Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 11.02.2012
Wasserstoff aus dem Reagenzglas
Forscher isolieren Wasserstofffabrik einer Grünalge zur effektiven Energiegas-Erzeugung
Seit langem suchen Forscher umweltfreundliche Methoden, um Wasserstoffs als Energieträger umweltfreundlich und effektiv herzustellen. Bisher ohne großen Erfolg. Doch jetzt ist es Bochumer Biologen gelungen, das natürliche Wasserstoffsystem einer Alge zu isolieren und die Produktion ins Reagenzglas zu verlegen. Dieses System erzeugt sechsmal mehr Wasserstoff als bisherige Ansätze und ebnet den Weg zur Optimierung der Wasserstoffausbeute, wie die Forscher jetzt im „Journal of Biological Chemistry“berichten.

Unter Nähstoffmangel fließen bei Grünalgen die in der Photosynthese durch Lichtaufnahme angeregten Elektronen aus der Wasserspaltung in die H2-Bildung.
Unter Nähstoffmangel fließen bei Grünalgen die in der Photosynthese durch Lichtaufnahme angeregten Elektronen aus der Wasserspaltung in die H2-Bildung.
© RUB Unter Nähstoffmangel fließen bei Grünalgen die in der Photosynthese durch Lichtaufnahme angeregten Elektronen aus der Wasserspaltung in die H2-Bildung.
Für die Grünalge Chlamydomonas reinhardtii ist die Wasserstoffproduktion eine Notlösung. Während sie die durch die Photosynthese gewonnene Energie unter normalen Bedingungen in Zellvermehrung und Wachstum investiert, fehlen ihr dafür bei Nährstoffmangel die Bausteine. Um die bei der Photosynthese aus Lichtenergie gewonnenen Elektronen trotzdem loszuwerden, setzt die Alge sie mit Hilfe eines speziellen Enzyms, der Hydrogenase, mit Protonen zu Wasserstoff um, den sie an ihre Umgebung abgibt. Schon lange experimentiert die Forschung mit Algenreaktoren, die auf diese Weise Wasserstoff herstellen.

Algenfabrik ins Reagenzglas verpflanzt
„Dieser langgehegte Traum der Forschung von der Erschließung der Solarenergie konnte bislang aber leider nur sehr ineffektiv umgesetzt werden", erklärt Professor Thomas Happe von der Ruhr-Universität Bochum. In Zusammenarbeit mit Kollegen der Universität Münster ist es den Bochumer Forschern nun jedoch gelungen, den bislang nur unzureichend verstandenen grünalgenspezifischen Prozess der Wasserstoffbildung durch Kombination der Hydrogenase mit ausgewählten Proteinen der Photosynthesekette im Reagenzglas nachzubilden.

Sie isolierten dafür getrennt voneinander die für die Lichtaufnahme erforderlichen Photosynthesekomplexe, das als Elektronenvermittler dienende Ferredoxin PetF und die wasserstoffproduzierende [FeFe]-Hydrogenase HydA1, die sie dann unter Belichtung vereinten. „Bereits nach wenigen Minuten ist eine deutlich lichtabhängige Wasserstoffbildung feststellbar, die nur einsetzt, wenn alle drei Komponenten enthalten sind", so Happe.

Rekonstruktion der lichtabhängigen Wasserstoffproduktion von Grünalgen im 
Reagenzglas.
Rekonstruktion der lichtabhängigen Wasserstoffproduktion von Grünalgen im Reagenzglas.
© RUB Rekonstruktion der lichtabhängigen Wasserstoffproduktion von Grünalgen im 
Reagenzglas.
Sechsmal mehr Wasserstoff als in bisherigen künstlichen Systemen
Die Wasserstoffbildung durch die natürlichen Komponenten im Reagenzglas zeigte sich dabei erstaunlich effektiv im Vergleich mit anderen Ansätzen. Erst kürzlich berichteten US-amerikanische Forscher aus Tennessee von der Etablierung eines semiartifiziellen Systems zur lichtgetriebenen
Wasserstoffproduktion mit flächig aufgelagerten Photosynthesekomplexen und Platin-Nanopartikeln, welche die Katalysatorfunktion einer Hydrogenase ersetzen. Ihren Angaben zufolge liegt die Ausbeute, die mit einer großtechnischen Anlage unter optimalen Bedingungen gewonnen werden könnte, um
eine Größenordnung über der Kraftstoffausbeute, die heute mit landwirtschaftlichen Mitteln in der Produktion von Biodiesel oder Bioethanol erzielt werden kann.

„Die in dieser Studie erreichte Wasserstoffbildungsrate von hochgerechnet drei Litern pro Gramm Chlorophyll und Tag wird vom natürlichen System der Grünalgen bereits im Reagenzglas um das sechsfache übertroffen", entgegnet Happe.

Wechselwirkung im Detail geklärt
Ferner gelang es der Bochumer Arbeitsgruppe, den genauen Kopplungsmechanismus von Photosynthese und Wasserstoff-bildendem Enzym experimentell auf molekularer Ebene aufzuklären. Von entscheidender Bedeutung scheinen dabei hochgradig spezifische Ladungswechselwirkungen zwischen den Proteinoberflächen von Ferredoxin und Hydrogenase zu sein.

„Mit dem Verständnis dieser Protein-Protein- Wechselwirkung eröffnen sich nun verschiedene Möglichkeiten zur Optimierung der natürlichen Wechselwirkungseffizienz beider Proteine", schätzt Happe. "Das könnte in Zukunft sowohl mit dem lebenden Organismus als auch mit enzymbasierten semiartifiziellen Systemen eine wirtschaftlich interessante und ökologisch vorbildliche Wasserstoff- Produktion ermöglichen."
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Wasserstoff, Photosynthese, Energie, Licht, Alge, Grünalge, Wasserspaltung, erneuerbare Energie, Gas, Biotechnologie
Weitere News zum Thema
Junge Fliegen duften besser (10.02.2012)
Jugendlicher Geruch wirkt auf Artgenossen attraktiver
Umweltgifte schwächen Impfschutz von Kindern (26.01.2012)
Perfluorierte Tenside hemmen schützende Immunreaktion
Mikrobe schützt Ostsee vor Ausbreitung von Todeszonen (23.01.2012)
Bakterium baut giftigen Schwefelwasserstoff ab und verringert Überdüngung
Forscher kreieren molekulares Legospiel (23.01.2012)
Komplexe Nanostrukturen bilden sich in gesteuerter Selbstorganisation
Arktisches Ozonloch droht vermutlich öfter (19.01.2012)
Ungewöhnlich tiefe Temperaturen in der Stratosphäre verstärken Ozonabbau
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Licht
Batterien der Zukunft
Ökostrom
Brennstoffzellen
Solarenergie
Dossiers zum Thema
Spione im Kraftwerk der Natur
Auf der Suche nach der künstlichen Fotosynthese
Mini-Kraftwerke für Zuhause und unterwegs
Brennstoffzellen – wie weit ist die Entwicklung?
Brennstoffzellen
Alleskönner auf Wasserstoffbasis?
Solarenergie
Das Öl der Zukunft
Erneuerbare Energien
Welche Zukunft haben die "Ressourcen der Zukunft"
Kohle aus dem "Dampfkochtopf"
Neue Methode verwandelt Biomasse in wertvolle Rohstoffe
News des Tages
Enceladus: Eisausbruch nur alle 100 Millionen Jahre
Licht streut Licht
Wasserstoff aus dem Reagenzglas
Epstein-Barr-Viren: „Pause“ täuscht Immunsystem
Stickstoff weniger träge als gedacht
Glaskäfig für Riesenatome
Parkinson: Vitamin B6 wichtiger Einflussfaktor
Bücher zum Thema
Erneuerbare Energien
Mit neuer Energie in die Zukunft von Sven Geitmann
Öko
Al Gore, der neue Kühlschrank und ich von Peter Unfried
Was sind die Energien des 21. Jahrhunderts?
Der Wettlauf um die Lagerstätten von Hermann-Josef Wagner
50 einfache Dinge, die Sie tun können, um die Welt zu retten...
von Andreas Schlumberger
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Jeder Vierte stirbt an Krebs
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes