Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 19.03.2010
Auch Spinone halten zusammen
Phänomen aus der Teilchenphysik erstmals in kondensierter Materie nachgewiesen
Der Begriff „Confinement“ besagt, dass bestimmte Teilchen nicht isoliert vorkommen. Ganz offensichtlich ist dieses Bauprinzip am Beispiel der Quarks zu erkennen, den Elementarteilchen, aus denen die Protonen und Neutronen bestehen. Ein internationales Wissenschaftlerteam hat nun in einem Experiment über das die Fachzeitschrift „Nature Physics“ berichtet, nachgewiesen, dass das Prinzip des Confinement auch in kondensierter Materie, also in Feststoffen existiert.

Gluonen wirken zwischen Quarks im Atomkern
Gluonen wirken zwischen Quarks im Atomkern
© MMCD/Universum Gluonen wirken zwischen Quarks im Atomkern
Dem Confinement liegt die Theorie der starken Wechselwirkung zugrunde. Danach sind die Teilchen, zum Beispiel Quarks, durch eine Kraft aneinander gebunden, deren Stärke wächst, je weiter die Teilchen voneinander entfernt sind, also je mehr man versucht, sie zu trennen. Irgendwann wird die aufgewendete Energie so groß, dass sie zur Paarbildung ausreicht. Dabei entsteht ein Quark-Antiquark-Paar.

Spin-Leiter aus Kupferoxid-Molekülen
In den 1990er Jahren hat ein Team um Professor Alexei Tsvelik vom Brookhaven National Laboratory in den USA eine Theorie entwickelt, nach der ein analoger „Confinement Prozess“ auch in Festkörpern existieren müsste. Die Voraussetzungen dafür hat Tsvelik in so genannten Spin-Leitern gesehen. Professorin Bella Lake vom Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) und ihre Kollegen haben diese Theorie nun erstmals im Experiment bestätigt.

In dem untersuchten Kristall besteht die Spin-Leiter aus Kupferoxid-Molekülen, die zu einer Kette aufgereiht sind. Aufgrund einer starken elektronischen Wechselwirkung bilden zwei solcher Ketten die „Beine“ der Leiter. Das Besondere an den einzelnen Ketten ist, dass sich die Elektronen im Zusammenspiel anders verhalten als einzelne Elektronen. Normalerweise zeichnen sich einzelne Elektronen jeweils durch ihre Elementarladung und ihren magnetischen Spin aus. In der Kette jedoch separieren sich die Eigenschaften Spin und Ladung voneinander.

Bildung von Spinon-Paaren
Lake und ihre Kollegen konnten mithilfe von Neutronenstreu-Experimenten nachweisen, was genau passiert: Sobald zwei Kupferoxid-Ketten eine Spin-Leiter bilden, rekombinieren die separierten Spin-Teile in neuartiger Weise. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die angeregten Spin-Ketten, so genannte Spinone, in ähnlicher Weise wie Quarks eingeschlossen und zusammengehalten werden“, erklärt die Forscherin. Auch hier wird - je mehr Energie man aufwendet - die zusammenhaltende Kraft immer stärker bis es schließlich zur Bildung von Spinon-Paaren kommt.

Professor Alan Tennant, Leiter des Instituts „Komplexe Magnetische Materialien“ am HZB, erläutert den Prozess: „Die Geometrie der Leiter spielt eine wesentliche Rolle: Spinone finden sich immer zu Paaren zusammen, und diese Paarbildung kostet Energie. Sobald sich also Spinone voneinander entfernen, steigt auch der Energiebetrag, der notwendig ist, um ein benachbartes Elektron zur Paarbildung anzuregen. Man kann sich das wie bei einem Gummiband vorstellen. Je weiter es auseinander geht, umso mehr Energie wird für den Zusammenhalt aufgewendet.“

Parallele zur Teilchenphysik
Lake betont die Parallele zur Teilchenphysik: „Diese starke Tendenz, die Spinone zur Paarbildung haben, ist vergleichbar mit den Kräften, die die Quarks zusammenhalten, sodass sie subatomare Teilchen - zum Beispiel Hadronen (zu denen die Protonen und Neutronen gehören) - bilden können.“

Und Alexei Tsvelik, der die Theorie entwickelt hat, sagt zur Bedeutung des experimentellen Nachweises: „Wie Hadronen gebildet werden, können wir qualitativ sehr gut beschreiben. Jedoch sind viele quantitative Aspekte bis heute nicht verstanden. Zum Beispiel können wir theoretische Parameter nicht in Einklang bringen zu der im Experiment nachgewiesenen Masse von Hadronen. Dies ist einer der Gründe, warum Analogien zu Berechnungen und Experimenten in kondensierter Materie wichtig sind. Sie könnten Beispiele sein, anhand derer wir das Prinzip des Confinement besser beschreiben könnten.“

Erfolgreiche Kooperation
Die Neutronen-Experimente haben die Wissenschaftler an magnetischen Kalzium-Kuprat-Kristallen durchgeführt, einer Kupferoxid-Verbindung. Sie wurde im Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden synthetisiert. Die Spin- und Kristallstruktur wurde aus Neutronendaten aufgeklärt, die am Instrument E5 des Forschungsreaktors BER II in Berlin gemessen wurden. Für weitere Neutronen-Experimente wurde eine spezielle Technik zur Untersuchung magnetischer Dynamiken benötigt, die am Rutherford Appleton Laboratory, Großbritannien, mit seiner gepulsten Neutronenquelle, ISIS, zur Verfügung stand.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Quarks, Elementarteilchen, Protonen, Neutronen, Spinone, Moleküle, Physik, Kupferoxid, Spin, Elektronen
Weitere News zum Thema
Symmetriebrüche in kosmischer „Ursuppe” (17.02.2010)
Teilchenbeschleuniger erzeugt winzige Blasen symmetriebrechender Quarks
Gravitationswellen entlarven seltsame Sternleichen (02.02.2010)
Wie man Neutronensterne aus ungewöhnlicher Materie aufspüren kann
Seltsame Xi-Teilchen überraschen Forscher (22.10.2009)
Erstmals Xi-Teilchen in Kollisionen von Atomkernen bei geringen Energien gefunden
Kürzeste Lichtblitze aus ultraheißer Materie (06.10.2009)
Schwerionenkollisionen könnten Yoktosekunden-Pulse erzeugen
„Klebeteilchen" der Materie erforscht (27.07.2009)
Physiker untersuchen das Verhalten von Gluonen bei einem kurzlebigen Materiezustand
Suche
Erweiterte Suche
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Teilchenschleuder LHC
Zoom aufs Atom
Dossiers zum Thema
Zoom aufs Atom
Reise in den Mikrokosmos
Nanotechnologie
Baukastenspiele im Reich des Allerkleinsten
LHC: Ein Riese erwacht
Startschuss für den größten Teilchenbeschleuniger der Welt
Das Mysterium der Masse
Die Suche nach dem Higgs-Teilchen
Urknall im Speicherring
Teilchenphysiker auf der Suche nach dem Ursprung des Universums
Das Geheimnis des richtigen Spins
Auf der Suche nach ferromagnetischen Halbleitern für elektronische Bauteile
News des Tages
Schwarze Löcher "bauen" sich ihre Galaxie
Eisschmelze mit Turbo-Effekt
HIV-Epidemie: Kein Ende in Sicht
Auch Spinone halten zusammen
LHC mit Weltrekord bei Protonenenergien
Sterne entstehen meist im Verborgenen
Mittelgebirge: Skifahren ade?
Bücher zum Thema
Donnerwetter - Physik
von Peter Häußler
Nanotechnologie für Dummies
Spannende Entdeckungen aus dem Reich der Zwerge von Richard D. Booker und Earl Boysen
Faszination Nanotechnologie
von Uwe Hartmann
Abschied von der Weltformel
Die Neuerfindung der Physik von Robert B. Laughlin
Die Welt hinter den Dingen
von Ludwig Schultz und Hermann- Friedrich Wagner
Wissen hoch 12
Ergebnisse und Trends in Forschung und Technik von Harald Frater, Nadja Podbregar und Dieter Lohmann
Top-Clicks der Woche
1. Radioaktivität tatsächlich „Heizofen“ des Erdinneren
2. Licht verbiegt Materie
3. Gehirn liebt keine Überraschungen
4. Neuer langlebigerer Akku für mobile Geräte
5. Neue Belege für “Schneeball Erde”