Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 11.02.2012
Sedimentkerne enthüllen Meeresspiegel-Wippe
Erste Ergebnisse der IODP New Jersey Meeresspiegel-Expedition vorgelegt
Wissenschaftler haben im Rahmen des Integrierten Ozean-Bohrprogramms (IODP) in den flachen Gewässern vor der Küste des US-Bundesstaats New Jersey Sedimentkerne erbohrt, die überraschende neue Ergebnisse lieferten. Danach schwankte der Meeresspiegel zwischen 14 und 35 Millionen Jahre vor heute mehrfach um bis zu einhundert Meter.

Bohrplattform
Bohrplattform "KAYD"
© E. Gillespie / IODP Bohrplattform
„Während der Expedition haben wir eine nahezu vollständige Abfolge von Meeresablagerungen erbohrt, die den Zeitraum von 14 bis 35 Millionen Jahre vor heute abdecken“, sagt Professor Gregory Mountain, Geowissenschaftler an der Rutgers-Universität New Jersey/USA und einer der beiden wissenschaftlichen Expeditionsleiter. „Alles in allem haben wir an drei Bohrlokationen, die sich 45 bis 65 Kilometer vor der Küste New Jerseys befanden, 1.311,4 Meter Sedimentkerne gewonnen. Dabei reichte das längste Bohrloch mehr als 756 Meter tief.“

Überreste ehemaliger Sandstrände und kontinentaler Böden
Mit Hilfe der erbohrten Meeresablagerungen kann das internationale Forscherteam herausfinden, wann beziehungsweise wie stark und wie schnell der Meeresspiegel fiel und wieder anstieg - und dies für einen Zeitraum, in dem der antarktische Eisschild anwuchs und wieder abschmolz. Die Untersuchungen im Bohrkernlager an der Universität Bremen ergaben, dass die Sedimentkerne auch Überreste ehemaliger Sandstrände und kontinentaler Böden enthalten. Aus diesen und anderen Indizien leiten die Forscher ab, dass der Meeresspiegel im besagten Zeitraum um bis zu einhundert Meter schwankte.

Insgesamt konnten sie für die Zeit zwischen 14 bis 35 Millionen Jahren vor heute zehn Zyklen identifizieren, in denen der Meeresspiegel zunächst anstieg, bevor er wieder abfiel - mit dem Ergebnis, dass sich die Küstenlinie New Jerseys drastisch seewärts verlagerte.

Süßwasserlinsen 400 Meter unterhalb des Meeresbodens
„Zu unserer großen Überraschung sind wir an allen drei Bohrstellen auf Süßwasserlinsen gestoßen, die sich bis zu 400 Meter unterhalb des Meeresbodens befinden“, sagt Expeditionsleiter Jean-Noël Proust von der französischen Universität Rennes. Das Süßwasser sammelt sich in mikroskopisch kleinen Poren zwischen den Ton- und Sandpartikeln.

„Es überrascht uns schon, dass diese Linsen mehr als 100 Meter mächtig sind. Wir nehmen an, dass die Linsen, die heute 50 Kilometer vor der Küste liegen, während der letzten Eiszeit vor mehr als 12.000 Jahren entstanden sind, als der Meeresspiegel abgesunken war und die Küstenlinie New Jerseys zeitweise seewärts unserer Bohrlokationen verlief“, so der Forscher weiter.

Mehr als 14.000 Proben genommen
Die Küstengewässer des US-Bundesstaats eignen sich besonders gut für die Erforschung von Meeresspiegelschwankungen. Zwei große Flüsse sorgten in der Erdvergangenheit dafür, dass viel Sediment von Land in den Ozean gespült wurde. Heute können diese Ablagerungen als hervorragende Archive der Erdgeschichte genutzt werden. Zudem ist die Region tektonisch stabil: die Eigenbewegungen der Nordamerikanischen Erdplatte beeinflusst die Schwankungen des Meeresspiegels kaum. Schließlich lagen die Bohrstellen der Expedition im Zentrum des flachen Küstenmeers vor New Jersey. Daher sind in den Sedimenten sowohl Phasen mit steigendem als auch mit fallendem Meeresspiegel gut archiviert.

Die Auswertung der Expedition in Bremen wird voraussichtlich am 5. Dezember 2009 abgeschlossen sein. Die mehr als 14.000 Proben, die bislang den Sedimentkernen entnommen wurden, werden von den beteiligten Wissenschaftlern in deren Heimatlabors während der kommenden Monate und Jahre weiter untersucht.

„New Jersey Shallow Shelf Expedition“
Die „New Jersey Shallow Shelf Expedition“ ist ein europäischer Beitrag zum IODP. Sie wird von ECORD, dem European Consortium for Ocean Research Drilling getragen. In diesem Konsortium arbeiten 16 europäische Nationen sowie Kanada zusammen. Die Expedition wurde zudem vom ICDP, dem Interkontinentalen Bohrprogramm, unterstützt.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Meeresspiegel, Ozeanboden, Sedimentkerne, Meeresboden, Süßwasser, Salzwasser, Eiszeiten, Küstenlinie, Flüsse
Weitere News zum Thema
Gletscher verlieren jährlich 230 Milliarden Tonnen Eis (09.02.2012)
Satelliten vermessen Ausmaß der globalen Eisschmelze
Klimawandel verhindert Eiszeit (10.01.2012)
Ohne Klimawandel begänne die nächste Eiszeit schon in 1.500 Jahren
Längste Grenze zwischen zwei Tierarten entdeckt (30.12.2011)
Verbreitungsgrenze tasmanischer Tausendfüßler gibt Forschern Rätsel auf
Eiszeit: „Tauwetter“ in Antarktis und Arktis begann zeitgleich (02.12.2011)
Abschmelzen beider Eisschilde setzte vor 19.000 Jahren ein
Polarmeer: Aktueller Klimawandel unschuldig an hohen Methanwerten (17.11.2011)
Permafrost vor der sibirischen Küste taut noch nicht auf
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Gesteine
Bohrtechnik
Dossiers zum Thema
Tiefbohrungen im Ozean
Spurensuche auf dem Grund der Meere
Vorstoß in die Tiefe
Warum Wissenschaftler Löcher in die Erde bohren
Forschen am "System Erde"
Die Geowissenschaften im Wandel
Detektive im System Erde
Das GeoForschungsZentrum Potsdam
Rätsel Wasser
Ein Lösungsmittel mit Geheimnissen
Klimawandel
Bringt der Mensch das irdische Klima aus dem Gleichgewicht?
News des Tages
Rätsel der Titanseen geknackt
40.000 Universen auf einen Streich
Polymere fischen radioaktive Isotope
Wie sich HIV vermehrt
Goldklümpchen verraten Arsen
Sedimentkerne enthüllen Meeresspiegel-Wippe
Ameisenlöwe ist Insekt des Jahres 2010
Bücher zum Thema
Der lange Zyklus
Die Erde in 10.000 Jahren von Salomon Kroonenberg
Reisen durch die Zeit
Die atemberaubende Entwicklungsgeschichte unseres Planeten
Die Erde
Eine Reise durch ihre Geschichte Kinder-Uni Bibliothek
Erdgeschichte
Spurensuche im Gestein von Peter Rothe
Minerale und Gesteine
Mineralogie - Petrologie - Geochemie von Gregor Markl
Wetter, Klima und Klimawandel
Wissen für eine Welt im Umbruch von Nadja Podbregar, Harald Frater und Karsten Schwanke
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Jeder Vierte stirbt an Krebs
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes