Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 11.02.2012
Eiszeit: Rätsel der „vorauseilenden“ Erwärmung gelöst
Steigende Kohlendioxid-Konzentration waren auch am Ende der Eiszeiten für Temperaturanstieg verantwortlich – aber nicht ausschließlich
Obwohl die Temperaturen am Ende der letzten Eiszeiten meist vor der Treibhausgaskurve anstieg, ist das CO2 trotzdem die Hauptursache. In einer neue Studie belegen Klimaforscher, dass ein durch Schmelzwasser verursachter Ausfall der atlantischen Umwälzpumpe, sowie Erdbahnfaktoren wie der Milankovitch-Zyklus, für die „vorauseilende“ Erwärmung vor allem auf der Nordhalbkugel verantwortlich sind. Ihre in der Fachzeitschrift „Quaternary Science Reviews“ erschienene Ergebnisse widerlegen auch die Argumente einiger „Klimaskeptiker“.

Was verursachte die Erwärmung am Ende der Eiszeiten?
Was verursachte die Erwärmung am Ende der Eiszeiten?
© Zee Evans/ National Science Foundation Was verursachte die Erwärmung am Ende der Eiszeiten?
Warum steigt nach dem Ende der Eiszeiten die Temperatur oft schon vor den dafür verantwortlichen Treibhausgasen? Diese Frage ist seit Jahren heftig umstritten und wird vor allem von Seiten der „Klimaskeptiker“ immer wieder gegen den Menschen als Verursacher des Klimawandels ins Feld geführt. Alles Lüge? Nicht ganz: „Daten aus antarktischen Eisbohrkernen zeigen, dass während der Erwärmung am Ende von Eiszeiten die antarktische Temperatur einige hundert bis tausend Jahre vor der CO2-Konzentration zu steigen begann“, erklärt Andrey Ganopolski vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Warum dies so ist, haben er und sein Kollege Didier Roche vom französischen Laboratoire des Sciences du Climat et de l’Environnement jetzt untersucht.

Treibhausgase für mehr als die Hälfte der Erwärmung verantwortlich
Anhand eines Klimamodells konnten die Forscher zunächst bestätigen, dass die CO2-Konzentration während der Eiszeitzyklen tatsächlich der wichtigste Faktor für Temperaturänderungen in der Antarktis ist. Die Simulationen zeigen, dass die beobachteten Erwärmungsphasen zu mehr als der Hälfte allein auf der Wirkung des CO2 als Treibhausgas beruhen. Wäre CO2 die einzige Ursache, so würden die Anstiege von Konzentration und Temperatur in etwa gleichzeitig erfolgen.

Um erklären zu können, warum die Temperatur in einigen Fällen vor der CO2-Konzentration angestiegen ist, muss berücksichtigt werden, dass CO2 ein wichtiger, aber nicht der einzige Faktor ist, der die Temperaturen während der Übergänge von Eiszeiten zu Zwischeneiszeiten beeinflusst hat. Änderungen der Umlaufbahn der Erde um die Sonne haben das Klima während der glazial-interglazialen Übergänge ebenfalls beeinflusst. Man geht davon aus, dass diese regelmäßig wiederkehrenden Veränderungen, die so genannten Milankovitch-Zyklen, für Einleitung und Ende der Eiszeiten verantwortlich sind.

Süßwasser unterbrach Umwälzpumpe und verändert Klima
Die Studie zeigt, dass sich die Veränderungen der Erdumlaufbahn direkt auf das antarktische Klima auswirken und zu dem beobachteten Phänomen des früheren Temperaturanstieges beitragen. Zudem gibt es einen indirekten Effekt: Zum Ende der Eiszeiten, ausgelöst durch die Milankovitch-Zyklen, schmolzen die riesigen Eisschilde rasant ab, die Nordamerika und Eurasien bedeckten. Das hatte einen starken Zufluss von Süßwasser in die Ozeane zur Folge, der ausreichte um den Kreislauf von Meeresströmungen im Atlantik, die so genannte Atlantische meridionale Umwälzzirkulation, für mehrere Jahrtausende zu unterbrechen.

Die Unterbrechung dieses Strömungskreislaufs verringerte drastisch den Wärmefluss von der Süd- zur Nordhalbkugel. Dies verzögerte die Erwärmung der nördlichen Hemisphäre und führte zu einer plötzlicher einsetzenden und stärkeren Erwärmung der südlichen Hemisphäre. Dies ist die Hauptursache der Temperaturanstiege noch vor den Zunahmen des CO2-Gehalts der Atmosphäre.

Kombination mehrerer Faktoren
„Die Temperaturanstiege in der südlichen Hemisphäre sind Reaktionen auf CO2, den Wärmefluss im Meer und Veränderungen der Erdumlaufbahn“, erklärt Ganopolski. „Unsere Ergebnisse zeigen deutlich, dass die zeitliche Abfolge von Temperatur- und CO2-Änderungen in der Antarktis keinen Grund liefert, die entscheidende Rolle von CO2 in Frage zu stellen.“

Jeder dieser Antriebe für klimatische Änderungen unterliegt zeitlich sehr unterschiedlichen Dynamiken. Daher sei es nicht verwunderlich, dass ihr kombinierter Effekt zu einem Temperaturanstieg noch vor dem Anstieg der CO2-Konzentration führen kann. „Um die vergangenen Klimaveränderungen vollständig erklären zu können, müssen paleoklimatische Daten in Verbindung mit umfassenden Erdsystemmodellierungen ausgewertet werden“, schreiben die Autoren.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Eiszeit, Temperatur, CO2, Kohlendioxid, Erwärmung, Treibhausgas, Klimawandel, Umwälzpumpe, Nordatlantik, Meeresströmung, Ursache, Klimaforschung
Weitere News zum Thema
Vulkanausbrüche lösten die Kleine Eiszeit aus (01.02.2012)
Forscher finden Ursache der nachmittelalterlichen Kälteperiode
Klimawandel verhindert Eiszeit (10.01.2012)
Ohne Klimawandel begänne die nächste Eiszeit schon in 1.500 Jahren
Säbelzahn-Raubtiere gab es mehrfach (05.01.2012)
Tödliche Kombination entwickelte sich mehrfach im Laufe der Evolution
Eiszeit: „Tauwetter“ in Antarktis und Arktis begann zeitgleich (02.12.2011)
Abschmelzen beider Eisschilde setzte vor 19.000 Jahren ein
Permafrost gibt fünf Mal mehr Treibhausgase ab als gedacht (01.12.2011)
Freisetzung von bis zu 380 Milliarden Tonnen Kohlenstoff bis 2100
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Arktis
Antarktis
Klimaforschung
Dossiers zum Thema
Eiszeiten
Die frostige Vergangenheit der Erde...
Streit ums Klima
Klimawandel unter Beschuss?
Meeresströmungen
Schlüssel zum Klima der Zukunft
Klimaarchiv Tropfstein
Wie Forscher im Buch der Klimageschichte blättern
Globale Zirkulationen
Alles im Fluss...
News des Tages
Ursuppe doch nur lauwarm?
Exoplaneten lösen Rätsel der Sonnenchemie
Tabuzonen für das Aidsvirus
Wie viel Wasser hat das Meer?
Mikrowelle macht nur heiß – sonst nichts
Auch Pflanzen sind altruistisch
Eiszeit: Rätsel der „vorauseilenden“ Erwärmung gelöst
Bücher zum Thema
Wetter, Klima und Klimawandel
Wissen für eine Welt im Umbruch von Nadja Podbregar, Harald Frater und Karsten Schwanke
Wir Wettermacher
von Tim Flannery
Der Klimawandel
von Stefan Rahmstorf und Hans J. Schellnhuber
Zu den Kältepolen der Erde
von Klaus Fleischmann
Spuren der Eiszeit
Landschaftsformen in Europa von Wolfgang Fraedrich
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Jeder Vierte stirbt an Krebs
3. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
4. Forscher haben See unter Antarktis-Eis angebohrt
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes