Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Mittwoch, 08.02.2012
Meeresspiegel: Anstieg bis neun Meter schon bei zwei Grad Erwärmung
Polareis reagiert sensibler auf gemäßigte Erwärmung als angenommen
Die polaren Eisdecken reagieren auf gemäßigte Temperaturanstiege viel sensibler als bisher angenommen. Schon bei zwei Grad Erwärmung könnten sie langfristig um sechs bis neun Meter ansteigen. Das zeigt eine jetzt in „Nature“ veröffentlichte Auswertung amerikanischer Forscher. Die Weichen für ein Abtauen der Eiskappen Grönlands und der Antarktis werden vermutlich noch in diesem Jahrhundert gestellt.

Das Eis schmilzt
Das Eis schmilzt
© NOAA
In der letzten Zwischeneiszeit, vor rund 125.000 Jahren, lagen die polaren Temperaturen um rund drei bis fünf Grad Celsius über den heutigen. Auch die Meeresspiegel waren entsprechend höher. Damit dient diese Ära den Klimaforschern als wichtiges Modell einer zukünftigen warmen Erde. Denn die damaligen Temperaturen entsprechen heute einer globalen Erwärmung von zwei bis drei Grad über vorindustriellem Niveau. Allerdings geben die auf lokalen Daten beruhenden Rekonstruktionen der Zwischeneiszeit immer nur ein unvollständiges Bild, da sich die Meeresspiegel nicht überall gleich verhalten.

Jetzt haben Forscher der Universität Princeton in den USA erstmals solche lokalen Daten weltweit zusammengetragen und diese mit Modellen der dahinterstehenden physikalischen Mechanismen verknüpft. Mit Hilfe eines neuen statischen Modells erstellten die Wissenschaftler so eine neue vollständigere Rekonstruktion der vergangenen Meeresspiegelhöhen und der Raten ihrer Veränderung.

Sechs bis neun Meter Anstieg bei zwei Grad Erwärmung
Die Rekonstruktion ergab, dass die Meeresspiegel in der letzen Zwischeneiszeit mit 95 prozentiger Wahrscheinlichkeit mehr als 6,6 Meter über dem heutigen Niveau lagen. Zudem stiegen sie mindestens zwei bis drei Mal schneller als zurzeit. Sowohl die grönländische als auch die antarktische Eiskappe schrumpfen in dieser Phase signifikant.

Für eine zukünftige Entwicklung bedeutet dies, dass die Meeresspiegel schon bei zusätzlichen zwei Grad Erwärmung um sechs bis neun Meter ansteigen könnten. Eine solche Entwicklung würde die tiefer liegenden Küstengebiete überfluten und damit Millionen von Menschen betreffen. Der Großteil Bangladeschs und der Niederlande, New Orleans und Teile des südlichen Louisiana sowie Florida würden im Meer versinken, wenn nicht teure und aufwändige Maßnahmen zum Küstenschutz ergriffen werden.

Weichen werden in diesem Jahrhundert gestellt
Die Forscher betonen, dass ein solcher Anstieg zwar im Laufe von wenigen Jahrhunderten abgeschlossen sein würde, dass aber die Weichen für diese Entwicklung schon in diesem Jahrhundert gestellt werden.

„Die letzte Zwischeneiszeit liefert uns eine historische Analogie für eine Zukunft mit einer gemäßigten Erwärmung“, erklärt Robert Kopp, Geowissenschaftler an der Universität Princeton. „Die hohen Meeresspiegel während dieser Phase deuten darauf hin, dass weite Teile der großen Eisdecken innerhalb von Jahrhunderten verschwinden könnten. Wenn die globale Wirtschaft allerdings weiter so stark von fossilen Brennstoffen abhängig bleibt, werden wir am Ende dieses Jahrhunderts eine deutlich stärkere Erwärmung erreichen als in der letzten Zwischeneiszeit. Das finde ich ziemlich besorgniserregend.“

Mahnende Botschaft nach Kopenhagen
Noch allerdings ist nicht klar, wie lange die erhöhten Temperaturen anhalten müssen, damit der kritische Schalter umgelegt wird, der diesen Prozess in Gang setzt. Dazu sind die zeitlichen Abläufe der Zwischeneiszeit noch nicht genau genug aufgeschlüsselt. „Doch trotz dieser Unsicherheiten könnten diese Ergebnisse eine starke Botschaft an die in Kopenhagen verhandelnden Regierungen senden, dass die Zeit, um fatale Folgen abzuwenden schneller ablaufen könnte als gedacht“, so Michael Oppenheimer, Professor für Geowissenschaften und internationale Angelegenheiten an der Princeton Universität.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Klimagipfel, Antarktis, Grönland, Pole, Eis, Gletscher, Klimawandel, globale Erwärmung, Treibhausgase, CO2
Weitere News zum Thema
Klimagipfel in Durban: Es bleibt das Prinzip Hoffnung (12.12.2011)
Enttäuschung über die Beschlüsse der Weltklimakonferenz überwiegt
Klimaschutz-Index 2012: Deutschland auf Platz 6 (07.12.2011)
Weltweite Koalition der Verantwortungsvollen muss voran gehen
Geo-Engineering per CO2-Filter lohnt sich nicht (06.12.2011)
Forscher errechnen Kosten und Energieverbrauch von Air-Capture Verfahren
Treibhausgas-Emissionen erreichten 2010 neues Rekordhoch (05.12.2011)
Weltwirtschaftskrise führte nur zu kurzfristiger Abnahme des CO2-Ausstoßes
Globale Erwärmung begünstigt Fisch-Parasiten (05.12.2011)
Klimawandel stört biologisches Gleichgewicht und führt zu Einbußen im Fischfang
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Grönland
Arktis
Klimagipfel 2009 - Akteure
Antarktis
Verlierer Mensch?
Dossiers zum Thema
Antarktis
Am eisigen Ende der Welt
Grönland im Schwitzkasten
Eisiges Naturparadies in Gefahr
Meereis adé?
Erster internationaler Polartag für eine schwindende Eiswelt
Gletscher
Weiße Riesen auf dem Rückzug
Klima: Letzte Chance Kopenhagen
Der 15. Weltklimagipfel: Klimaschutz wohin?
Verlierer Mensch?
Folgen des Klimawandels für die menschliche Gesellschaft
Klimawandel in Deutschland
Wie verändert sich unser Klima bis 2100?
Lake Wostok
Rätselhafte Wasserwelt im ewigen Eis
Wohin mit dem CO2?
Auf der Suche nach „Endlagern“ in Untergrund und Ozeanen
Eiszeiten
Die frostige Vergangenheit der Erde...
News des Tages
Meeresspiegel: Anstieg bis neun Meter schon bei zwei Grad Erwärmung
Glitzernder See auf Saturnmond Titan
Forscher schaukeln Atome
"Man ist, was man isst" gilt auch für Nager
Komponieren für "Dummies"
Zugvögel: Immer der Nase nach
Klima-Extreme lassen Bäume verschwinden
Bücher zum Thema
Antarktis
Forschung im ewigen Eis von Norbert W. Roland
Zu den Kältepolen der Erde
von Klaus Fleischmann
Gletscher im Treibhaus
Eine fotografische Zeitreise in die alpine Eiszeit von Wolfgang Zängl
Logbuch Polarstern
Expedition ins antarktische Packeis von Ingo Arndt und Claus-Peter Lieckfeld
Wetter, Klima und Klimawandel
Wissen für eine Welt im Umbruch von Nadja Podbregar, Harald Frater und Karsten Schwanke
Die Erde schlägt zurück
Wie der Klimawandel unser Leben verändert von Eva Goris und Claus-Peter Hutter
Eine unbequeme Wahrheit
von Al Gore, Richard Barth, Thomas Pfeiffer
Wir Wettermacher
von Tim Flannery
Der Klimawandel
von Stefan Rahmstorf und Hans J. Schellnhuber
Wetterkatastro- phen und Klimawandel
Sind wir noch zu retten? von Hartmut Grassl u. a.
Die Eiszeiten
Naturgeschichte und Menschheitsgeschichte von Hansjürgen Müller-Beck
Top-Clicks der Woche
1. Wie der Maulwurf zu zwölf Fingern kommt
2. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Erster Nano-Blick in das lebende Gehirn
5. Tempolimit auf dem Quanten-Highway