Progesteron ist als Sexualhormon bei Tieren und Menschen seit rund 80 Jahren bekannt. Eine jetzt in der Fachzeitschrift „Journal of Natural Products“ online veröffentlichte Studie zeigt nun, dass Progesteron und verwandte Substanzen auch in höheren Pflanzen vorkommen – zumindest im Walnussbaum und im Adonisröschen. Welche Funktion die Substanzen bei den Pflanzen haben, ist zurzeit aber noch unklar.

Früchte und Blätter des Walnussbaums
Früchte und Blätter des Walnussbaums
© Letrek / GFDL Früchte und Blätter des Walnussbaums
Progesteron ist ein Sexualhormon, das - produziert von der Plazenta - unter anderem die Schwangerschaft aufrecht erhält. „Während die physiologische Bedeutung des Progesterons im menschlichen Organismus gut untersucht zu sein scheint, ist sie es bei den vaskulären Pflanzen nicht“, sagt Bernhard Glodny von der Medizinischen Universität Innsbruck, der zusammen mit Professor Guido F. Pauli von der University of Illinois in Chicago für die neuen Erkenntnisse verantwortlich ist.

Nebenprodukt der Krebsforschung
Der Fund von Progesteron in den Blättern des Walnussbaumes ist ein Nebenprodukt der Suche nach neuen anti-tumoralen Wirkstoffen. Die Arbeiten des Forscherteams fußen auf einer einfachen Beobachtung im Garten, wonach das Laub des Walnussbaumes das Wachstum des Grases und der Blumen hemmte.

„Auf der Suche nach dem wachstumshemmenden Prinzip von Extrakten dieser Blätter stießen wir eines Tages, nach jahrelanger Arbeit, am Rande einer Gruppe von neuartigen, maligne Tumore hochwirksam hemmenden Substanzen auf einen farblosen Feststoff, der zwar nicht auf die Tumorzellen wirkte, aber bereits in reiner Form vorlag“, so Glodny.

Spirophantigenin im Adonisröschen
Die massenspektrometrischen und magnetresonanzspektroskopischen Daten dieser drei Milligramm des Isolates waren komplex und konnten belegen, dass es sich um Progesteron handelte. Im Zuge paralleler Untersuchungen fand das Team um Glodny fast zeitgleich auch im Adonisröschen, einem tiefrot blühenden Hahnenfußgewächs, neuartige Steroide aus den Gruppen der Pregnenolone, sowie eine dem Cardenolid Strophanthidin verwandte neuartige Substanz, das Spirophantigenin.

Für die Wissenschaftler erscheint es nun wahrscheinlich, dass es sich bei diesen Steroiden um archaische, universell vorkommende Bioregulatoren handelt, deren Bedeutung im Falle des Progesterones bei Pflanzen erst noch untersucht werden muss.

Naturstoffe für die Medizin
Auf der Grundlage derartiger Erkenntnisse lassen sich in weiterer Folge tiefere Einblicke in die Funktionsweise dieser Stoffe bei Pflanze und Tier und damit auch ein medizinisch-relevanter Nutzen erwarten, so die Forscher. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass dem Einsatz moderner Analytik in der biomedizinischen Forschung und der Arbeit an Naturstoffen weiterhin erhebliche Bedeutung zukommt.

So wie es inzwischen mit Hilfe chromatographischer Trennverfahren möglich geworden ist, eine Substanz sogar aus dem Parts-Per-Million Bereich oder weniger präparativ aufzureinigen, will man in Zukunft auch andere nicht-peptidische Hormone, die sich einer Separierung bislang widersetzt haben - etwa die blutdrucksenkenden Hormone der Niere, Medullipin und Angiolysin – versuchen zu isolieren und damit Strukturanalysen zugänglich zu machen.

„Letztlich geht es darum, hochwirksame, zum Teil endogene Naturstoffe für die Medizin und hier vor allem für die Krebstherapie nutzbar zu machen“, betont Glodny.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Pflanzen, Progesteron, Walnussbaum, Sexualhormone, Adonisröschen, Natur, Krebs, Wirkstoffe, Blätter, Medikamente, Tumore
Weitere News zum Thema
Vulkanausbrüche lösten die Kleine Eiszeit aus (01.02.2012)
Forscher finden Ursache der nachmittelalterlichen Kälteperiode
Hitzewellen schädigen Weizen mehr als gedacht (30.01.2012)
Neue Sorten müssen zukünftig gezielt an heiße Tage angepasst werden
Neu angelegte Feuchtgebiete können natürliche nicht ersetzen (26.01.2012)
Renaturierte Flächen speichern auch Jahrzehnte später noch weniger Kohlenstoff
Rätsel um Bienen- Fortpflanzung gelöst (24.01.2012)
Forscher finden ersten Beweis für genetische Steuerung
Gentech-Mikrobe erzeugt Biokraftstoff aus Seetang (20.01.2012)
Bakterium baut Zucker in Braunalgen effektiv zu Ethanol um
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Medizinpflanzen
Pflanzen mit Gefühl
Krebs
Dossiers zum Thema
Die Macht der Hormone
Alleskönner, Jungbrunnen und Liebestrank?
Phytohormone
Überlebenswichtige Botenstoffe im Pflanzenreich
Pflanzen unter Stress
Abwehrstrategien gegen Mensch, Mikrobe und Chemie
Chemische Keule und betörender Duft
Verteidigungsstrategien von Pflanzen
Pflanzen mit Gefühl
Streit um die Neurobiologie von Sonnenblume, Salat und Co.
Viren und Krebs
Entdeckungsgeschichte einer „unmöglichen“ Beziehung
Arzneimittelforschung
Mit Hightech auf der Suche nach Naturwirkstoffen
Pflanzenmedizin
Arzneimittel aus der „Apotheke“ der Natur
News des Tages
Riesendinos kauten nicht, sie schlangen
Schwangerschaftshormon auch in Walnussbäumen
Quantum dots überraschen Forscher
Photonischer Computer rechnet gedankenschnell
HIV: Tempo des Immunverfalls nicht entscheidend für Krankheitsprognose
Hormone aus der Bierdose
"Plastic Planet": Meere werden zu Müllkippen
Bücher zum Thema
Einführung in die Ökologie
von Wolfgang Tischler
Wie die Pflanzen zu ihren Namen kamen
Eine Kulturgeschichte der Botanik von Anna Pavord
Sechs Pflanzen verändern die Welt
Chinarinde, Zuckerrohr, Tee, Baumwolle, Kartoffel, Kokastrauch von Henry Hobhouse
Feuerwerk der Hormone
Warum Liebe blind macht und Schmerzen weh tun müssen von Marco Rauland
Medikamente bei Krebs
von Annette Bopp
Top-Clicks der Woche
1. Wie der Maulwurf zu zwölf Fingern kommt
2. Pythons gefährden Säugetiere der Everglades
3. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
4. Spinnen: Mehr Nachwuchs durch Selbst-Kastration
5. Light-Limonaden erhöhen Schlaganfall-Risiko