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Freitag, 10.02.2012
Ziehende Insekten schneller als Zugvögel
Schmetterlinge nutzen gezielt Rückenwinde als Flughilfe ins Winterquartier
Einige Schmetterlinge und Motten fliegen jedes Jahr genauso weit wie die Zugvögel – und sind dabei sogar deutlich schneller. Wie sie es schaffen, eine Geschwindigkeit von mehr als 100 Kilometer pro Stunde zu erreichen, haben jetzt britische Forscher aufgeklärt. Wie sie in „Science“ berichten, nutzen die Tiere dafür gezielt Luftbereiche mit starkem Rückenwind.

Admiral (Vanessa atalanta)
Admiral (Vanessa atalanta)
© Luc Viatour / GFDL Admiral (Vanessa atalanta)
Nicht nur Zugvögel wandern in den Süden, wenn es Winter wird, auch viele Insekten in Mittel- und Nordeuropa weichen so der kalten Jahreszeit aus. So fliegen beispielsweise einige Schmetterlinge und Mottenarten aus England jedes Jahr bis ans Mittelmeer, um erst im Frühjahr wiederzukehren. Wie es den kleinen Tieren allerdings gelingt, die tausende von Kilometern lange Reise durchzustehen, fasziniert Forscher und Laien schon seit langem.

Flugüberwachung per Radar
Jetzt hat ein interdisziplinäres Forscherteam des Rothamsted Research Institute, des britischen Met Office, des Natural Resources Institute sowie der Universitäten Exeter, Greenwich und York das Zugverhalten der Insekten genauer untersucht. Zum einen setzten die Forscher ein speziell entwickeltes Radarinstrument ein, mit dem sie die Flugbewegungen von wandernden Schmetterlingen und Motten noch in Flughöhen von hunderten Metern über dem Erdboden nachverfolgen konnten.

Dank Rückenwind schneller als Zugvögel
Damit stellten sie fest, dass die Tiere mit Geschwindigkeiten von mehr als 100 Kilometern pro Stunde flogen. Aber wie konnte sie diese erreichen und vor allem über längere Zeit beibehalten? Eine Lösung des Rätsels ergaben die ebenfalls gemessenen Windgeschwindigkeiten: Es zeigte sich, dass die Insekten die in größeren Höhen wehenden Rückenwinde ausnutzten, um sich „anschieben“ zu lassen.

„Wir kombinierten die Resultate der Radarmessungen des Mottenfluges mit den Ergebnissen eines Modells der atmosphärischen Zirkulation“, erklärt Laura E. Burgin vom Rothamsted Research Institute. „Das zeigte, dass Insekten durch Ausnutzen von passenden Winden sogar schneller fliegen können als Zugvögel – was angesichts ihrer vergleichsweise kurzen Lebenspanne auch wichtig ist.“

Zufall oder gezielte Taktik?
Die Frage war allerdings, inwieweit die Insekten eher zufällig in diese Rückenwindströme gerieten und sich dann einfach ungezielt mittragen ließen, oder ob sie die Fähigkeit besaßen, gezielt solche Zonen südwärts wehender Winde anzusteuern und für ihren Kurs zu nutzen. Um dies zu klären, entwickelten die Wissenschaftler ein Computermodell, das die beobachteten Geschwindigkeiten und Flugbahnen mit denen fiktiver zufällig mitgetragener Insekten verglich.

Das Ergebnis: die beobachteten Motten und Schmetterlinge waren fast doppelt so schnell und sehr viel näher an der für ihr Ziel günstigsten Flugbahn als ein zufällig windverdriftetes Insekt. Offenbar besitzen die Tiere eine Art Kompass-Sinn, der es ihnen ermöglicht, gezielt Winde anzusteuern, die sie in die gewünschte Richtung bringen. Zusätzlich führen sie kleinere Kurskorrekturen durch, wie die Radarmessungen zeigten, die sie in der gewünschten Flugbahn halten.

Gesamte Strecke in nur wenigen Tagen
„Ziehende Schmetterlinge und Motten haben die erstaunliche Fähigkeit entwickelt, vorteilhafte Rückenwinde auszunutzen“, erklärt Jason W. Chapman vom Rothamsted Research Institute. „Indem sie nachts fliegen, wenn die Luftströmungen am schnellsten sind, können wandernde Motten innerhalb von nur wenigen Tagen zwischen ihren Winter- und Sommerquartieren wechseln.“

Wichtig ist das Wissen um das Zugverhalten der Insekten unter anderem auch deshalb, weil viele der wandernden Arten bedeutende landwirtschaftliche Schädlinge sind. Da die mit dem Klimawandel einher gehende Erwärmung zukünftig auch neue Arten weiter nach Norden bringen wird, ist die Kenntnis ihrer Migrationsstrategien eine Hilfe, um potenzielle Gefahren für den Pflanzenanbau vorhersagen zu können, so die Forscher in ihrem „Science“-Artikel.
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